Medienrückblick Eine Überdosis Obama


Der strahlende Auftritt des US-Senators Barack Obama vor 200.000 Menschen in Berlin war auch in der medialen Aufbereitung ohne Beispiel - in Print, online und TV. Für den gewillten Konsumenten eine teilweise absurde Tour de force, bei der man auf ein Abkühlung lange warten musste. Ein Streifzug durch die Angebote.
Von Peter Luley

Dass es gestern ein in jeder Hinsicht heißer Tag werden würde, stand schon beim morgendlichen Blick in die Print-Presse fest. Nach den "Spiegel"- und stern-Titelgeschichten dieser Woche beherrschte der Berlin-Besuch des US-Senators und designierten Präsidentschaftskandidaten Barack Obama auch die Schlagzeilen der Tageszeitungen. "Macht uns den Obama!", hatte "Bild" die deutschen Politiker aufgefordert und die Seite eins mit entsprechend umgestalteten Köpfen von "Angela Omerkel", "Barack Steinmeier" und Co. verziert. Derweil die "taz" Obama ganzseitig im Superman-Kostüm abbildete ("Komm runter!"). Lediglich die "FAZ" fiel mit einem Schäuble-Fingerabdruck zum Thema elektronischer Personalausweis ein wenig aus der Reihe.

Auf einen Live-Ticker mochte kein Internet-Portal verzichten

Kaum ein Internet-Portal (auch stern.de nicht) kam dann ab Vormittag ohne Obama-Liveticker und -Quiz aus. Minutiös wurden die avisierten Termine des US-Wahlkämpfers auf Welttournee bei Kanzlerin Merkel, Außenminister Steinmeier und mit Bürgermeister Wowereit protokolliert. Die Website tagesschau.de bot flankierend ein Voting an, bei dem die Nutzer die Zuschauerzahl bei der Rede an der Siegessäule schätzen sollten - von "weniger als 10.000" bis zu "mehr als eine Million". Die Konkurrenz von heute.de wollte wissen, ob sich mit Obama tatsächlich eine Chance für die Weltpolitik eröffne oder es sich etwa nur um ein Spektakel handle.

Mit der zutreffenden Analyse "Größer könnte der Wirbel kaum sein, wenn er schon Präsident wäre", läutete dann um 12.00 Uhr der öffentlich-rechtliche Ereignis- und Dokumentationskanal Phoenix die Liveberichterstattung ein. Rührenderweise schaltete der in Bonn ansässige Sender dazu immer wieder vom Rhein in die Hauptstadt, teilweise mit Split-Screen-Technik. Korrespondent Gerd-Joachim von Fallois war denn auch schon mittags ganz aus dem Häuschen und bezeichnete Obamas Hotel, das Adlon, als "wahrlich nicht die schlechteste Adresse in Paris".

Die Journalisten interviewten sich gegenseitig zum Thema Obama

Auch n-tv und N24 brachten Sondersendungen. Für N24 hatte sich Steffen Schwarzkopf vorm Adlon postiert, um Obamas Aufbruch ins Auswärtige Amt abzupassen; um 14.15 Uhr sah man dort einen Polizeiwagen mit weißer Fahne um die Ecke biegen - gegen diese Vorberichterstattung verblasste selbst die Aufbereitung der Fußball-EM. Auf n-tv wurde kurz nach 16.00 Uhr CNN-Chefkorrespondentin Christiane Amanpour über Obamas journalistischen Begleittross befragt, bevor sie um 18.00 Uhr selbst auf ihrem Haussender die Lage schilderte. Überhaupt interviewten sich die Journalisten gestern gern mal gegenseitig - auf CNN gab sich etwa der ARD-"Editor in chief" Ulrich Deppendorf die Ehre ("We're looking forward to the speach now"). Und natürlich war es auch wieder der Moment der telegenen Politikwissenschaftler - besonders ausdauernd erklärte der Kölner Professor Thomas Jäger auf Phoenix das Obama-Kino.

Geradezu absurde Dimensionen erreichte die wortspielgesättigte Begleitmusik ("Barack 'n' Roll") in den von Spekulationen umrankten Zeitfenstern zwischen den Terminen. Etwa als sich der wackere N24-Mann Heiko Paluschka von seinen Studiokollegen für sein "Reporterglück" feiern ließ, weil er im Hoteleingang ein Statement von Obama himself erhascht hatte: "How do you like Berlin so far?", hatte er dem Präsidenten in spe unerschrocken zugerufen und ein "It's just wonderful" zurückbekommen. Im Übrigen wusste Paluschka zu berichten, dass der Hoffnungsträger vor seiner Rede noch im Hotel Ritz Carlton Sport treiben und "die Seele baumeln lassen" werde.

Längst lagen natürlich auch erste Analysen der Körpersprache beim Merkel-Fototermin vor ("ein bisschen eckig"); Obamas Eintrag ins Goldene Buch der Stadt (mit links!) war mehrfach zu bestaunen; und Bürgermeister Wowereit betätigte sich als bereitwilliger Obama-Deuter und Interviewpartner, betonte das Charisma des Kandidaten und dessen Gemeinsamkeiten mit Berlin ("change"). Auch Kennedys legendäres "Ich bin ein Berliner" von 1963 hatte man zur Einstimmung gefühlte hundert Mal gehört – immer verknüpft mit der gespannten Frage, ob Obama wohl ebenfalls einen solchen deutschen Satz zum Besten geben würde.

"Halb Fanmeile, halb Kirchentag"

Wahrscheinlich lag es auch an dieser schier endlos gesteigerten Erwartungshaltung, dass Obamas eigentliche Rede, ab 19.21 Uhr live u.a. auf ARD und ZDF zu sehen, zumindest vorm Fernsehschirm dann nicht gar so bahnbrechend rüberkam - bei aller Wirkungsmacht der Bilder vom in imposanter Zahl erschienenen Publikum, das erst allmählich auf 200.000 taxiert wurde. "Halb Fanmeile, halb Kirchentag", beschrieb der ehemalige US-Botschafter John C. Kornblum im Gespräch mit dem gut aufgelegten ZDF-Anchorman Claus Kleber treffend die Atmosphäre; aber war Obamas 27-minütige Tour de force von der eigenen Herkunft über die Luftbrücke bis zum internationalen Terrorismus nun wirklich eine bahnbrechende rhetorische Meisterleistung?

Jedenfalls wuchs nach dem Auftritt im TV-Betrachter der Wunsch nach distanzierter Analyse - die ein Special des RBB ab 20.15 Uhr mit vielen Straßen-Stimmungsbildern nur bedingt bot. Schon eher gelang das später Sonia Mikich in „Monitor“, wo ein Beitrag herausarbeitete, dass Obama „nicht der Kriegsgegner sei, für den ihn viele halten“ und dass er im heimischen Wahlkampf schon einige seiner ursprünglichen liberalen Positionen (etwa zu Todesstrafe und Waffenbesitz) aufgegeben hat. Trotzdem hätte man zum Abschluss gut noch etwas mehr Abkühlung vertragen können – einen Harald Schmidt in Bestform etwa.

Da kam das NDR-Satiremagazin "extra 3" ab 22.30 Uhr zwar nicht ganz heran. Immerhin aber wurde einem hier noch Aufklärung zuteil, woher der Obama-Slogan "Yes we can" ursprünglich stammt: aus der BBC-Kinderserie "Bob the builder" ("Bob der Baumeister"), wo die Frage "Can we fix it?" stets entsprechend beantwortet wird. Nun ja, es war halt wirklich ein heißer Tag gestern.


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