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Jan Georg Schütte über "Das Begräbnis" "Ich habe das Gefühl, dass im deutschen Fernsehen so viel Papier knistert"

Jan Georg Schütte
Der Schauspieler, Regisseur und Drehbuchautor Jan Georg Schütte wurde 1962 in Oldenburg geboren. Bei seinen eigenen Filmen setzt er auf improvisierte Dialoge.
© Eventpress/ / Picture Alliance
Wenn er Regie führt, müssen die Schauspieler improvisieren. So auch im Mehrteiler "Das Begräbnis", in dem sich eine Familie lustvoll zerfleischt. Im stern-Interview erzählt Jan Georg Schütte, wie er zu dieser Arbeitsweise kam - und warum er nicht anders arbeiten will.

Zwei Grimme-Preise hat er bereits bekommen, zuletzt 2021 für seinen Mehrteiler "Für immer Sommer 90": Regisseur Jan Georg Schütte hat das improvisierte Spiel zu seinem Markenzeichen gemacht und verbindet dies mit klugen Plots, in denen sich Spontaneität und Konstruktion die Waage halten. In seinem neuen Werk, dem Sechsteiler "Das Begräbnis" (ab Dienstag, 22.50 Uhr im Ersten), werden wir Zeuge, wie auf der Beerdigung des Patriarchen alte Konflikte aufbrechen und Lebenslügen platzen. Eine furiose Familienserie zwischen Ost und West mit Charly Hübner, Devid Striesow, Claudia Michelsen, Anja Kling und zahlreichen anderen bekannten Schauspielern.

Herr Schütte, ist Ihnen langweilig, wenn Sie bei Dreharbeiten ein komplett ausformuliertes Drehbuch vorfinden? 
Als Regisseur würde ich Panik kriegen, weil ich gar nicht wüsste, wie ich das Drehbuch zum Leben erwecken soll. Ich habe das Gefühl, dass im deutschen Fernsehen so viel Papier knistert. Es gelingt nur selten, wirklich lebendiges Fernsehen zu machen, wo man das Gefühl hat, die Dialoge entstehen alle im Moment.  

Woran liegt das? 
An den Autoren sicher nicht, ich kenne einige sehr gute, die lebendige Dialoge schreiben können. Ich glaube, es ist eine Kombination von Autoren- und Regiearbeit und Redaktionen, die da zu oft drüberbügeln. Es soll zu sauber sein. Und es muss alles verständlich sein, damit der Zuschauer nicht überfordert wird. 

Ist das in anderen Ländern anders? 
Ich sehe gerade eine englische Serie, da gibt es eine Szene mit fünf Kindern und ihren Eltern, die geht acht Minuten. Alle reden durcheinander. Es ist wunderbar. Man kriegt trotzdem mit, worum es geht.  

Das Drehen mit improvisierten Dialogen ist bei Ihnen zum Markenzeichen geworden. Wie kam es dazu? 
Ich wollte eigentlich nie Filmemacher werden. Ich war Schauspieler und bin da zufällig reingeraten, weil ich selbst ein Drehbuch schreiben wollte. Ich habe aber festgestellt: Das ist richtig schwach. Deshalb habe ich nur eine Vorlage geschrieben und dazu improvisieren lassen. Dann habe ich gemerkt: Das ist keine Drehbuchvorlage, das ist schon ein richtiger Film. So entstand "Swinger Club", meine erste Regiearbeit. Danach habe ich immer so weiter gemacht und sehe auch keinen Grund, das zu ändern. 

Sie verzichten allerdings nicht ganz auf ein Drehbuch. Im Gegenteil: Ihre Plots wirken sehr gut durchkonstruiert. Wird das Verhältnis von Improvisation und Konstruktion bei jedem Film, bei jeder Serie neu ausgehandelt? 
"Das Begräbnis" ist eine Mischung zwischen wilder Anarchie wie bei "Klassentreffen" und gescriptetem Plot wie bei "Für immer Sommer 90". Wir hatten über 50 Kameras. Manche Szenen haben wir auch zwei, drei Mal wiederholt – aber währenddessen lief die Kamera weiter.  

Die Kameras liefen durchgehend? 
Ja, die wurden morgens eingeschaltet und um 18 Uhr ausgeschaltet.  

