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Ivy Quainoo ist die "Voice of Germany": Un-fucking-fassbar gut, diese Jury

Die beste Stimme Deutschlands ist gefunden. Und obwohl das Ergebnis schon vorher klar war, wurde das Finale richtig spannend - dank vier super aufgelegter Juroren und einer röchelnden Nena im Minikleid.

Von Sophie Lübbert

Es ist kurz vor Schluss, wenige Minuten vor dem Ende, als Sascha es nicht mehr aushält. Nervös steht er auf der Bühne, die Hand vor den Mund gepresst, der Blick starr. Eigentlich ist er einiges gewöhnt: breitkrempige weiße Cowboy-Hüte in der Öffentlichkeit tragen, ohne rot zu werden, zum Beispiel. Oder unter dem Namen "The BossHoss" auftreten und Country-Songs vor hyperventilierenden Teenies singen. Der Mann ist abgehärtet, sollte man denken, den kann nichts mehr so schnell aus der Ruhe bringen.

Doch jetzt, hier, an einem kalten Abend im Februar, auf einer Bühne im Berliner Fernsehstudio mitten im grellen Scheinwerferlicht und vor den Augen von ganz TV-Deutschland, da verlassen ihn die Nerven. "Ist das krass", kiekst er ins Mikrofon, dann grinst er schief und wackelt aufgeregt mit dem Kopf.

"Ich will euch jetzt nicht weiter auf die Folter spannen", liest Moderator Stefan Gödde von seinem Kärtchen ab, um dann eine minutenlange Pause zu machen. "Ivy hat gewonnen!", ruft der Moderator schließlich und Sascha, Hoss-Sänger und Hutträger, rastet aus. Er schreit, lässt sich auf den Boden fallen, steht wieder auf und hüpft wild über die Bühne. Gerade hat sein Schützling, Ivy Quainoo, die Casting-Show "The Voice of Germany" gewonnen und während die 19-Jährige zwar mit Tränen in den Augen ihrer Familie und den Fans dankt, ist es Sascha Vollmer, ihr Mentor, der sich kaum noch beruhigen lässt.

Echtheit und ehrliche Freude

Und genau dieser Moment ist es, der den ganzen Abend, die ganze Show, das ganze Finale rettet. Der, in dem man ahnt: in dieser Sendung geht es ganz vielleicht wirklich um mehr, als darum, die nächste musikalische Eintagsfliege zu finden und fallen zu lassen - nämlich um Echtheit, um ehrliche Freude über ein großes, gerade entdecktes Talent, die in solchen Formaten sonst fehlt.

Dabei war das Finale bis zu diesem Punkt ziemlich langweilig, da stark vorhersehbar. Denn schon lange vorher hatten sich zwei Favoriten verabschieden müssen: Percival Duke, der mehr Schlagzeilen mit einem Wutanfall am Hotelbuffet (es gab keine Bananen) gemacht hatte als mit seiner Musik und Rino Galiano, der wirkte wie ein grell angezogenes, herrenloses Meerschweinchen mit traurigen Augen und dabei so wunderbar herzzerreißend singen konnte, dass sich alle Damen über 40 die Finger für ihn wund wählten.

Doch seit zwei Wochen waren diese beiden weg und seit zwei Wochen gab es dann kaum eine andere mögliche Siegerin als eben diese hier: Ivy Quainoo, 19-jährige musikalische Anfängerin mit herausragender Stimme und enorm viel Bühnenpräsenz.

Entscheiden konnten im Finale nicht mehr die Coaches Rea Garvey, Nena, The BossHoss oder Xavier Naidoo, sondern allein die Zuschauer, mit ihren Anrufen - oder den Downloads der Kandidaten-Songs, die bereits seit einer Woche möglich und gezählt worden waren. Ivy war bisher in jeder vorherigen Sendung mit großem Zuschauerzuspruch direkt weiter gewählt worden; es gab also schon beim Start des Finales wenig Zweifel, wer schließlich am Schluss mit dem Plattenvertrag in der Hand hinaus spazieren würde.

Wilde Reime

Singen musste Ivy trotzdem noch. Ebenso wie ihre drei Konkurrenten Max Giesinger, Kim Sanders und Michael Schulte durfte sie ihr eigenes Lied vortragen, danach noch ein Duett mit den jeweiligen Mentoren und schließlich einen gemeinsamen Song mit einem bereits berühmten Musiker. Die Reihenfolge war bei jedem der Talente unterschiedlich, manche begannen mit dem Mentoren-Song, andere mit ihrem eigenen. Das lockerte den ganzen Ablauf auf - hauptsächlich, weil die eigenen Songs der Kandidaten tendenziell zu den schlechteren des Abends gehörten und so über die Zeit verteilt wurden.

Max Giesinger war kaum zu verstehen, er nuschelte stark ins Mikrofon, reimte "aufgeregt" auf "schlafen gelegt" und ging förmlich unter, während auf der Leinwand im Hintergrund eine kitschig orange-rote Sonne dasselbe tat. Später durfte er mit UK-Sängerin Katie Melua auftreten und deren Hit "Nine Million Bicycles" singen; doch nachdem er im Einspieler schon erklärt hatte, er wolle mit ihr nach Karlsruhe ziehen und dort eine Familie gründen, zeigte er sich dann auch auf der Bühne wie ein verliebter Teenager. Schüchtern betrachtete er lieber seine Schuhspitzen und murmelte den Text vor sich hin, als seine Duettpartnerin anzuschauen - nicht sehr hilfreich bei einem gemeinsamen Auftritt.

