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Klaus Maria Brandauer: "Sie verlassen jetzt den Raum"

Klaus Maria Brandauer inszeniert in Berlin die Dreigroschenoper mit Campino als Mackie Messer. Berichte über die Proben versucht Theaterstar Brandauer zu zensieren.

Von Mareike Fuchs

Machen Sie mich größer, blonder, schöner, und machen Sie ein bisschen Werbung für uns!", sagt Klaus Maria Brandauer strahlend. Diesen Satz sagt er oft in letzter Zeit. Denn Klaus Maria Brandauer, 63, will werben für seine Inszenierung von Brechts "Dreigroschenoper". Am 11. August ist Premiere, und möglichst viele Menschen sollen es wissen. Gerade wird Brandauer von einem Fernsehteam von "Titel, Thesen, Temperamente" interviewt, und - um mit den Worten Brandauers zu sprechen - das ist fein. Dafür gibt es ein Küsschen rechts und ein Küsschen links für die Redakteurin. In wenigen Minuten allerdings wird das TV-Team achtkantig aus dem Raum fliegen.

Brandauer inszeniert in Berlin die "Dreigroschenoper", den Blockbuster unter den Theaterstücken. Die Besetzung: kalkuliert erlesen. Als kleinen Aufreger serviert Brandauer den arrivierten Punkrocker Campino als Mackie Messer, dazu den Vollprofi Gottfried John als Bettlerkönig Peachum und Katrin Sass als seine Frau, und als Dessert die Theater-Hoffnungsträgern Birgit Minichmayr als Polly.

Das Kulturereignis des Sommers

Die heterogene Truppe wirkt vor bedeutungsträchtiger Kulisse: In dem 95-jährigen Admiralspalast hat Brecht selbst noch gearbeitet, im Theatersaal wurde die SED gegründet. Noch hängen lose Kabel aus den Wänden, und Plastiküberzüge schützen die Sitze vom Staub der Bauarbeiten. Doch die goldverzierten Balustraden der Ränge und der über allem schwebende Kronleuchter lassen den künftigen Glanz erahnen. Schon jetzt sind die ersten Vorstellungen ausverkauft - es könnte das Kulturereignis des Sommers werden.

Brecht ist 50 Jahre tot, die "Dreigroschenoper" fast 80 Jahre alt, doch - "es soll mir keiner kommen damit, das ist ja eine olle Kamelle. Das ist ein großartiges Stück", sagt Brandauer. Er findet den Stoff hochaktuell: "Da erzählen uns Leute, dass sie die Arbeitslosigkeit drücken wollen auf drei oder vier Millionen oder gar halbieren wollen - und dann fragt man uns, warum wir dieses Stück aufführen."

Dreigroschenoper immer noch hochaktuell

Inmitten von Huren und Bettlern wütet der charmante Verbrecher Mackie Messer durchs London des 18. Jahrhunderts und singt Balladentexte, die Brecht auf Bürgertum und Kapital gemünzt hatte. Mancher Hartz-IV-Empfänger würde sie sicher auch unterschreiben. Etwa: "Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm!"

Brandauers Inszenierung wird klassisch sein. Vom modernen Regietheater hält er ungefähr so viel wie von einem Kropf: "Das Kostbarste, was wir haben, sind die Schauspieler." Einer von ihnen ist noch ein wenig unsicher. "Der Streber ist wieder mal als Einziger im Kostüm gekommen", sagt Campino und lässt sich noch einmal das Gesicht pudern. Die sonst wild hochtoupierten Haare sind heruntergekämmt und zu einem Seitenscheitel gezähmt. Für sein Theaterdebüt trägt der Punk Nadelstreifenhose, Hemd und passende Weste. Eine Leseprobe ist angesetzt, die Schauspieler sind vor Wasserflaschen und Regieheften um einen Tisch versammelt. Lediglich Katrin Sass läuft vor der Bühne auf und ab und raucht noch eine.

Brandauers cholerische Reaktionen

"Sie haben hier überhaupt nichts anzuordnen!", brüllt plötzlich Brandauer das Fernsehteam an. Die Titel-Thesen-Leute wollten ein paar Szenen aus der Leseprobe mitschneiden und haben dabei Brandauers Ablauf gestört. "Es ist nämlich so, dass Politiker und alle anderen, nur weil ein Kamerateam da ist, alles mitmachen, aber wir machen das nicht. Das ist eine Probe, und Sie verlassen jetzt den Raum!"

Das verdatterte TV-Team nuschelt ein "Tschuldigung" und geht. "Wir brauchen Sie nur, um uns zu promoten, und sonst gar nicht. Aber ich hoffe, es wird trotzdem ein netter Beitrag", ruft Brandauer ihnen hinterher.

Medien als Störenfriede

Kaum sind die "Störenfriede" verschwunden, senkt sich seine Stimme. Er steht am Kopfende des Tisches mit aufgeknöpftem Hemd und ist jetzt nur noch für seine Darsteller da. "Bei der Szene, wie die Jenny von Mrs. Peachum ihr Geld fordert, gibt es zwei Möglichkeiten. Mir wäre die zweite lieber, aber ich lasse es noch offen, damit ihr mitbestimmen könnt", sagt Brandauer in die Runde. Ein Mann mit zwei Gesichtern. Brandauer ist ein Schauspieler-Regisseur. Er wollte als Akteur selbst immer mitreden, und er lässt auch als Regisseur mitreden.

<zwit>Der Mann mit den zwei Gesichtern

Gestört aber scheint sein Verhältnis zu Journalisten und zur freien Presse zu sein. Berichten sollen sie, aber nur, was dem Großmeister genehm ist. Mitten im Gespräch lässt der Mann, der ausgerechnet Bertolt Brecht inszeniert, wie nebenbei fallen, er wolle natürlich den gesamten Text und alle Fotos vor Druck zur Genehmigung vorgelegt bekommen. Als wir darauf hinweisen, dass so etwas beim stern nicht gemacht wird, ist auch für uns Schluss. Wir fliegen raus. Ein weiterer Kostümprobenbesuch für die nächste Woche wird abgesagt.

Und vor der Bühne sitzt ein schäumender Brandauer, der seine Pressestelle übers Handy brüllend anweist: "Sie müssen diesen Artikel verhindern!"

Über Brandauer heißt es, er sei beim Planen eines Projektes euphorisch, bei der Realisierung verunsichert und bei der Fertigstellung verzweifelt. Er scheint ganz offenkundig in der letzten Phase zu sein.

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