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Kritik zu "Hart aber fair": Die Leichtigkeit des Seins gegen Jutta Ditfurth

Die Schriftstellerin Juli Zeh ist keine Piratin, findet die Partei aber gut. Warum, erklärte sie bei Frank Plasberg so plausibel und sympathisch, dass Jutta Ditfurth wie ein altes Diskurspferd aussah.

Von Mark Stöhr

Die Piraten sind ein schrecklich alberner Haufen. Ihr Zwang zum Anderssein: peinlich. Jüngst zu besichtigen bei Günther Jauch, der Johannes Ponader zu Gast hatte. Der neue politische Geschäftsführer der Partei und selbst ernannte "Gesellschaftskünstler" lümmelte sich mit Sandalen ohne Socken in seinem Sessel und verschickte über sein Smartphone unentwegt Tweeds an seine Followers. Er selbst fand den Bruch mit den Bekleidungs- und Benimmcodes wahrscheinlich zum Wegschmeißen komisch, seine Fans bestimmt auch. Doch haben solche Provokationen heutzutage überhaupt noch Statementswert? Oder sind sie einfach nur Panne?

Bei Frank Plasberg einen Tag später zeigten die Piraten ein anderes Gesicht. Es war das von Juli Zeh, der Schriftstellerin, die gar kein Parteimitglied ist, aber mit den Ideen der Wahlüberflieger sympathisiert. Sie ist eine kluge und klare Person. Frei von der Schrillheit und Spleenigkeit vieler Gesinnungskollegen, frei von deren demonstrativer Schlurigkeit. Nicht wenige Piraten definieren sich über die äußere Form, über die Abgrenzung gegenüber den hüftsteifen Hemdträgern vom etablierten Politikbetrieb. Juli Zeh nicht. Sie redete über Inhalte. Und man hörte ihr gerne zu.

Ditfurth will springen, schafft es aber nicht über die Stange

Zeh sprach über das Lebensgefühl vieler Menschen heute, die mit der Freiheit und dem riesigen Repertoire an Möglichkeiten beschäftigt seien. "Es gibt keinen Stall mehr", sagte sie, "man versucht irgendwie, sein Set zusammenzubauen." In diese Leben passen keine vorgefertigten Weltbilder mehr, keine ausformulierten Parteikonzepte, die auf alles eine Antwort zu haben scheinen. "Die Berufspolitiker gehen mit Standardfloskeln über ihre eigene Ahnungslosigkeit hinweg", sagte Zeh. "Die Leute wünschen sich jemanden, der auch mal sagt: Ich weiß es nicht."

Das käme Jutta Ditfurth nicht in den Sinn. Die Ex-Grüne weiß seit über drei Jahrzehnten auf alles die gleiche Antwort. Die heißt: Anti-Kapitalismus. Ditfurth wirkte neben der frischen und enthusiastischen Zeh wie ein altes, rheumakrankes Diskurspferd, das über das Hindernis springen will, aber nicht mehr über die Stange kommt. Sie holte den soziologischen Knüppel heraus: Die soziale Basis der Piraten, so die Analyse der Intellektuellen-Tochter aus gutem Hause, bildeten ursprünglich technisch qualifizierte Kleinbürger, die früher zur SPD gegangen seien. "Die Sehnsucht von denen, jemand zu sein, ist unglaublich groß." Spricht so eine, deren Sehnsucht unglaublich groß ist, noch jemand zu sein?

Idealistin gegen Ideologin

Das polare Pärchen Zeh/Ditfurth war gut gecastet von den Plasberg-Leuten. Hier die Idealistin, die Politik zuhause vorm Rechner macht und an die direkte Bürgerbeteiligung via Internet glaubt. Dort die Ideologin, die das Plenum und den Frontalvortrag im Hier und Jetzt als Kanäle der politischen Überzeugungsarbeit nutzt. "Wenn Piraten in einen Plenarsaal kommen", ätzte Ditfurth, "gucken sie immer zuerst unter den Tisch und rufen: Oh, eine Steckdose!" Sie stünden für eine Kultur, sich aus der Gesellschaft zurückzuziehen und sich mit irgendwelchen Ritter-Games die Zeit zu vertreiben. Die Piraten für Ditfurth: Keine Systemveränderer, sondern Systemadministratoren.

Frank Plasberg hatte noch einen Abgehalfterten eingeladen, Hans-Olaf Henkel, ehemals Chef des deutschen Industrieverbands, heute als Lobbyist für die Freien Wähler in der Bedeutungsperipherie geparkt. Henkel war schon immer das Gegenteil von nett und heiter. Mit dem Alter und dem öffentlichen Downgrade ist das nicht besser geworden. Als die Rede auf die Wahlen in Griechenland und Frankreich kam und die sich wahrscheinlich wieder zuspitzende Eurokrise, sprach er von der "Schwarmdummheit". Ein solches Problem, sollte das heißen, könne nicht mittels langwieriger und transparenter Entscheidungsprozesse von Netz-Nerds angegangen werden. Hier sind Macher gefragt. Hat er recht, sind die Piraten einfach keine Praxis-Partei?

Juli Zeh wollte dem gar nicht widersprechen. Mit solchen Fragen würde man die Piraten noch überfordern. Da war es wieder, dieses "Ich weiß es nicht". Wie schafft es diese Partei bloß, dass ihr Nichtwissen zwar nicht unbedingt Vertrauen weckt und Stabilität verspricht, auf jeden Fall aber sympathischer rüberkommt als die ewige Rechthaberei der Etablierten?