Besser wurde es erst mit seinem Mentor Xavier Naidoo, der zur Feier des Tages auf seine getönte Brille verzichtet hatte. Eventuell deshalb war auch Max gelöster, der Song war nett, aber nicht so herausragend wie die Jury ihn ausmachte ("Das hat gerockt" von Garvey, stummes ergriffenes Keuchen von Nena).

Auch bei Michael Schulte war das Lied mit seinem Mentor Garvey das beste des Abends. Vorher musste er mit einem rothaarigen, britischen Musiker auf die Bühne, der zwar "Weltstar" (O-Ton Moderator), aber offensichtlich nur eingeladen war, weil er dieselbe Frisur wie der Kandidat trug. Dazu hatte Michael einen netten eigenen Song zu bieten, aber er musste dabei inmitten einer Armada von Glühbirnen herumsitzen - ohne ersichtlichen Grund, dafür aber recht angespannt.

Totgeborene Witze

Ivys eigener Song erinnerte an eine "James Bond"-Titelmelodie, das Duett mit The BossHoss war nicht umwerfend, aber so, dass man ihre herausragende Stimme hören konnte und sie hatte außerdem das Glück, mit der Sängerin Florence + the Machine singen zu dürfen. Die Dame war sicher die bekannteste und international erfolgreichste Musikerin des Abends und nach eigener Aussage völlig begeistert von Ivy.

Kim Sanders sang zwar auch. Das fiel aber weniger auf, weil sie den ganzen Abend ihrer Mutter im Publikum zuwinkte. Die war extra aus Texas eingeflogen, wie der Moderator nicht müde wurde zu erwähnen. Außerdem hatte sie gleich noch den Rest der Familie mitgebracht und weinte immerzu so schön, dass die Kamera auf ihr beinahe länger hängen blieb als bei ihrer Tochter auf der Bühne. Nur der gemeinsame Song mit Nena hinterließ Eindruck, weil beide Damen kurze Lederkleidchen trugen und am Ende im Spagat saßen.

"Das hätte ich gar nicht von Dir erwartet, in Deinem Alter", bemerkte Moderator Gödde uncharmant in Richtung Nena. Er verkraftete es offenbar nicht, dass alle seine Witze schon verendeten, bevor sie richtig in der Welt waren ("Worauf zeigst Du denn da?", lüstern zu einer Dame, die auf ihr bedrucktes T-Shirt über der Brust deutet, sie: "Ein T-Shirt", er: "Aha") - und dass er diesbezüglich gegen die Jury ohnehin keine Chance hatte.

Ununterbrochen Liebesbekundungen

Die Juroren ärgerten sich untereinander, machten böse Bemerkungen, waren wirklich gute Entertainer, ohne überhaupt auf der Bühne zu stehen. Manchmal störte Nena ein wenig mit ihren ununterbrochenen Liebesbekundungen ("Ich habe euch alle so lieb!", "Ich liebe Dich", "Das ist reine Liebe"), aber über drei Stunden verteilt waren ihre guten Schwingungen erträglich - und ihre Kollegen machten die Ausrutscher mehr als wett. Je später der Abend, desto unterhaltsamer wurden sie. Und desto aufgeregter.

Denn eine Sache, die alle Mentoren taten und die zugleich den Erfolg der Sendung und des gesamten "The Voice"-Konzepts ausmacht, die die Show zur erfolgreichsten Casting-Sendung des Jahres hat werden lassen, ist: Die Juroren nehmen sich nicht allzu wichtig.

Das hatte sich schon in den Blind Auditions zu Staffelbeginn angedeutet, als sie sich übereinander lustig machten und verbissen um die guten Sänger kämpften. Später dann wirkte es, als schafften sie es wirklich, einen Zugang zu ihren Talenten zu finden - und schließlich retteten sie damit auch das ansonsten doch schon oft ähnlich gesehene Finale.

Natürlich versuchen alle, sich im besten Licht zu präsentieren. Sie nutzen die Sendung, gehen zufällig in der nächsten Zeit auf Tour oder bringen neue Alben raus. Aber vor allem sitzen sie dort und suchen nach Talent.

Weinen und Lachen

Und sie sind selbst völlig aus dem Häuschen darüber, wenn sie es finden. So wie in Ivy Quainoo. BossHoss-Mitglied Sascha Vollmer konnte nach ihrem Sieg kaum aufhören, die 19-Jährige in die Arme zu reißen. Es wirkte nicht so, als habe das Mädchen gewonnen, sondern als fühle sich Vollmer auf dem Treppchen. So, als freue er sich ehrlich über Ivys Erfolg.

Er drückte sie noch ein letztes Mal in die Arme, dann winkte er stolz in die Kamera und schaute seinem Schützling zu, wie sie auf die Bühne ging, um ihren Siegertitel "Do You Like What You See" vorzutragen.

Und als Ivy dort oben stand, abwechselnd weinend und lachend, und mit ihrer klaren unverwechselbaren Stimme sang, angestrahlt von Scheinwerfern, aber trotzdem entspannt und gelöst - da konnte man Sascha Vollmer mehr als verstehen.

Sophie Lübbert