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TV-Kritik

"Anne Will": Martin Schulz, der deutsche Obama? "Ich bin ein Typ mit Gefühl"

Anne Will hat den SPD-Hoffnungsträger Martin Schulz als einzigen Gast und stellt ihm die Frage: "Können Sie Kanzler?" Der frisch gekürte Kandidat verspricht wenig - und vermittelt doch neue Glaubwürdigkeit.

Von Jan Zier

Anne Will Martin Schulz

Martin Schulz zu Gast bei Anne Will: "Das bewegt mich sehr"

Wenn Talkshows wie diese doch einen Sinn haben, dann am ehesten an Abenden wie diesem: Martin Schulz ist da, der neue Kanzlerkandidat und designierte Chef der SPD, und nur Martin Schulz. Es ist ein eher unaufgeregtes, entschleunigtes Interview, aber niemand redet dazwischen, wie sonst meist bei Anne Will, wenn es wirklich um was geht.

"Ich bin gefühlt und faktisch der bessere Kandidat", sagt Martin Schulz, und es ist ein Satz, der sich nicht nur gegen seine Kontrahentin Angela Merkel richtet, sondern auch gegen seinen Freund Sigmar Gabriel. Den er vor allem für seinen Charakter lobt. Dafür, dass er, ja: erkannt hat, dass die SPD mit ihm an der Spitze bei der Bundestagswahl eben vollkommen chancenlos gewesen wäre. Martin Schulz ist einer, der an diesem Abend immer wieder behutsam auf Distanz zum Berliner Politikbetrieb geht und zugleich beherzt an die sozialdemokratische Seele appelliert. Er ist einer, der vor allem die Basis lobt, die SPD-PolitikerInnen unten in den Kommunen und den Ländern. Von den SPD-BundesministerInnen ist an diesem Abend nicht die Rede.

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Das Argument der fehlenden Regierungserfahrung

Anne Will lässt ihrem Gast die düstere Analyse des Landes vortragen, die Sigmar Gabriel neulich in einem Interview dem stern präsentiert hat. Natürlich, auch Sigmar Gabriel kann rhetorisch geschickt den Genossinnen und Genossen das rote Herz wärmen. Aber Martin Schulz – und darauf kommt es an - ist einer, dem man das glauben will. Nur deshalb hat er auch eine Chance, nur deshalb geht jetzt ein Ruck jedenfalls durch die SPD.

Auch wenn Martin Schulz inhaltlich kaum was konkretes sagt an diesem Abend. Aber wenn er vom Leben im kleinen Würselen spricht, wo er einst Bürgermeister war, wo er immer noch lebt, wenn er, wie es sich für einen guten Sozialdemokraten gehört, von den "hart arbeitenden" Altenpflegern, Busfahrern, Polizisten und Bäckern spricht, dann hast du da Gefühl, dass er tatsächlich noch weiß, wovon er da spricht. Nicht obwohl, sondern gerade weil er kein Abitur hat und nur Bürgermeister war, ehe er in die große europäische Politik ging. Das Argument der fehlenden Regierungserfahrung wischt er eloquent beiseite – mit einem Hinweis auf Barack Obama. Obwohl Donald Trump ja auch nie ein politisches Amt inne hatte, er sie ihn zum Präsidenten wählten.

"Ich bin ein Typ mit Gefühl", sagt Martin Schulz, und dass ist auch seine zentrale Botschaft an diesem Abend. Als die ARD – natürlich! – das klassische SPD-Klientel in Essen befragt, Leute, die sagen: "Die SPD hat die Arbeiter verarscht", da antwortet Schulz: "Das bewegt mich sehr". Und tatsächlich stockt er für einen Moment. Gerade lang genug, um Glaubwürdigkeit zu vermitteln.

Dennoch verteidigt er en passant die Regierungspolitik der SPD unter Gerhard Schröder, die Hartz IV eingeführt, den Niedriglohnsektor ausgebaut und die Vermögenssteuer abgeschafft hat mit den Worten: Die SPD habe seinerzeit die Gesellschaft "reformiert". Nur um im nächsten Moment zu sagen, dass es "keine prekären Jobs" geben dürfe, mit denen die Menschen Angst vor der Altersarmut haben müssten. Um dann auch noch, wie selbstverständlich!, die Tariflöhne etwa im Einzelhandel als "zu niedrig" zu geißeln – und den Mindestlohn auch.

Mit wem will Martin Schulz regieren?

Als Anne Will dann aber beharrlich danach fragt, wie sehr der nun steigen müsse, Schulz gar auf eine Zahl festlegen will, da kneift der Kandidat. Er sagt keine Zahl. Er will nichts versprechen. Nur darauf hinweisen, dass das Sache der Koalitionsverhandlungen sei.

Mit wem er regieren will? Das Wort "Große Koalition" fällt bei Schulz an dieser Stelle so wenig wie "Rot-Rot-Grün". Er sagt nur immer und immer wieder, dass die SPD "stärkste Kraft" werden und dann von den anderen gefragt werden will. Bei den Leuten in Essen, die sich lange von der SPD abgewandt haben, bittet er um einen "Vertrauensvorschuss". Er meint das auch so. Die aber wurden schon zu oft von der SPD enttäuscht, sagen sie. Sie wollen Taten sehen, und zwar nicht erst nach der Wahl. Dass ist von nun an sein Dilemma – so sehr man Martin Schulz auch glauben will.