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Fernsehfilm "Wach": Da ist er jetzt: Kim Frank feiert sein Regiedebüt

Mit 17 war er als Sänger der Band Echt ein Popstar. Mit 36 Jahren hat Kim Frank nun gute Chancen, ein zweites Mal zum deutschen Wunderkind zu werden - mit seinem ersten Film "WACH". Dessen Versprechen: zuzuhören.

Von Lena Steeg

Kim Frank

Regisseur Kim Frank mit seinen Darstellerinnen Jana McKinnon (l.), und Alli Neumann

ZDF

Er hat etwas gegen das Finden. Fühlen ist gut. Fragen ist gut. Wertungen, Vorurteile, Bescheidwissertum: nicht gut. Deshalb hatte es am Morgen bei der Drehortbegehung auch kurz geknallt. Wobei der Knall eher ein Schnitt gewesen war, kann so etwas mit einem Blick, er muss nicht einmal den Kopf schütteln oder etwas sagen, der Blick bedeutet seinem Gegenüber, in dem Fall einem Crewmitglied: Kein Wort jetzt mehr, danke. Schnitt.

Im Hamburger Schwulensexshop Mystery Hall dreht Frank Szenen für seinen ersten Spielfilm. Die Geschichte von "Wach": Zwei Teenager-Mädchen, und C., beschließen, so lange wach zu bleiben, wie es geht. Warum? Weil sie es können. Beide kommen aus schwierigen Verhältnissen, Eltern und Schule kümmern sich kaum, Zukunft glitzert nicht verheißungsvoll, sondern wabert als mattgraue Androhung vor ihnen. Der Schlafverzicht soll eine pure, echte Erfahrung sein, die sie selbst mit der Kamera festhalten. Es ist der Versuch, einem Leben etwas abzuringen, das sie partout nicht beschenken will.

"Niemand hat das Recht, einen anderen abzuwerten"

An den grenzt ein Kino. Bei Tageslicht mit Walkie-Talkie-Geschäftigkeit durch dieses Labyrinth zu laufen, in dem Taschentücher, Kondome und immer mal wieder auch Reste von Kot und Blut die Böden besprenkeln, ist einigermaßen skurril und so hatte einer aus der Gruppe kichern müssen, nicht böse, aber eben taktlos dem anwesenden Clubbesitzer gegenüber. Frank hatte das mit dem Schnitt-Blick beantwortet. "Niemand hat das Recht, einen anderen abzuwerten", sagt das Crewmitglied später beim Essen, "Kim ist das wichtig wie kaum etwas." 

Vielleicht weil er das Gefühl kennt, aus Unterlegegensicht. Wenn Kim Frank von seiner Kindheit erzählt, tut er dies mit der maximalen Distanziertheit, die man sich als Mittedreißigjähriger angeeignet haben kann. Seine Worte sind berührend, aber nicht emotional. "Aufgewachsen bin ich in einem Arbeiterviertel in . Meine Mutter war alleinerziehend, sie machte drei Jobs, um mich und meinen Bruder durchzubekommen. Nachts ging sie Pakete werfen. Irgendwann stand das Jugendamt vor unserer Tür: Die Nachbarn hatten vermutet, sie würde anschaffen gehen und uns vernachlässigen."

Das markanteste Gefühl in Franks Kindheit: Wut. Er fiel damit in der Schule auf, zuhause und selbst heute, sagt er, sei sie immer noch da, aber er könne sie mittlerweile kanalisieren: "Sie ist ein Motor für das, was ich mache."

Ein älterer Schüler findet Kim Franks Band gut

Im Gegensatz zum Leben der "Wach"-Mädchen reißt das Schicksal Kim Frank 1998 aus der Trostlosigkeit. Weil es einen Menschen gibt, der an ihn glaubt. Frank sagt, einer reiche, wenn man einen Erwachsenen habe, der einen fördert, könne man es schaffen. In seinem Fall: Jonas, ein älterer Schüler, der Franks Band gut findet, ein Label gründet und damit deutsche Popgeschichte schreibt. "Du trägst keine Liebe in dir", "Weinst du", Rio Reisers "Junimond" - Echt spielen 300 Konzerte im Jahr, verkaufen 1,5 Millionen von Platten, gewinnen jeden großen, deutschen Musik-Preis. Frank wird zum Teenie-Idol. 2002 verkündet die Band nach drei Alben überraschend ihre Auflösung. Als Grund würden US-Scheidungsanwälte "unüberbrückbare Differenzen" ankreuzen. 

