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Interview mit Popstars-Gewinner Grimm: Der vergessene Sieger

Markus Grimm war mit der Popstars-Band Nu Pagadi für ein knappes Jahr ganz oben, dann ging es bergab - er kennt die Casting-Maschinerie aus leidvoller Erfahrung. Er weiß, wie schmerzhaft es ist, fallen gelassen zu werden. Im Interview erklärt er außerdem, wie Sender Pophelden machen und wie das Publikum manipuliert wird.

Herr Grimm, wie fühlt es sich an, vergessen zu sein?
Markus Grimm: Eigentlich fühle ich mich gar nicht vergessen, denn ich spiele ja immer noch eine wichtige Rolle im Leben anderer und in gewisser Weise auch in den Medien.

Aber vergessen ist zumindest Ihre Rock-Band Nu Pagadi, die 2005 auf Platz eins der deutschen Charts landete. Sie und Ihre Band-Kollegen trugen damals Steinzeit-Kostüme, produzierten einen Sound, den Stefan Raab eine Mischung aus Dschingis-Khan und Rammstein nannte. Welche Erfahrung haben Sie im Casting-Geschäft gemacht?
Nu Pagadi war eine Schöpfung von Produktionsfirmen und wir, also die vier Band-Mitglieder, waren als Sieger aus der Castingshow Popstars hervorgegangen. Das Schema, nach dem solche Casting-Bands entstehen, ist oft gleich: Ein Produktionsteam legt alles fest, vom Namen über die Musikrichtung bis zu den Bühnenauftritten. Auch die Zusammensetzung der Band wird gesteuert: Zunächst sucht das Produktionsteam, während die Staffel läuft, einen Kandidaten aus, der gut in das Konzept passt und um den herum sich die geplante Band "bauen" lässt. Damit dann am Ende auch die gewünschten Kandidaten zu den Gewinnern der Show gehören, werden die Fernsehzuschauer so beeinflusst, dass sie die Band genauso zusammenvoten, wie es sich das Produktionsteam wünscht.

Wie kann man das Publikum denn entsprechend beeinflussen?
Das ist leicht, denn die Produzenten können im Verlauf der Staffel ja verfolgen, wie die Votings ausfallen und dementsprechend positive oder negative Berichte über die einzelnen Kandidaten verbreiten, so dass sich die Voter am Ende für die gewünschten Kandidaten entscheiden. Das Ganze ist ein Kartenspieler-Trick, ein Fake, der aber nur funktioniert, weil sich die Leute manipulieren lassen.

Nu Pagadi hatte erfolgreiche Titel. Wer hat an der Band verdient?
Ach, verdient haben an uns viele - nur wir nicht. Während der Sendephase machen Sender und Produktionsfirma mit den Einnahmen durch die Werbung und das Telefonvoting das große Geld. Danach wird durch den Vertrag geregelt, wer wie viel verdient: Die Hälfte bekommt der Sender, einfach deshalb, weil man durch den Sender überhaupt stattfindet. Das hat in gewisser Weise seine Berechtigung, denn dank Popstars nimmt man eine starke Abkürzung ins Showbusiness. Weitere 20 Prozent gehen an das Management. Wir mussten außerdem für Videodrehs, Kostüme, Promotion-Kosten und so weiter aufkommen. Da bleibt nicht mehr viel übrig.

Auf den Erfolg folgte also die erste Ernüchterung. In Ihrem Buch "Sex, Drugs & Castingshows. Die Wahrheit über DSDS, Popstars & Co" beschreiben Sie Ihr Verhältnis zu Tanzcoach und Jury-Mitglied Detlef D! Soost, der Sie innerhalb weniger Tage vergessen hatte.
Ja, wir hatten, während die Staffel lief, ein sehr vertrautes, freundschaftliches Verhältnis. Und als ich ihn dann zwei Wochen nach dem Finale anrief, sagte er nur "Markus wer?". Detlef war wirklich die erste große Enttäuschung in dem ganzen Spiel. Wir haben uns während der Popstars-Zeit oft über unsere ähnlichen Jugenderfahrungen unterhalten. Ich habe mich mit ihm verbrüdert und wir haben uns supergut verstanden. Erst nach dem Finale ist mir bewusst geworden, dass das alles nur projektbezogen war. In den folgenden Staffeln habe ich dann gesehen, dass er anderen Kandidaten dasselbe erzählt hat wie mir. Ich kam mir total benutzt vor, weil ich dachte: "Das war doch unser Moment!"

