HOME
TV-Kritik

"Maybrit Illner": Deniz Yücel über die türkische Regierung: "Hauptberuflich sind das Gangster"

Bei Maybrit Illner stand diesmal das Thema Türkei auf dem Programm. Ihr wichtigster Gast war Deniz Yücel, der vor der Diskussion in einem Interview darüber sprach, wie er die Haft überstand. Danach gab es nur altbekannte Argumente.

Maybrit Illner Deniz Yücel

Deniz Yücel zeigte sich tief bewegt während des Interviews bei Maybrit Illner 

ZDF

"Erdogans Willkür - wie erpressbar ist Europa?", wollte Maybritt Illner in ihrer Sendung von ihren Gästen wissen. Der Talk war zweigeteilt, erst gab es ein aufgezeichnetes Interview mit Deniz Yücel, dann eine Talkrunde. Im Gedächtnis bleibt von diesem Gespräch wohl vor allem eins: Wie wichtig Solidarität und Unterstützung ist.

Die Gäste bei Maybrit Illner: 

Deniz Yücel, der deutsch-türkische Journalist sprach im aufgezeichneten Einzelinterview im ersten Teil der Sendung

Dr. Norbert Röttgen (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Deutschen Bundestag,

Özlem Topcu, Politik-Redakteurin der "Zeit"

Claudia Roth (Bündnis 90/Grüne), Bundestagsvizepräsidentin 

Deniz Yücel: Die Gesellschaft braucht kritischen Journalismus

"Hauptberuflich sind das Gangster", machte Yücel im Gespräch mit Maybritt Illner klar. Gemeint sind der türkische Präsident und sein Gefolge. Und dennoch, fast, aber nur fast, ist er Erdogan auch dankbar für die 367 Tage andauernde Inhaftierung. Immerhin habe Yücel in dieser Zeit "gesehen, wie wichtig Freundschaft und Liebe ist. Und wie wichtig dieser Job ist. Die Gesellschaft braucht kritischen Journalismus." Denn der bewirke etwas in der Welt.

Yücel zeigte sich tief bewegt während des Interviews. Der Journalist der "Welt" hatte Tränen in den Augen, als Illner nach dem Einspieler, einer kurzen Zusammenfassung der Haftzeit Yücels, die erste Frage an ihn richtete. Sie wollte wissen, ob das Schreiben im Gefängnis noch wichtiger für ihn geworden sei, als in Freiheit. Für den Deutsch-Türken sei die Unterstützung aber das Wichtigste gewesen. Das Wissen, dass andere an ihn dachten. Denn: "Die Einsamkeit war das Schwierigste. Und das Gefühl: die wollen mich zum Schweigen bringen." Geschwiegen hat Yücel nicht. In der Haft schrieb er viel, zunächst mit der roten Soße seines Essens und einer abgebrochene Gabel. Dann ließ er einen Stift mitgehen. Yücel schrieb gegen die Einsamkeit, gegen die permanente Dunkelheit, denn in seiner Einzelhaft bekam er nur zehn Minuten Licht pro Tag. Neun Monate Einzelhaft musste der Journalist ertragen, weil er, wie er sagt "einen guten Job gemacht hat".

Ein Jahr für eine Liste

Insgesamt 367 Tage saß Yücel im Gefängnis, weil, wie er sagte, die Staatsanwaltschaft eine Liste mit Gesprächsverbindungen zu den Akten hinzufügen musste. Diese Liste sollte beweisen, dass die Anklage der Volksverhetzung und Terrorpropaganda gerechtfertigt war. Allerdings wurde hinter den Telefonnummern vor allem Hinweise vermerkt wie "könnte Kontakt zur PKK haben" oder "könnte Kontakt zu Personen haben, die Kontakte zur PKK haben", sagte Yücel. Einen echten Beweis gibt es für keine dieser Anschuldigungen. Deswegen, so sah es auch die Journalistin Özlem Topcu, musste Yücel nach türkischem Recht freigelassen werden. Ob und wie er sich im Juni zum nächsten Gerichtstermin äußern wird, ließ er offen.

Das Dilemma mit der Türkei

Im zweiten Teil der Sendung gab es meist Aussagen, die aus der öffentlichen Debatte des vergangenen Jahres, als Yücel noch im Gefängnis schmorrte, bekannt sind. Vom langen Schweigen Deutschlands bis zum "Dilemma mit der Türkei", wie Röttgen es nannte - es war alles dabei.

"Ich halte nicht viel von der Erpressbarkeitsthese", argumentierte Topcu, weil Deutschland und die EU die Türkei brauchen, umgekehrt dies aber auch gilt. Es käme eben, wie so oft, auf den Blickwinkel an. Im Umgang mit den Geflüchteten sei Europa auf die Hilfe angewiesen. Gleichzeitig sei aber auch die Türkei erpressbar, mit Waffendeals oder Handelsabkommen. Vor allem im Wirtschaftsbereich könnte Deutschland die Daumenschrauben andrehen und es so für Erdogan ungemütlich werden lassen. Denn der türkische Präsident wurde vor allem wegen seiner Sozial- und Wirtschaftspolitik gewählt. Kippt dieser Erfolg, schwindet auch der Einfluss Erdogans.

Bei allen Deals und Abkommen dürfen die Rechtsverstöße, die in der Türkei geschehen, nicht vergessen werden. Im Gegenteil, und darin waren sich die Talkgäste allesamt einig, sie forderten die Öffentlichkeit auf, nicht zu schweigen sondern sich einzubringen. Die Unterstützung und Mobilisierung von vielen halfen Deniz Yücel durch eine schwere Zeit. Und genau das soll auch anderen Inhaftierten helfen.