HOME

Reisen in Zeiten von Flugscham: Fähre statt Flieger: Das Abenteuer einer skurrilen Schiffsreise nach Schweden

Aufs Fliegen verzichten, liegt im Trend. Unser Autor hat sich auf eine anachronistische Form der Fortbewegung eingelassen: die klassische Fähre. Welches Abenteuer er als Alleinreisender erlebte, hätte er sich nicht träumen lassen.

Einfahrt in den Fährhafen von Trelleborg in Südschweden

Einfahrt in den Fährhafen von Trelleborg in Südschweden

Kürzlich wollte ich nach Südschweden reisen. Wie komme ich von Hamburg am besten dorthin? Flugportale empfehlen eine Flugreise nach Malmö mit zweimaligem Umsteigen in Kopenhagen und Stockholm. Das ist nicht nur geografisch mit irren Umwegen verbunden, sondern auch ökologisch unvertretbar. Schließlich soll es in das Heimatland von Greta Thunberg gehen.

Auch mit der Bahn ist die Fahrt kein Katzensprung. Zwar benötigen Züge über die Öresund-Brücke zwischen Kopenhagen und Malmö nur 40 Minuten, aber die bequeme Anreise mit dem durchgehenden Eurocity in die dänische Hauptstadt ist zurzeit nicht möglich. Durch Gleisbauarbeiten kommt es auf der Vogelfluglinie zu Schienenersatzverkehr mit dem Bus. Als Alternative will mich die Bahn morgens von Hamburg mit dem Regionalexpress erst nach Flensburg befördern, dann geht es weiter über Jütland mit dreimaligem Umsteigen nach Schweden. Allerdings wäre ich erst nachmittags vor Ort.

Am besten wäre es, von Hamburg nach Kopenhagen in 50 Minuten zu fliegen. Vom Flughafen Kastrup geht es weiter nonstop nach Malmö mit der S-Bahn in nur 20 Minuten. Aber in Zeiten von Flugscham möchte ich auf den Kurzstreckenflug verzichten.

Früher bin ich schon oft mit dem Schiff ab Kiel und Rostock in skandinavische Länder gereist. Warum nicht mit der Nachtfähre übersetzen? Und hält die Deutsche Bahn nicht an einem Bahnhof mit dem Namen Travemünde Skandinavienkai? Prima, ich entscheide mich für den Trip von Travemünde nach Trelleborg. Laut Fahrplan geht es abends um 22 Uhr los mit Ankunft am nächsten Morgen um 8 Uhr. Dann steht mir gleich ein ganzer Tag in Südschweden zur Verfügung.

"Wo geht es hier nach Helsinki?"

Als ich abends an der Haltestelle Skandinavienkai aus dem Regionalzug steige, bin ich für mich. Schilder leiten mich durch eine Unterführung zu einer Bushaltestelle. Ein Zaun mit geschlossenem Tor versperrt den Weg zum Hafen. Ich wusste durch einen Blick auf die Karte, dass es noch ein ganzes Stück bis zum Fährterminal mit einem Linienbus zu überbrücken gilt.

Die Gegend wirkt alles andere als einladend. In der einsetzenden Dunkelheit sucht eine junge Fahrradfahrerin, schwerbepackt mit Satteltaschen, den Weg zum Terminal. "Wo geht es hier nach Helsinki?", fragt mich die sichtlich Verzweifelte. In diesem maritimen Niemandsland fühle sie sich verloren. Per Smartphone finden wir für sie einen Weg um das Hafengelände herum.

Laut Fahrplan müsste bald der Bus von Travemünde-Strand in Richtung Lübecker Innenstadt eintreffen. Der kommt dann irgendwann. Ich steige in den überfüllten Linienbus für nur eine Station ein. Per Fernbedienung öffnet der Fahrer das Hafentor, fährt an endlosen Reihen abgestellter Container, Neuwagen und Landwirtschaftsmaschinen vorbei. In wenigen Minuten kann ich am Fährterminal aussteigen und wundere mich, dass mein Rollenkoffer und ich die einzigen weit und breit sind. Fährt heutzutage keiner mit der Fähre? Nur noch diejenigen, die mit dem Auto oder Wohnmobil unterwegs sind?

Am Counter der Reederei empfangen mich zwei freundliche Damen und händigen mir die Bordkarte aus. "Der Fahrer des Shuttle zum Schiff kommt gleich", meint die eine. Vor den Hintereingang des Terminals fährt ein großer Bus vor, in dem ich alleine Platz nehme. Wahrscheinlich bin nur ich spät dran, denke ich, die anderen sind schon an Bord.

Der Shuttle-Bus fährt direkt aufs Fährschiff und entlässt dort den einzigen Passagier

Der Shuttle-Bus fährt direkt aufs Fährschiff und entlässt dort den einzigen Passagier

Im grellen Scheinwerferlicht rasen Sattelschlepper über das Betriebsgelände. Der Bus kurvt um Wohnwagengespanne, die nach Finnland wollen. Der Fahrer gibt Gas und fährt über eine Rampe direkt in den Bauch des Schiffes, das so breit ist, dass er darin problemlos eine 180-Grad-Kurve fahren kann. "Nehmen Sie die linke Tür, der rechte Fahrstuhl ist defekt", rät er mir beim Aussteigen. Die Schiffsmotoren dröhnen, es riecht nach Diesel und Lkw-Abgasen.

