HOME
Glosse

Klimastreik: Als Vater habe ich eine Bitte an die Generation "Fridays for Future"

Wir Deutschen meinen, wir hätten die Nachhaltigkeit erfunden und seien Weltmeister im Umweltschutz. Wir denken grün – aber handeln rußschwarz. Weil wir Älteren beim Thema Umweltschutz so gnadenlos versagt haben, hilft nur noch eines: Kinder, macht Druck!

Fridays for Future: Weltweite Proteste für Klimaschutz starten – Hunderttausend Teilnehmer erwartet

Irgendwie falle ich ja selbst dauernd drauf rein: auf das Trugbild des umweltbewussten Deutschen. Muss an unserer Geschichte liegen. Wieder mal. Aber dieses Mal sind wir die Guten. Endlich mal. Gehören wir nicht seit den 70er Jahren zur Umwelt-Avantgarde? Haben wir nicht das europäische Patent auf das Konzept Turnschuhminister? 50 Jahre Vorkämpfer für Nachhaltigkeit. Wir sind so geil.

Jahrelang haben wir auf unsere europäischen Nachbarn herabgeschaut, weil sie ihren Müll nicht getrennt haben. Bataillone von deutschen Studenten überquerten uralte Grenzwälle, um in ihrer Erasmus-WG ganz neue Wörter ins Spiel zu bringen: "Le Waldsterben, mon amour! Le Saure Regen, mon ami!" Und im Kühlschrank wucherte stumm unser Kombucha-Tee-Pilz.

Was haben wir uns gut gefühlt. Noch heute freuen wir uns, wenn Leonardo Di Caprio in Birkenstocks durch Hollywood schlurft. Herrlich, dieser Öko-Look. Er erinnert uns daran, dass wir die Umweltbewegung ja quasi erfunden haben. Haben wir doch, oder? Aber ganz sicherlich!

Junge Leute bei einer Klima-Demo in Berlin

Die Jungen - hier bei einer Demo in Berlin - müssen etwas tun, um das Klima zu retten. Denn die ältere Generation hat es bislang nicht geschafft.

DPA

Deutsche Romantik und Nachhaltigkeit - das gehört irgendwie zusammen

Hat nicht die legendäre deutsche Romantik das Fundament für Nachhaltigkeit und seelentiefe Waldverbundenheit gelegt? Ist nicht Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff der eigentliche Erfinder der Biotonne? War es nicht Oberberghauptmann Hans Carl von Carlowitz, der sich zuerst Sorgen um unseren böse ausgebeuteten Wald machte und 1713 den Begriff "Nachhaltigkeit" überhaupt erst erfand? Und Grünen-Mitgründer und Superkünstler Joseph "Fettecke" Beuys himself war es, der im Jahr 1982 für die Kasseler Documenta 7000 Eichen pflanzte. Und dann: Startbahn West! Castor-Proteste! Hambi bleibt! Wir sind so geil.

Heute fahren wir Biohedonisten mit stolz geblähter Brust in unserem restlos kompostierbaren 12-Zylinder-Hybrid-Hummer zum Altpapiercontainer, um fachgerecht die Reiseabrechnungen unserer letzten Arktiskreuzfahrt zu entsorgen. Und wenn die Kreditkarten-Belege für die Eisbär-Safari auf Svalbard in der metallenen Ablass-Kiste verschwindet, sind wir sicher: Öko ist zu 100 Prozent Made in Germany.

Da wir nun erwiesenermaßen zusammen mit den Gebrüdern Grimm und Jutta Ditfurth die Umweltbewegung erfunden haben, hätten wir ja eigentlich Zeit genug gehabt, all die hehren Ideale auch umzusetzen. Aber wenn’s ums konkrete Umsetzen von Umweltzielen geht, können wir wieder nur Dieselskandal.

Neue stern-Kolumne: Auf dem Weg nach morgen: Luisa Neubauer: "Manche denken, wir Jungen werden die Welt retten – Bullshit!"


Deutschland ist einer der größten Umweltsünder

So steht Deutschland im Jahr 2019 tatsächlich auf Platz 4 aller internationalen Umweltsünder. Das zeigen die Berechnungen zum so genannten Erdüberlastungstag. Das ist eben jener Moment im Jahr, wo ein Land alle ihm zustehenden Weltressourcen erschöpft hat. Deutschland hatte seine Ration am 3. Mai verbraucht. Nur USA, Australien und Russland lagen noch vor uns. Seit dem 3. Mai leben wir auf Kosten unserer Kinder. Würde die ganze Welt so mit Ressourcen hausen wie wir, bräuchte man drei Planeten.

Während wir uns immer noch gerne als Oberlehrer der Weltengemeinschaft gerieren, sind wir überdurchschnittlich große Umweltsünder. Im Jahr 2017 verursachte jeder Deutsche pro Kopf im Schnitt 11,3 Tonnen CO2-Äquivalente. Damit ist Deutschland größter CO2-Emittent in der EU. International liegen wir auf Rang 6. Pro Kopf stoßen wir das Doppelte des weltweiten CO2-Durchschnitts aus.

Immer wieder setzen wir uns ehrgeizige Klimaziele, halten sie im Gegensatz zu anderen aber leider nicht ein. So sicherte Deutschland für 2020 eine Minderung von 40 Prozent von Treibhausgasen zu, lag aber 2018 erst bei 30 Prozent. Wohl wider nicht zu schaffen. Et le Waldsterben, mon amour?

