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Medienkolumne: Fernsehen wird teurer - für jedermann

Ganz klar sind die Einzelheiten der zukünftigen Geschäftsmodelle des Privatfernsehens noch nicht. Aber was der neue ProSieben-Sat.1-Chef Thomas Ebeling jetzt schon durch die Blume angekündigt hat, wird langfristig zu höheren Medienkosten führen - für jedermann.

Von Bernd Gäbler

Das starke öffentlich-rechtliche Fernsehen lebt von der Gebühr, die jeder, der auch nur in der Lage ist, es zu empfangen, bezahlen muss. Gut 7,4 Milliarden Euro kommen da aktuell zusammen. Davon kann man einiges an Programm herstellen und ausstrahlen. Es soll vor allem der Information und Bildung, darf aber auch der Unterhaltung dienen. Der Zuschauer soll als Staatsbürger angesprochen werden.

Das Programm des frei empfangbaren Privatfernsehens - längst aufgeteilt in die zwei großen Sendergruppen RTL und ProSieben-Sat.1 - hat dagegen die Funktion, so attraktiv zu sein, dass der Werbeindustrie eine zahlreiche und gut kalkulierbare Zuschauerreichweite zur Verfügung steht. Es ist frei empfangbar, weil die Werbe-Einnahmen zu seiner Finanzierung eingesetzt werden.

Wären Sie bereit, für Fernsehinhalte von Privatsendern künftig zu bezahlen?

Dieses fein austarierte System ist in einer Krise. Diese Krise ist nicht nur konjunkturell bedingt. Mit einem Rückgang der Werbegelder von mindestens 10 Prozent rechnen die Senderverantwortlichen. Sie rechnen nicht damit, dass sich das rasch wieder legt. Sie alle wollen deswegen neue und zusätzliche Erlösmodelle erschließen. Mehr Merchandising, besserer internationaler Verkauf der eigenen Programme, Einnahmen durch Telefondienste und Kosteneinsparungen - so etwa lauteten bisher die Konzepte. Auch von einem allmählichen Aufbau von digitalen Zusatzkanälen oder digitalen Programm-Archiven, von denen "on demand", also zeitunabhängig einzelne Programme gegen Entgelt angefordert werden können, war schon die Rede.

Wir Zuschauer sollen zahlen!

Für einen Paukenschlag sorgten aber jetzt die Äußerungen des neuen Chefs der besonders krisengebeutelten Sendergruppe ProSieben-Sat.1, Thomas Ebeling, gegenüber dem "Handelsblatt". "Wie müssen vom Werbemarkt unabhängiger werden", sagte er. Okay. Das wollen alle. Bis 2014 aber sollen schon ein Drittel aller Einnahmen unabhängig von der Werbung sein. Das ist doppelt so viel wie zurzeit. Das heißt nichts anderes als: Wir Zuschauer sollen zahlen!

Schon jetzt gibt es Video-on-Demand-Portale wie "RTL now" oder "Maxdome". Da kann der geneigte Zuschauer gegen eine Bezahlung, die zwischen 99 Cent und 1 Euro 49 Cent liegt, die letzte Folge von "Doctors Diary" oder "Schlag den Raab" herunterladen. 12 Millionen Abrufe hatte "RTL now" allein im September. Diese Portale sind bisher aber Zusatzangebote. Dies gilt auch für Programmpakete, die in einzelnen Digitalkanälen wie "RTL Living" oder "RTL Crime" zusammengefasst werden. Für Zusatzangebote soll der Zuschauer auch gerne zahlen. Es sind neue Möglichkeiten des Fernsehens, die die digitale Zukunftswelt bereithält. Sie können sich auch aus der Überschneidung von TV und Internet ergeben.

Pay-TV durch die Hintertür

Thomas Ebeling aber plant mehr. Er will nicht einfach neben dem bisherigen Modell - frei empfangbares Programm gegen Werbegelder - zusätzliche Angebote erfinden, die so reizvoll sind, dass Zuschauer in relevanter Zahl sogar bereit sind, dafür zu zahlen, sondern er will das bisherige Kerngeschäft selber verändern. Er sagt, es brauche zugkräftige Sendungen auf den einzelnen digitalen Kanälen, auf die der Zuschauer nicht verzichten will. Für die soll der Kunde dann auch zahlen. Das aber ist Pay-TV durch die Hintertür. In fast allen Medien wird aktuell über "Paid Content" nachgedacht. Da will der Chef des mit 3,4 Milliarden Euro Nettoschulden belasteten Konzerns wohl nicht nachstehen. Aber konzeptionell erscheint diese Überlegung nicht nur frech, sondern auch tollkühn.

Ausgerechnet in dem Land, in dem Pay-TV sogar mit exklusiven Inhalten wie Live-Fußball nicht hinreichend funktioniert, soll die Sehnsucht nach Raab und Pocher, Kerner, "Popstars" und "Germanys Next Top-Models" so groß sein, dass mit diesem Programminhalt selbst dauerhaft ein gutes Geschäft zu machen ist? Wer daran glaubt, ist das nächste TV-Desaster selber schuld.

Keine TV-Revolution - Mehrkosten für jedermann

Aber ganz so naiv ist ja niemand. Auch nicht in der Chef-Etage von ProSieben-Sat.1 oder bei den "Heuschrecken", die Besitzer der Sendergruppe sind. Sie streben nicht eine jähe Verwandlung des werbefinanzierten TV in Pay-TV an, aber die allmähliche Gewöhnung des Zuschauers an Kosten. Das steckt hinter der Ankündigung des ProSiebenSat.1-Chefs, der Sender wolle vermehrt direkte Kontakte zu den Endkunden unterhalten und sein Programm nicht nur in digitale Kanäle einspeisen oder Plattform-Betreibern zur Verfügung stellen. T-Home zum Beispiel zahlt den Sendern jetzt schon Geld dafür, dass sie über diese Plattform zu empfangen sind.

Das gilt für die Netzbetreiber aber nicht. Im Gegenteil: Da müssen sogar die Sender dafür zahlen, dass diese das Programm auch einspeisen. Auch das soll langfristig möglichst umgekehrt werden. Auch das neue gestochen scharfe HD-Fernsehen soll Geld bringen. Es ist darauf angewiesen, durch neue Decoder entschlüsselt zu werden. Wo entschlüsselt wird, kann auch verschlüsselt werden, können Kosten erhoben werden. Der Weg zur Digitalisierung war hierzulande erst frei, als jedermann klargemacht werden konnte, dass digitales Fernsehen nicht identisch ist mit Bezahl-Fernsehen. Weil es den Sendern - oder präziser: speziell der ProSieben-Sat.1-Gruppe - so mies geht, soll davon jetzt etwas zurückgenommen werden.

Offen ist nur noch eine Frage, die aber vermutlich die strategisch entscheidende ist. Wenn das Fernsehen in Zukunft für nahezu jedermann zu Mehrkosten führen soll, beziehungsweise für den Umfang des bisher frei empfangbaren Programmangebots ein höheres Medienbudget nötig ist, weil etwa Teile ausgelagert werden in Pay-Angebote oder sonstige Zusatzkosten erhoben werden - wird das zu einer Gesamtausweitung des Marktes führen oder lediglich zu einer Umverteilung? Gelingt es den Veranstaltern nicht, uns alle zu insgesamt höheren Ausgaben zu verleiten, würde der Verdrängungswettbewerb noch härter. Für das Pay-TV würde es noch schwerer (mit allen Folgen für den Fußball) - und vielleicht überlebt am Ende dann sogar nur eine der beiden großen hiesigen Sendergruppen.

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