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Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer wird stern-Kolumnistin: "30 Jahre verpasster Klimaziele liegen hinter uns"



"Ich bin Luisa Neubauer, Geografie-Studentin und Klima-Aktivistin. Wie entwickeln wir die notwendige Vorstellungskraft, um uns in der Klimakrise zu behaupten? Wie bringen wir der Wirtschaft ihren Selbsterhaltungstrieb wieder bei? Auf diese Fragen will ich in der neuen stern-Kolumne Antworten finden."


Nachhaltig leben bedeutet...
"Nachhaltig leben heißt für mich von gestern lernen, um es heute besser zu machen, damit wir morgen auf einem gesunden Planeten leben können."


Wie setzen Sie das um?
"Ich nutze meine Stimme und die Macht der Mobilisierung, um mich für ein nachhaltiges Leben einzusetzen."


Haben Sie Hoffnung, dass wir die Klimakrise überwinden?
"Hoffnung ist ein großes Wort. Es gibt eine Chance. Das ist, glaube, ich entscheidend. Es gibt eine Chance, dass wir als Menschheit noch ganz viel reißen können. Und diese Chance ist da und sie ist minimal – und das ist der entscheidende Punkt."


Wie fühlen Sie sich in Bezug auf diese Krise?
"Ich fühle mich, glaube ich, in einer andauernden Ambivalenz. Zum einen sehe ich, wie unglaublich träge Prozesse sind, dass wir kaum etwas gelernt haben politisch. Dieses Sprichwort, dass alles Tragödie ist und alles dann Farce wird, dass das reell ist. Dass heute die gleichen politischen Ausreden angewandt werden wie vor 20 Jahren – das ist erschlagend."


Wie gehen Sie mit diesem Gefühl um?
"Der zentrale Weg aus diesem Gefühl der Erschlagenheit ist Aktivismus. Und das heißt nicht nur auf der Straße sein, sondern Aktivismus in jedem Lebensfeld. Aktivismus in der Art, wie man Beziehung nachhaltig lebt und wie man sich am Arbeitsplatz verwirklicht und überlegt, wofür arbeite ich hier eigentlich. Was mache ich 40 Stunden die Woche. Und das ist tatsächlich der Weg aus der Ohnmacht angesichts der multiplen Krisen auf der Welt und hin zu einem sinnerfüllten Leben."


Was war die bisher härteste Kritik?
"Ich finde es bemerkenswert, wie viele Menschen mir konkret aber auch uns als Bewegung vorwerfen, ein verschobenes Demokratieverständnis zu haben. Weil wir erwarten, dass sich nach neun Monaten etwas verändert, weil es dann so sein soll, wie wir es erwarten. Als würden wir uns einen Abenteuerspielplatz wünschen, und dann soll das auch passieren, weil wir neun Monate auf der Straße stehen. Dabei setzten wir uns für Erhaltung eines selbst verhandelten und legitimierten Abkommens ein. Die Tatsache, dass das Parisabkommen so radikal ignoriert werden kann, das ist die entscheidende undemokratische Entwicklung, die wir gerade erleben."


Was ist die Aufgabe der jungen Generation?
"Die Sache mit der Klimakrise ist ja, dass wir alle auch ein bisschen Teil vom Problem sind. Und das ist natürlich spannend, weil es niemanden so richtig aus der Verantwortung lässt. Aber wir merken, dass Verantwortung nicht gleich ist, dass es Menschen in diesem Land gibt, die in gewählten Ämtern sind, die mit einer unglaublichen Verantwortung behaftet sind und die ihr aber nicht gerecht werden. Und diese Leerstelle, dieses Verantwortungsvakuum aufzuzeigen, das ist die große Aufgabe meiner Generation. Menschen denken, wir Jungen werden die Welt retten. Bullshit. Aber wir können aufzeigen, dass jetzt gehandelt werden muss und mit einer Zeitlichkeit argumentieren wie das nur wir können, weil wir diese Klimakrise selbst erleben und erleben werden. Und wir können die Menschen in den Positionen zur Rechenschaft ziehen."


Kann man Schulkindern das zumuten?
"Ich finde, es ist eigentlich unzumutbar, dass Kinder freitags nicht zur Schule gehen. Dass sie sich beschimpfen lassen, dass sie unglaubliche Anfeindungen erleben von Älteren, die auf die herabblicken, nur weil sie Dinge aussprechen, die sich anscheinend niemand anderes traut auszusprechen. Das ist im Kern schon unglaublich ungerecht."
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Luisa Neubauer kritisiert die aktuelle und die früheren Regierungen Deutschlands für ihre Klimapolitik. Es geschehe zu wenig Verbindliches, moniert die Fridays-for-Future-Aktivistin in ihrer neuen Kolumne im stern.

Luisa Neubauer, die bekannteste Aktivistin der "Fridays-for-Future"-Bewegung in Deutschland, kritisiert in ihrer neuen stern-Kolumne die Klimapolitik der aktuellen und der früheren Bundesregierungen harsch. Die deutschen Klimaziele seien nicht ambitioniert genug, moniert die 23-Jährige. "Klimaschutz ist gut – hineingebastelt in eine watteweiche Wir-machen-ja-schon-Rhetorik", beschreibt die Aktivistin die Haltung der deutschen Politik aus ihrer Sicht.

Luisa Neubauer: Deutschland in Sachen Klima auf dem Abstellgleis

Neubauer sieht Deutschland beim Thema Klima auf dem Abstellgleis. Die Politik hierzulande halte sich mit Streitereien auf ohne, dass etwas Verbindliches auf den Weg gebracht werde. Selbst, wenn unser Land seine selbst gesteckten Ziele bis 2030 einhalte, würden wir die Ziele des Pariser Klimaabkommens verfehlen, beklagt Neubauer. Deutschland trage damit seinen Teil dazu bei, dass die weltweite Klimabilanz eine Katastrophe sei.

Neubauers Kritik richtet sich aber nicht nur gegen die gegenwärtige Bundesregierung. Auch die Klimaschutz-Bilanz Deutschlands der vergangenen Jahrzehnte sei schlecht. "Fast 30 Jahre verpasster Klimaziele liegen hinter uns", moniert Neubauer.

Die Aktivistin ist eine von vier neuen Kolumnistinnen und Kolumnisten, die unter dem Titel "Auf dem Weg nach morgen" im Wechsel im stern zum Thema Nachhaltigkeit und Klima schreiben. Neben Neubauer sind das der Philosoph Richard David Precht, der Sozialpsychologe Harald Welzer und die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann.

anb

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