Hipster- und Instagram-freie Zone

Einige Decks höher bleibt die Zahl der Passagiere überschaubar. In der Mehrheit sind es Männer in kurzen Hosen mit Adiletten an den Füßen. Sie gehen an der Kasse zum Büfett nach rechts für "Truck Driver". Nach links die anderen, meist ältere Paare, die vor allem die Selbstbedienungs-Zapfhähne für Bier und Wein zu schätzen wissen: Einige füllen sich gleich mehrere Gläser auf und bauen sie vor sich auf. Geht es in Schweden immer noch so trocken zu?

Was ich an dieser knapp 20 Jahre alten Fähre gut finde: Das Produkt mit Essen und Kabine ist ehrlich, verzichtet auf Kreuzfahrtschnickschnack. Zu einer romantischen Hafenausfahrt kommt es nicht. Statt um 22 legen wir erst gegen 00.30 Uhr ab. Die See bleibt ruhig, das Schiff angenehm leise. Pünktlich um 8 Uhr machen wir in Trelleborg fest. An der Rezeption frage ich, von welchem Deck ich von Bord gehen kann. Auch hier gibt es keine Gangway. "Bitte warten Sie hier, bis Sie abgeholt werden", lautet die Antwort. Erst müssen alle Fahrzeuge von Bord, dann kann der Shuttle an Bord fahren. Ich warte. Alleine. "Sie sind der einzige Passagier, zu Fuß und ohne Auto." Als letzter komme ich von Bord. Die Fahrwege des großen Busses sind hier noch länger als in Travemünde.

Wie man Passagiere vergraulen kann

Wenige Tage später erfahre ich am eigenen Leib auf der Rückreise, warum ich ein Einzeltäter bin. Diese Art der Fortbewegung erscheint mir wie aus der Zeit gefallen zu sein. Zwar laufe ich nur fünf Minuten vom Bahnhof Trelleborg aus Malmö kommend zum Hafenterminal. Abfahrt nach Travemünde ebenfalls um 22 Uhr.

Aber auf der schwedischen Seite wird auf einen Check-in-Schalter verzichtet. Ab 18 Uhr ist hier kein Counter mehr besetzt. Automaten gibt es nur für die, die eine Fahrkarte bereits gebucht haben. Das Gerät spuckt anstandslos meine Kabinenkarte aus. 30 Minuten vor dem Ablegen werde man abgeholt.

Im Hafenhaus von Trelleborg in Schweden: für Passagiere ist es der Wartesaal, für andere eine trockene und warme Schlafgelegenheit.

Im Hafenhaus von Trelleborg in Schweden: für Passagiere ist es der Wartesaal, für andere eine trockene und warme Schlafgelegenheit.

Dann heißt es warten. Im Hafenhaus gibt es weder Wlan, einen Imbiss, noch einen Hinweis auf Toiletten. Die Sitzbänke sind aus hartem Holz. Draußen rasen die Sattelschlepper vor dem Fenster vorbei. Mit mir befindet sich noch ein weiterer Mann in der Halle. Er schläft auf einer Sitzgruppe. Nach Passagier sieht er weniger aus. Aber wenigstens trocken ist es hier.

Es kommen in den nächsten beiden Stunden noch zwei deutsche Pärchen auf Fahrrädern, fix und fertig von ihrer Schweden-Tour. Sie fluchen über den Check-in-Automaten einer anderen Reederei. Oder sollen sie sich in die Schlange der Fahrzeuge einreihen? Wir wissen es nicht.

Beim Ablegen wird das Büfett schon geräumt

Und wo soll der Shuttle-Bus abfahren? Keine Anzeigetafel, keine Ansage, nix. Wir sind hier nicht an einem Flughafen. Doch dann passiert etwas, was ich schon nicht mehr für möglich gehalten habe: Gegen 21.30 Uhr öffnet sich eine der Glastüren.

Ein Mann im orangenen Overall ruft nur ein einzelnes Wort in den Raum. Wie bitte? Ich gehe zu ihm. Doch er ist äußert wortkarg und unfreundlich. Wenigstens kann ich ihm entlocken, dass er keine Person mit Namen sucht, sondern nur Travemünde auf Schwedisch ausgerufen hat.

Das zweite Wort, das er in den Mund nimmt, heißt Ticket - mit Fragezeichen. Ich zeige ihm mein Pappkärtchen, das der Automat ausgedruckt hatte. Er dreht sich um und läuft einfach los, ich ihm hinterher, bis zu einem Stadtbus. Er bringt mich ins Schiff, dessen Deck mit Lkws fast komplett zugeparkt ist.

Ich gehe zum Treppenhaus rechts: Der Fahrstuhl ist repariert und funktioniert. Super. Ich rolle meinen Koffer schnell in die Kabine. Es ist 21.50 Uhr, da vibriert plötzlich das Schiff. Wir legen ab. Ich eile zum Restaurant. Doch das Büfett wird bereits abgebaut. Pech, wenn man als letzter an Bord gebracht wird. Was für ein Timing.

Kunden können schon lästig sein. Ich fühle mich wie ein Reisender, der zu falschen Zeit das falsche Verkehrsmittel benutzt. Doch aus einer doppelten Verneinung wird nicht automatisch ein Ja. Mir wird jetzt klar, warum ich wieder nur der einzige bin: Wieso wird es einem so schwer gemacht, wenn man aufs Autofahren und Fliegen verzichten möchte?

Lesen Sie auch:


Wissenscommunity