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Kühn kuckt - die TV-Kolumne: Besuch der alten Männer

Während Karl Moik seinen Abschied dehnt, feiert Schröder auf allen Kanälen Wiedersehen. Hans-Dietrich Genscher hingegen kneift vor der eigenen Rolle in der Geschichte. Die TV-Kolumne von stern-Redakteur Alexander Kühn.

In den großen Städten sieht man jetzt allerorten Plakate von Karl Moik. Am 8. November ist er in Frankfurt, am 9. November in Essen, am 10. in Trier, am 12. in Hannover - und so weiter. "Servus, Karl Moik" heißt die Tour, Tony Marshall ist dabei, Claudia Jung und der Hias. Ein Mann verabschiedet sich. Seit geraumer Zeit. Seinen letzten "Musikantenstadl" moderierte Moik bereits an Silvester, fünfeinhalb Stunden lang, wobei er sich so verausgabte, dass er hinterher in die Klinik eingeliefert wurde. Womöglich zehrte an ihm der Gram darüber, dass man ihn bei der ARD nicht mehr haben wollte.

Seit September präsentiert nun Andy Borg den "Stadl"; 46 ist er und bereits jetzt so füllig, wie Moik es erst im Lauf eines Vierteljahrhunderts Stadlmoderationen wurde. Dem Moik sei es gegönnt, dass er sich mit 68 für ein paar Gastspiel-Abende wieder so gebärden darf, als wäre er noch Chef im "Stadl". Gerhard Schröder tut das ja auch. Seine Memoiren-Tournee, kein Servus, sondern ein Wiedersehen, führte ihn in den "Spiegel" und in die "Bild" und zu Reinhold Beckmann und zu Sabine Christiansen. Am heutigen Dienstag nun wird er ab 20.15 Uhr im Bayerischen Fernsehen mit Sigmund Gottlieb plaudern und zur selben Zeit auf Phoenix mit Ulrich Wickert, sodass man annehmen muss, es gebe womöglich, wie bei den Polen-Brüdern Kaczynski, zwei von seiner Sorte.

Genscher in Prag

RTL, das sei auch noch rasch erzählt, hatte jetzt übrigens eine ganz dolle Idee. Hans-Dietrich Genscher sollte sich selbst spielen, also so tun, als wäre er noch Außenminister. Der Quote des Event-Movies "Prager Botschaft" wäre es gut bekommen. Genscher hätte noch einmal, wie im September 1989, als Heilsbringer für 5000 DDR-Flüchtlinge auf dem Balkon erscheinen und kurzatmig heruntersächseln sollen, dass er gekommen sei, mitzuteilen, "dass heute Ihre Ausreise..." - Jubel, Jubel, Gänsehaut. Tatsächlich war Genscher vor zwei Wochen nach Prag zu den Dreharbeiten gereist - wo ihn dann, so die von RTL verbreitete Version, alles so überwältigt habe, dass der Sender kleinlaut verkünden musste, Herrn Genscher erscheine es nicht möglich, "eine für mich so bewegende und auch politisch so entscheidende Begebenheit nachzustellen." Servus, Herr Genscher!