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Streit um Böhmermann-Sendung: Türkischer Botschafter sieht Gefühle von türkischen Mitbürgern verletzt

Jan Böhmermann beleidigt den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Das ZDF nimmt den umstrittenen Beitrag aus der Mediathek. Worum es bei dem Streit geht und wie die Reaktionen darauf ausfallen.

Die Reaktionen auf Jan Böhmermanns neuesten Coup fallen unterschiedlich aus.

Genial oder eine große Dummheit? Die Reaktionen auf Jan Böhmermanns neuesten Coup fallen unterschiedlich aus.

Streit um die Grenzen von Satire: Das ZDF hat in der Nacht zu Samstag in Jan Böhmermanns Sendung "Neo Magazin Royale" einen Beitrag gestrichen. Wie vom Sender angekündigt, war das Schmähgedicht des Satirikers und Grimmepreisträgers über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan darin nicht mehr zu sehen. Wegen einer Programmänderung nach dem Tod von Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher verschob sich die Sendung außerdem von Mitternacht auf 1.15 Uhr.

In der ersten Ausstrahlung auf ZDFneo am Donnerstag las Böhmermann das Gedicht vor, wies aber selbst darauf hin, dass solche Schmähkritik in Deutschland nicht erlaubt sei. "Das kann bestraft werden." Die Verse enthalten zahlreiche Formulierungen, die unter die Gürtellinie zielen.

Um was geht es genau?

Böhmermann nahm mit dem "Schmähkritik" überschriebenen Gedicht Bezug auf das NDR-Fernsehmagazin "extra 3", das zuvor einen umstrittenen satirischen Beitrag über Erdogan ausgestrahlt hatte. Der türkische Präsident hatte erbost darauf reagiert, der deutsche Botschafter in Ankara wurde einbestellt.

Solche Beiträge seien in Deutschland durch die Kunst- und Pressefreiheit gedeckt, hatte Böhmermann in der Erstausstrahlung erläutert. "Das darf man hier." Anders als herabwürdigende Schmähkritik, die nicht erlaubt sei. "Vielleicht erklären wir das an einem praktischen Beispiel", kündigte der Satiriker an und trug dann das "Schmähkritik"-Gedicht vor - mit dem Hinweis "Was jetzt kommt, das darf man nicht machen".

Wie begründet das ZDF seine Entscheidung?

Das ZDF hatte am Freitag mitgeteilt, der Beitrag im "Neo Magazin Royale" entspreche nicht den Ansprüchen, die der Sender an die Qualität von Satiresendungen stelle und angekündigt, die Passage zu entfernen. Auch in der ZDF-Mediathek und im YouTube-Kanal von "Neo Magazin Royale" war er nicht mehr abrufbar. ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler erklärte in einer Stellungnahme: "Wir sind bekannt dafür, dass wir bei unseren Satire-Formaten breite Schultern haben und den Protagonisten große Freiräume geben." Es gebe aber Grenzen der Ironie und der Satire. 

Hat Jan Böhmermann genau die Reaktion erwartet?

In der Nacht zum Samstag war in der Sendung weiterhin ein Erdogan-Foto im Hintergrund zu sehen, auch der Titel lautete nach wie vor "Böhmerwie, Böhmerwo, Böhmermann", eine Anspielung auf den "extra 3"-Beitrag "Erdowie, Erdowo, Erdowan" - nur der Beitrag mit dem Gedicht fehlte. Unklar ist, inwieweit Böhmermann mit der Provokation genau das erreichen wollte, was dann eingetreten ist. "Was könnte da jetzt passieren?" fragte er nach dem Vorlesen des Gedichts bei der Erstausstrahlung. Sein Partner Jan Kabelka mutmaßte: "Unter Umständen nimmt man's aus der Mediathek." So kam es dann auch.

Wie sind die Reaktionen auf das Video?

Kurz nachdem das ZDF entschieden hatte, das Böhmermann-Video aus der Mediathek zu nehmen, ging die "Heute Show" auf Sendung - und tat, was viele erwartet hatten. Oliver Welke kommentierte die Entscheidung spitz: ""Anders als die reudigen Hunde von Extra3 machen wir über den großen Präsidenten, der je gelebt hat keine Witze", sagte er auf Türkisch, dazu wurde eine deutsche Übersetzung eingeblendet. "Deshalb lassen wir uns jetzt jeden Gag abnehmen von einem türkischen Zensor."

Das Team der Satire-Kollegen von der "heute show" twitterte im Anschluss: "Das war die #heuteshow! Hoffentlich darf sie auch ungekürzt in die Mediathek." Jan Böhmermann kommentierte das nicht - schickte aber einen Retweet an seine Follower.

Als "ziemlich kluge Clownerie" stuft "Spiegel Online" Böhmermanns Video ein. In Wahrheit sei es im 'Neo Magazin Royale' nicht um Erdogan gegangen. "Der eigentliche Witz spielte sich eine Ebene höher ab. Böhmermann, immerhin ein Schüler Harald Schmidts, erklärte Satirefreiheit, indem er mit ihr spielte." Das ZDF habe dies einfach nicht verstanden.

Ganz anders sieht es die Onlineausgabe der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Das ZDF habe den Beitrag aus gutem Grund zurückgezogen, heißt es dort. "Jan Böhmermann tut dem türkischen Präsidenten einen großen Gefallen." Indem er sich um die Grenze zwischen Satire und Schmähkritik nicht kümmere, spiele er ihm, der die Medien gerne pauschal kritisiert, in die Hände. Das Spottlied des NDR-Magazins „Erdowie, Erdowo, Erdogan“ habe sich gegen Korruption, gegen die Unterdrückung der Meinungs- und Pressefreiheit, gegen die Unterdrückung der Frauen und den Krieg gegen die Kurden gerichtet. "Diese Satire sitzt. Sie übertreibt wenig und macht  Erdogan kenntlich", urteilt "FAZ.net".  Böhermann reiße "das alles mit dem Allerwertesten wieder ein".

Der türkische Botschafter in Berlin, Hüseyin Avni Karslioğlu, äußerte sich auf "jetzt.de" ebenfalls zu dem Vorfall. "In Hunderten von Telefonaten, die ich heute erhalten habe, haben sowohl türkisch- als auch deutschstämmige Bürger und Bürgerinnen ihre verletzten Gefühle zum Ausdruck gebracht und ihre Meinung geäußert, dass Herr Böhmermanns Video an das Rassistische grenzt", sagte er dem Jugendmagazin der "Süddeutschen Zeitung".

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lea/DPA