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Hannes Jaenicke: Mit Ökotainment zum Affen gemacht

In einer vierteiligen Filmreihe schildert der deutsche Schauspieler Hannes Jaenicke das Schicksal der Orang Utans – und rüttelt mit der Brechstange auf: Hochdramatische Problem-Poesie und spektakuläre Bildeffekte sind über Bilder gelegt, die auch ohne Kommentar gewirkt hätten.

Von Sebastian Wieschowski

Hach, so eine Klimakatastrophe kann ziemlich sexy sein. Zumindest, wenn Leonardo DiCaprio im Vordergrund zu sehen ist. Der smarte Hollywood-Star sinniert seit August 2007 in seinem Film "The 11th Hour" aus politisch korrektem Blickwinkel über den Untergang der Welt. Einen ähnlichen Imagewandel vollzog Al Gore, der vom zugeknöpften Beinahe-Präsidenten zum umjubelten Problem-Popstar wurde, und seit 2006 auf der Kinoleinwand unbequeme Wahrheiten verkündet.

Einsatz auf Borneo

Jetzt hat auch Hannes Jaenicke sein grünes Gewissen entdeckt. Der Mann, der nach zahlreichen Fernsehproduktionen zum deutschen TV-Inventar gehört und sich auf der Internetseite des ZDF mit der Bildunterschrift "ein Mensch mit großem Herz" ankündigen lässt, drehte auf eigene Faust und Rechnung eine Dokumentation über das Schicksal der Orang Utans auf Borneo in Zusammenarbeit mit dem holländischen Tierschützer Willie Smits. Die gefühlte Botschaft an die TV-Nation: "Einsatz in vier Wänden Spezial" war gestern, "Hannes Jaenicke im Einsatz für Orang-Utans" ist die Zukunft der Fernsehunterhaltung - weg vom "Dokutainment", hin zu einer Mischung aus "Ökotainment" und "Dramatainment".

Der schauspielernde Umweltaktivist doziert mit Raubeinstimme vor der Kamera: Als Schauspieler habe er mit Krimis und Thrillern zu tun, es gehe um Leben und Tod, um Gut und Böse, um Täter und Opfer. Dann folgt die dramatische Überleitung zum Thema: "Der Unterschied zu dem Krimi, den ich Ihnen jetzt zeige: Er ist echt". In Nahaufnahme werden die putzigen Tierchen gezeigt, Jaenicke lässt seine Zuschauer wissen: "Vor fünfzehn Millionen Jahren saßen wir noch gemeinsam auf den Bäumen". Und: "Sie sind sozial, intelligent und erfinderisch".

Bilder schnell und grell geschnitten

Viele der Affen "leiden an schweren Depressionen", erklärt Jaenicke in seiner Doku. Oder sie würden gefesselt und von perversen Zeitgenossen für sexuelle Grausamkeiten missbraucht. Diese unbequemen Tatsachen präsentiert Hannes Jaenicke im Stil einer amerikanischen Crime-Serie. Die Bilder sind schnell geschnitten und mit knalligen Soundeffekte unterlegt, besonders dramatische Szenen sind besonders stark verwackelt. Immer wieder weist Jaenicke auch in Worten auf die Tierquälerei hin: "Jeder Orang Utan hier hat eine Geschichte", und "aber Pony ist kein Einzelfall", kommentiert er den Exkurs über das Schicksal der zwangsprostituierten Affendame namens Pony - Meister des explosiven Betroffenheitsjournalismus wie Margarete Schreinemakers oder Barbara Eligmann hätten es nicht besser sagen können.

Dabei hätten viele Szenen in der Dokumentation auch ohne vollmundige Kommentare gewirkt: Orang Utans, die sich in einem Boxring für schamlose Thailänder und Touristen im "Freizeit"-Park zum Affen machen. Tiere, die für sexuelle Grausamkeiten kahl rasiert und angekettet werden. Niedliche menschenähnliche Kreaturen, denen drei Finger abgehackt oder die Augen aus dem Kopf geschossen wurden. Es sind unzählige Bilder, die sich in 45 Filmminuten im Gedächtnis des Zuschauers fest brennen. Der hollywoodreife Erzählstil eines deutschen Schauspielers ist dafür nicht verantwortlich.

Affendame stirbt in praller Sonne

Doch Jaenicke wird nicht müde, auch dem bedauerlichsten Schicksal einen geradezu drehbuchmäßig geplanten Plot abzugewinnen: "So absurd, echt", schimpft er, als Affendame "Monty" an einem Herzschlag stirbt nachdem sie gerade aus jahrelanger Käfighaltung befreit wurde. Monty liegt auf dem Boden, Helfer versuchen sie wiederzubeleben und pressen auf ihrem Brustkorb.

"Willie Smits muss auch mal eine Niederlage einstecken", mutmaßt der deutsche Dramaturg sichtlich geschockt und sinniert weiter über das Schicksal der Affendame: "Ob es nicht schöner ist, in Freiheit zu sterben, als den Rest ihres Lebens im Käfig zu sitzen?" Ob sich der Mensch bei dieser Art von Ökotainment nicht selbst zum Affen macht?