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Analyse

Satiriker: Meint der das ernst? Darum will Jan Böhmermann für den SPD-Vorsitz kandidieren

Mit dieser Ankündigung hat Jan Böhmermann neuen Schwung in die Debatte gebracht: Der TV-Clown möchte für den SPD-Vorsitz kandidieren. Welche Absicht steckt dahinter?

Jan Böhmermann kandidiert für den SPD-Vorsitz

"Malzbier auf, Tüte Pom-Bären aufm Schoß, jetzt #annewill": Mit diesem Tweet hat sich Jan Böhmermann nach wochenlangen "Twitterferien" am Sonntagabend in die öffentliche Debatte eingeschaltet. In der ersten Talkshow nach der Sommerpause hatte die Moderatorin unter anderem Olaf Scholz zu Gast, dem bislang aussichtsreichsten Bewerber auf den SPD-Parteivorsitz. Der hatte es dem Satiriker besonders angetan. Gleich mehrfach arbeitete er sich an dem wenig charismatischen Politiker ab: "Lege mich fest: Olaf Scholz ist ein waschechter SPD Kanzlerkandidat!", schrieb er auf Twitter. Und kurz darauf: "Für die SPD ist in der Führung KONTINUITÄT superwichtig: DARUM OLAF SCHULZ WÄHLEN!"

Es ist gut möglich, dass er erst an diesem Abend den Entschluss gefasst hat, den Hut in den Ring zu werfen. Im Traum sei ihm Willy Brandt erschienen, erzählt er im "Neo Magazin Royale". Der habe ihn zu der Kandidatur ermuntert: "Du musst es machen, der Olaf ist ne Pfeife."

Die Zeit ist knapp

Viel Zeit bleibt dem gebürtigen Bremer nicht: Die Bewerbungsfrist endet am Sonntagabend um 18 Uhr. Bis dahin braucht er die Unterstützung von mindestens fünf Unterbezirken, einem Bezirk oder einem Landesverband. Zudem muss er schnell noch in die Partei eintreten - bislang ist er kein Mitglied. Doch meint es der Satiriker überhaupt ernst mit seiner Kandidatur? 

Zumindest geht er professioneller an die Sache heran als jeder andere Bewerber. Er hat für seine Kampagne einen eigenen Hashtag, "#neustart19", sowie die Website "neustart19.de" entworfen. Darauf findet sich seine Erklärung, weshalb er für den Parteivorsitz kandidieren möchte. Dazu gibt es ein siebenminütiges Video und die Einladung zum Bürgerdialog im Netz. Und natürlich beteuert der 38-Jährige, es handele sich um keinen Witz.

Von seiner politischen Einstellung ist es sogar denkbar, dass der Satiriker seine Heimat in der SPD sieht. Er kommt aus dem klassisch sozialdemokratischen Milieu, sein Vater war Polizist im roten Bremen. Böhmermann verfügt, wie er selbst sagt, über eine "klassische Gerhard-Schröder-Biografie".

Jan Böhmermann ist ein Moralist

Zudem schimmert in seinen politischen Äußerungen eine große Sympathie für die Sozialdemokraten durch. Eine Partei, an der sich der Moderator des "Neo Magazin Royale" besonders heftig abarbeitet. Wie ein enttäuschter Liebhaber leidet Böhmermann sichtlich am desolaten Zustand der Partei. Das kann durchaus ein Antrieb für sein Engagement sein.

Dass er zu ernsthaften Aktionen fähig ist, hat er mehrfach bewiesen. In Böhmermann schlummert ein Moralist, der immer wieder zum Vorschein kommt. Zuletzt etwa mit seiner Spendenaktion für die private Seenotrettung, bei der er mehr als eine Million Euro sammeln konnte. Zusammen mit Klaas Heufer-Umlauf übrigens, der die SPD bereits in Wahlkämpfen unterstützt hat.

Beppe Grillo als Vorläufer

Es gäbe durchaus Vorbilder für Böhmermann. Dass ein TV-Clown in die Politik geht, ist in Deutschland zwar (noch) ungewöhnlich, andere Länder sind in der Hinsicht schon weiter. So hat der italienische Komiker und Kabarettist Beppe Grillo die Fünf-Sterne-Bewegung gegründet, die bei der Parlamentswahl 2013 aus dem Stand auf 25 Prozent kam. 2018 wurde sie mit 32 Prozent gar stärkste Partei und stellt die Regierung. In der Ukraine ist ein Kabarettist Staatspräsident: Wolodymyr Selenskyj gewann im Mai die Wahl mit 73 Prozent. 

Es gäbe also durchaus Vorläufer, sollte es Böhmermann ernst meinen. Doch genau daran bestehen gravierende Zweifel: Der 38-Jährige ist Satiriker mit Leib und Seele, er kann nicht aus seiner Haut. Das wird in seiner Bewerbungsrede an vielen Stellen deutlich: Er sei "irgendwas zwischen Hurensohn und Ehrenmann", kokettiert er, habe sich mit öffentlichen Geldern hochgearbeitet und durch seine bisherige Arbeit "persönliche Kontakte zu ausländischen Staatsoberhäuptern knüpfen können"- in Anspielung an seinen Streit mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. Er ist eben doch eine Krawallschachtel, diese Seite kann er nicht ablegen. Deswegen ist seine Kandidatur auch nur ein Witz, wenngleich ein guter.

Denn mit der SPD ist es ihm durchaus ernst. Mit seiner Bewerbung für den Parteivorsitz legt er offen, woran es bei den Sozialdemokraten krankt: Es gibt keine Begeisterung, kein Charisma, keine zeitgemäßen Kampagnen. Die Partei steckt kommunikativ immer noch im 20. Jahrhundert. Böhmermann zeigt den Genossen, wie man Menschen wieder für Politik begeistern kann. Er macht es ihnen vor - umsetzen muss es ein anderer.