Wie viele Drehtage haben Sie gebraucht? 
Für "Das Begräbnis" haben wir nur zwei Tage gehabt. Der erste Tag war dieser Wahnsinn mit den 50 Kameras, am zweiten Tag haben wir die kleinen Szenen drumherum gedreht. 

Welchen Anteil haben die Schauspieler bei der Entwicklung Ihrer Figuren?  
Das ist sehr unterschiedlich. In den Grundzügen kommen die Figuren von uns. Dann gibt es sehr intensive Gespräche mit den Schauspielern und vor Drehbeginn haben wir jedem Schauspieler ein 40-seitiges Booklet an die Hand gegeben.  

Kann man Ihre Art zu arbeiten mit allen Schauspielern machen, oder gibt es auch manche, die bei einem vorformulierten Text besser funktionieren? 
Das gibt es bestimmt, diese Schauspieler sagen mir auch ab. Nicht jeder versteht, wie viel Vorbereitung das Spontane erfordert. Es kommt den Schauspielern, die das schon mal gemacht haben - Anja Kling, Devid Striesow oder Charly Hübner -, extrem zugute, dass sie das Booklet sehr genau lesen. Andere denken: Ach, das klappt dann schon, ich guck einfach, was passiert. Die kommen teilweise ins Schlingern.   

Sie drehen mit manchen Schauspielern besonders gerne, zum Beispiel Charly Hübner. Was zeichnet ihn aus? 
Risikofreudigkeit und Fantasie. Viele Schauspieler suchen die Perfektion. Charly sucht das Eintauchen in eine Figur – dabei ist ihm egal, ob es doof aussieht oder mal eine Sache verrutscht. Das zeichnet ihn aus. 

Könnten Sie an jedem Ort drehen, oder müssen Sie den Ton der Menschen treffen? 
Die norddeutsche Mentalität der Menschen am Lassahner See in Mecklenburg, wo "Das Begräbnis" spielt, ist mir natürlich sehr nah, weil ich selbst Norddeutscher bin. Da haben die Mecklenburger und Ostfriesen einiges gemeinsam. Mir war aber auch wichtig: Jeder, der einen DDR-Bürger spielt, ist auch einer.  

Ihre Themen sind oft Probleme in zwischenmenschlichen Beziehungen, insbesondere Ehen und Familien. Woher kommt das Interesse – und die Fähigkeit, bei diesen Themen so genau hinzuschauen? 
Mich hat Psychologie immer interessiert. Mein Vater war Apotheker, wäre aber viel lieber Arzt oder Psychologe geworden. Vielleicht lebe ich da ein bisschen seinen nicht gelebten Traum aus. Meine Eltern haben später eine Ausbildung zum Ehe- und Jugendberater gemacht. Deshalb wurde bei uns zu Hause immer viel über Zwischenmenschliches gesprochen. 

In Ihrer Serie "Kranitz" haben Sie ja zuletzt selbst einen Therapeuten gespielt. Wie haben Sie sich das Vokabular angeeignet? 
Ich bin selber sehr Psychologie-affin. Ich habe selbst Therapie-Erfahrung, ich habe auch mal eine Aufstellungsarbeit gemacht. Das Systemische hat mich immer sehr interessiert: Wie funktionieren Gruppen? Wer übernimmt welche Rolle? Was passiert, wenn man jemanden rausnimmt aus der Gruppe? Das kommt mir für meine Regiearbeiten zugute.  

Gibt es Schauspieler, mit denen Sie schon immer mal zusammenarbeiten wollten, die Sie bislang noch nicht bekommen haben? 
Nora Tschirner. Die habe ich bislang schon vier Mal angefragt, sie hat immer wieder abgesagt. Sie kommt nicht drum herum, dass ich sie weiter anfrage. 

Sie haben schon wieder mehrere neue Projekte in Planung. Man hat bei Ihnen den Eindruck, dass die Ideen nie versiegen. Ist das manchmal auch eine Last? 
Das ist wirklich eine Plage. Ich habe sehr schnell neue Ideen. Das Schlimme ist, dass ich die dann auch immer machen muss. Deswegen zügele ich mich mittlerweile etwas, damit ich die Ideen nicht immer gleich raushaue. 

Der Sechsteiler "Das Begräbnis" startet am 25. Januar mit einer Doppelfolge um 22.50 Uhr in der ARD. Weitere Folgen jeweils dienstags am späten Abend. Alle Folgen gibt es bereits jetzt in der ARD-Mediathek


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