Frank zieht auf einen Bauernhof an der Ostsee. Der Boulevard berichtet, er tue dort nichts außer Kiffen und sich die Haare lang wachsen zu lassen, seriöse Medien attestieren ihm Depressionen. Er selbst sieht das bis heute nüchterner: "Ich hatte mit Anfang 20 schon so viel gearbeitet, dass ich fand, mir stand eine Pause zu."

Eine Pause heißt aber eben nur dann Pause, wenn sie ein Ende hat. Bloß: Wie beginnt man eine neue Karriere, wenn die größtmögliche schon hinter einem liegt? 

Fast 100 Musikvideos

Er veröffentlicht ein Buch, eine Soloplatte, spielt in einem Kinofilm mit. Alles erfolgreich, gemessen an Echt aber alles eher kleine Bühne. Eines Abends steht er vor seiner Filmsammlung. Frank ist gut darin, aus Erfahrungen Formeln zu machen. Diese: "Wenn man nicht weiß, was man werden will, hilft die Frage: Womit beschäftigst du dich, ohne dass du es merkst?"

Noch bevor die Absage der Filmhochschule in seinem Briefkasten liegt, hat er erste Musikvideos geschrieben, gedreht, geschnitten. "Wenn ich für etwas brenne, werde ich zu einer Art autodidaktischem Nerd. Ich lese dann alles, schaue mir so lange an, wie Dinge funktionieren, bis ich sie beherrsche." 

Fast 100 Videos für Künstler wie Mark Forster, Adel Tawil und Andreas Bourani veröffentlicht er in den nächsten sechs Jahren, für das zu Udo Lindenbergs Single "Durch die schweren Zeiten" bekommt er 2016 einen Echo. Interviewfragen lehnt er trotzdem ab. "Bevor ich mich wieder bewerten lasse, wollte ich etwas Eigenes schaffen, meinen ersten Film."

Ein Coming-of-Age-Film

Jedes Jahr schreibt er ein Drehbuch, scheitert aber immer an der Finanzierung. Auch bei "Wach" macht ihm niemand Hoffnung: Ein Drama, ein Coming-of-Age-Film, viel zu rough für das deutsche Publikum, das im Kinosessel lieber Honig in den Kopf geschmiert bekommt, als sich mit Realität herumzuschlagen. 

Durch Zufall hört er von Funk, dem Online-Jugendprogramm von ARD und ZDF. Er mailt der Redaktion sein Drehbuch, einfach so, an info@funk.net. Er rechnet sich keine großen Chancen aus. Wenige Tage später meldet sich ein Redakteur bei ihm.

Es ist mittlerweile Abend, die Komparsen packen zusammen, Kim Frank muss noch den Drehplan für den nächsten Tag überarbeiten. "Wach" wird, so wie er es sich gewünscht hat, parallel zur TV-Ausstrahlung auf Youtube hochgeladen. So kann ihn jeder jederzeit sehen, aber die Jugendschutzauflagen werden dadurch strenger, Frank muss nachjustieren. 

"Ihr seid nicht allein"

Wieso ist es ausgerechnet diese Geschichte, mit der er sich wieder auf die große Bühne wagt? "Weil ich diesen Film machen musste. Weil ich weiß, wie es ist, eines der Kinder zu sein, aus denen nichts hätte werden sollen. Die von der Welt andauernd hören, man könnte alles erreichen, was man will, und genau wissen, dass das eine Lüge ist. Wir haben nicht alle die gleichen Chancen."

Franks Blick schweift aus dem Fenster. Draußen auf der Reeperbahn schwärmen die Menschen den Versprechen der Nacht entgegen. Erst der Morgen wird sie auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen; für den Moment sind sie wahr. "Ich will die Jugendlichen nicht anlügen und sagen, dass alles besser wird. Aber ich will versuchen, ihnen zu zeigen: Ich hör euch. Ich seh euch. Ihr seid nicht allein."

"Wach", Montag, 17. September, ab Mitternacht im ZDF und ab 20 Uhr auf Youtube