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Kritik zu "Anne Will": Sauber, satt, sediert - dem "Neger" sei Dank

Wie "Anne Will" tagesaktuell die Pflegereform diskreditiert, dabei noch Zwangsmaßnahmen für junge Leute das Wort redet - und schließlich dem Rassismus zum Opfer fällt.

Von Jan Zier

Albtraum Pflege. Das klingt nach einem Thema, das eine ARD-Talkshow ungefähr jede Woche abhandeln könnte. Doch an diesem Abend war es so tagesaktuell es irgend geht. Weil: Am Morgen hatte das schwarz-gelbe Bundeskabinett eine Pflegereform verabschiedet. Und am Abend schon war der Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) höchstpersönlich zu Anne Will gereist, um eben das als einen "Meilenstein" zu verkaufen.

Zugleich haben sie bei Anne Will der Versuchung widerstanden, gleich noch ein paar Politiker dazuzuladen, die sich dann hernach alle gegenseitig ins Wort fallen, mit der üblichen Regierung vs. Oppositions-Rhetorik. Deswegen hat Daniel Bahr zwar viel Gelegenheit, mit "Wir"-Sätzen die eigene Politik zu loben, als einen "Schritt in die richtige Richtung" und so. Dass es sich um einen äußerst kurzen Schritt handelt, vermag die Talkshow dennoch zu belegen, auch ohne ebenso markante wie erwartbare Worte aus üblich verdächtigen Mündern.

Da ist etwa Klaudia Güthues - zugegeben: ein eindrucksvolles, aber vielleicht nicht ganz repräsentatives Fallbeispiel. Ihr Vater hat Alzheimer, ihre Mutter Parkinson. Und für die Tochter, der immerhin eine Karriere als Eventmanagerin offen stand, war es "ganz selbstverständlich", ihre Eltern sechs Jahre zu pflegen. Und dafür mit Hartz IV zu leben. Pflegeheime sind für sie "Verwahrstationen", dennoch musste sie ihre Eltern in ein solches geben: "Ich konnte nicht mehr, körperlich und seelisch." Von der Bahrschen Pflegereform profitiert eine wie sie überhaupt gar nicht.

"Damit lässt sich nicht viel Zeit kaufen"

Die Reform sei "Stückwerk", darf stellvertretend Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands sagen. Die zusätzlichen Einnahmen in Höhe von rund 1,1 Milliarden Euro jährlich reichten vorne und hinten nicht. "Damit lässt sich nicht viel Zeit kaufen", also Zeit für den oft geforderten würdevollen Umgang. 25 Minuten zum Waschen eines Demenzkranken am ganzen Körper, mehr sei auch zukünftig nicht drin.

Barbara Scheel, die Ehefrau des Altbundespräsidenten, fordert deshalb nicht nur, aus dem derzeit mal wieder umstrittenen "Soli" einen "Pflege-Soli" zu machen, und die Beiträge zur Pflegeversicherung nicht nur, wie Bahr, um 0,1 Prozentpunkte anheben. Nein, sie will auch ein "soziales Pflegehilfsjahr" für alle Schulabgänger einführen. Zumal die Familie ohnehin "ein Auslaufmodell" sei. Selbst der Vorzeige-Junge in der Runde, Klaas Heufer-Umlauf, TV-Moderator mit Zivildiensterfahrung in der Geriatrie, ist solchen Zwangsmaßnahmen nicht ganz abgeneigt.

Die Heime übrigens kommen an diesem Abend ganz gut weg, unter anderem, weil Konrad Franke, selbst schon 73, und Autor mehrerer Bücher über Leben und Wohnen im Alter, sie pauschal lobt. Und er habe immerhin 300 davon gesehen, sagt er, und seine eigenen Eltern in ein solches, ja, "gedrängt", wofür sie ihm aber später ganz dankbar gewesen sein sollen, weil: Sie sind "besser als ihr Ruf". Wieder ist es Klaudia Güthues, die opponiert. Es bleibt die Erkenntnis, die man vorher auch schon hatte: Es gibt solche und solche.

Am Ende noch ein wenig Multikulti

Völlig unangetastet bleibt an diesem Abend das Problem der vielen schwarz arbeitenden Pflegekräfte hierzulande, die vorzugsweise aus Polen kommen, und, offiziell geduldet, in Familien für wenig Geld viel, lange Dienst tun. Dafür kommt dann noch Frau Scheel, die es unzumutbar findet, dass eine ältere weiße Europäerin von einem jungen Schwarzafrikaner intim gewaschen wird. Von einem "Neger" also, sagt Klaas Heufer-Umlauf. Nein, das habe sie so nicht sagen wollen, ergänzt Scheel schnell. Doch selbst Anne Will sieht sich genötigt, sie wegen des "rassistischen Untertons" zur Ordnung zu rufen.

Also schnell noch ein wenig Multikulti am Ende: Ein Heim in Thailand, wo Alzheimer-Patienten "Gäste" heißen und für 2500 Euro pro Monat drei hauptamtliche Pflegekräfte bekommen. In Deutschland würde das dass doppelte, eher dreifache kosten. Doch wie sagte Daniel Bahr doch gleich: Die Pflegeversicherung sei "keine Vollkaskoversicherung". Und das Altern, der demografische Wandel kein plötzlicher Unfall, möchte man hinzufügen.

Von Jan Zier