Ex-Juror Sido hat im Oktober 2009, ein Jahr nach seinem Ausstieg, Popstars kritisiert. Er sagte: "Du kannst so gut performen wie du willst. Wenn du keine spannende Story zu erzählen hast, kommst du nicht weiter." Was war Ihre spannende Geschichte?
Bei uns damals gab es diese vorgespielten Schicksalsnummern noch gar nicht in dem Maße. Die Musik spielte noch eine größere Rolle, man konnte also auch noch weiterkommen, ohne dass einem ein Bein fehlte oder die Mutter gerade die Brust amputiert bekam. Die Macher hinter den Kulissen versuchten natürlich auch in unserer Staffel, Intrigen zwischen den Kandidaten zu spinnen, um die Spannung zu steigern, aber als das nicht funktionierte, ließen sie es wieder.

Und Sie kamen ohne Schicksalsgeschichte aus?
Nicht gänzlich. Mein Vater lag damals im Sterben, und irgendwann kam jemand vom Produktionsteam zu mir und meinte, ich sollte jetzt mal etwas über mein Privatleben und meinen Vater erzählen, um mich interessanter zu machen. Und dann saßen wir in einem Heufeld und ich habe über alles geredet, aber ohne dass ich eine emotionale Show daraus gemacht habe. In dem Moment war ich mir auch gar nicht darüber im Klaren, dass es darum geht, beim Publikum Mitleid zu erregen. Für die Einblendungen beim Finale wurden diese Aufnahmen auch nicht verwendet.

Sie wurden gezielt dazu aufgefordert, Details aus Ihrem Privatleben zu erzählen?
Oder gezielt dazu aufgefordert, es nicht zu tun. Als ich mich als schwul outen wollte, warnten mich die Medienberater, dass das meine Karriere sehr schnell beenden könnte. Dann würden sich die Mädchen vor dem Fernseher nicht mehr für mich interessieren, ich hätte keine Chance, in die Band zu kommen und die Quote würde auch nach unten gehen. Aber sie hatten Unrecht, ich hatte ja dann doch Erfolg, weil ich eben ein Typ war, der ehrlich rüberkam und mit dem man reden konnte. Das fanden die Zuschauer - und Zuschauerinnen - wohl sympathisch.

Schon nach neun Monaten war Nu Pagadi am Ende. Wie erging es Ihnen, nachdem Ihr Traum vom Popstar-Leben 2005 endgültig geplatzt war?
Schlecht. Ich wollte und konnte einfach nicht wahrhaben, dass alles vorbei sein sollte. Ich lag oft nur zu Hause auf dem Teppich, habe an die Decke gestarrt und die Zeit ist an mir vorbeigerauscht. Ich wusste nichts mit mir anzufangen, war depressiv. Ich hatte viele Songs geschrieben, hatte Buchideen, aber das alles interessierte zunächst niemanden mehr. Mir kam der Gedanke: Wenn du jetzt aus dem Leben scheiden würdest, dann ließe sich das alles plötzlich hervorragend vermarkten. Es heißt ja: "Der Tod verkauft gut." Meine eigenen Gedanken begannen, mir Angst zu machen.

Trotz Ihrer kritischen Haltung gegenüber den Mechanismen der medialen Vermarktung breiten Sie große Teile Ihres Privatlebens in der Öffentlichkeit aus. So erfährt man in Ihrem Buch viel über Ihr Sexleben während der Bandzeit.
Ja, ich weiß schon, dass ich manchmal die Grenzen überschreite. Aber wir haben zu Beginn unserer Arbeit am Buch gesagt, wir packen alles aus. Und die Passagen, in denen es um Gruppensex und ähnliche Geschichten geht, die gehören einfach in diese Zeit. Grundsätzlich lesen die Leute solche schmutzigen Geschichten ja auch gerne. Und ich wollte deutlich machen, wie oberflächlich zu der Zeit alles war. Die Leute damals hatten keinen Sex mit mir, Markus, sondern mit dem Produkt, dem "Star". Es gibt keinen unpersönlicheren Sex als den mit Groupies.

Sie haben in Ihrem Buch auch Verträge veröffentlicht, die Sie mit den Produzenten geschlossen haben. Haben Sie rechtliche Konsequenzen zu spüren bekommen?
Nein, leider nicht. Wenn man uns verklagt hätte, würde das Buch nur noch prominenter werden. Die haben da eine sehr große Schmerzfreiheit. Schade eigentlich.

Dieses Interview ist ein für stern.de bearbeiteter Vorabdruck aus dem Buch von Bernhard Pörksen und Wolfgang Krischke (Hrsg.): "Die Casting-Gesellschaft". Es erscheint im September 2010 im Herbert von Halem Verlag (Köln) und kostet 18 Euro. http://casting-gesellschaft.lookingintomedia.com/

Magdalena Ebertz und Kati Trinkner
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