Und deutsche Kohlekraftwerke produzieren derweil munter jede Menge CO2

Nirgendwo in Europa wird mehr CO2 produziert als in deutschen Kohlekraftwerken. Und mit dem Gegensteuern lassen wir uns weit mehr Zeit als andere Industrienationen. Mehr als 70 Länder schlossen sich im November 2017 zur "Powering Past Coal Alliance" zusammen und verpflichteten sich, bis 2030 aus der Kohle auszusteigen. Leider nicht dabei: Deutschland. Unser Ziel für den Kohleausstieg: 2038. Und schaut man sich an, wie wir Umweltziele bislang eingehalten haben, kann man davon ausgehen, dass das auch dieses Mal nix wird. Im Verfehlen von Klimazielen sind wir Weltmeister.

Deutschland fühlt sich grün, handelt aber pechschwarz. Klar, wir trennen brav unseren Müll. Aber kaum einer produziert so viel davon wie wir. 2016 waren es 220,5 Kilo Verpackungsmüll pro Kopf und Jahr – mehr als jedes andere europäische Land. Während in Indien Plastiktüten schon lange verboten sind, steckt bei uns noch jede Gurke in einem Polyethylen-Kondom. Ist ja egal, wir haben ja Gelbe Tonne.

Nichts stimuliert die germanische Phantasie mehr als CO2-Schleudern. Deshalb ist die Automobilbranche bei uns Industriezweig Nummer eins. Und weil wir so heillos vernarrt in die Natur sind, ziehen wir raus ins Grüne und versiegeln auf diese Weise immer mehr Fläche. Eigenheim, deine Mutter heißt Naturverbundenheit, dein Vater Pendlerpauschale. Um aus dem Grünen wieder zur Arbeit in die Stadt zu kommen, pusten wir wieder CO2 in die Luft.

Gern empören wir uns bei Biosiegel-Bratwurst über die Waldbrände in Brasilien. Dabei sind unsere Essgewohnheiten mit ein Grund für die aggressive Regenwaldrodung. Etwa ein Viertel des nach Deutschland importierten Sojas, das hier vor allem zu Tierfutter verarbeitet wird, stammt aus Brasilien. Während weltweit durchschnittlich 42 Kilogramm Fleisch pro Kopf und Jahr verbraucht werden, sind es in Deutschland 60 Kilo.

Klima-Aktivistin Luisa Neubauer diskutiert in der DISKUTHEK mit FDP-Politiker Michael Kruse

Angela Merkel, die Bremserin beim Klimaschutz

Symptomatisch für unsere widersprüchliche Haltung zur Nachhaltigkeit ist Kanzlerin Angela Merkel selbst. Auf jeder internationalen Klimakonferenz gibt sie wohlklingende Versprechen ab, legt aber bei jeder konkreten Maßnahme wieder eine Vollbremsung hin.

Um das Pariser Klimaschutzabkommen einzuhalten, müsste im Jahr 2035 Klimaneutralität erreicht werden. Doch die Bundesregierung konnte sich nur dazu durchringen, die Treibhausgasemissionen bis 2050 um 80 bis 95 Prozent zu reduzieren. Wenn Physiker Bundeskanzler werden.

Unser Tempo beim Klimaschutz macht wenig Hoffnung: Zwischen 2000 und 2017 gingen die Treibhausgasemissionen in Deutschland um weniger als 0,8 Prozent pro Jahr zurück. Mit diesem Elan werden wir erst weit nach 2100 klimaneutral.

Es ist eine Katastrophe. Wir sind komplett im Arsch. "Talk German, live American" – das fasst unsere Umwelt-Schizophrenie gut zusammen. Offensichtlich haben wir nur noch eine einzige Chance: Die Fridays-for-Future-Generation.

Jetzt muss "Fridays for Future" ran. Wir Älteren packen es ja nicht

Kinder, bitte rettet uns! Ihr seid unsere einzige Hoffnung. Wir sind zu doof. Hat man ja gesehen in den letzten 50 Jahren. Erzieht uns. Macht uns Beine. Anscheinend können wir uns Eure Zukunft einfach nicht vorstellen. Also müsst Ihr angreifen.

Klebt das Pariser Ankommen an Kinderzimmertür, Badezimmerspiegel und Kühlschrank! Stellt immer und überall Eure Forderungen: Nettonull für 2035! Kohleausstieg für 2030! 100 Prozent erneuerbare Energieversorgung bis 2035! Steuer auf alle Treibhausgasemissionen! Außerdem: Stopp der Massentierhaltung! Ende der Flächenversiegelung! Agrarwende! Sofort!

Euch fällt sicher noch viel mehr ein. Errichtet bei Euch zuhause eine Nachhaltigkeitsdiktatur. Habt keine Angst davor, dass FDP und Springer-Presse wieder zetern: Nanny-Republik. Es kann gar nicht genug Verbote geben in diesem Land.

Klar, ich weiß, ist viel grad: Nazis in Sachsen und Hessen, Regenwald brennt, und jetzt soll auch noch der SUV abgewrackt werden. Aber geht halt nicht anders. Vorerst gibt's auf dem bewohnbaren Planeten K2-18b nur Wasser und noch kein Champagner. Dauert also noch ein bisserl.

Also terrorisiert uns! Macht uns die Hölle heiß! Immer, wenn wir Euer Pausenbrot in Alupapier wickeln wollen, straft uns mit Liebesentzug. Fordert spießige Radtour in Brandenburg statt Kurz-Urlaub im sizilianischen Öko-Resort.

Hummer gegen Handy

Aber bitte, ich flehe Euch an, tut mir einen Gefallen: Gebt mir mein schönes neues Klimakiller-Handy zurück. Ich verspreche Euch: Ich fahre auch nie wieder mit dem Hummer zum Altpapiercontainer.