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Neue Netflix-Serie: Warum durch "Marseille" der Haussegen schief hängt

Serien sind was Tolles: Sie unterhalten auf hohem Niveau und bieten allerhand Gesprächsstoff für die Mittagspause. Doch Dank der neuen Netflix-Serie "Marseille" ist bei uns zu Hause ein Kampf um die Fernbedienung entbrand.

Marseille, neue Netflix-Serie

Marseille, die neue Netflix-Serie, spaltet die Gemüter.

Es hätte so schön werden können: Gemeinsam auf dem Sofa rumhängen und in die Welten einer neuen Serie abtauchen. Fantastisch, besser kann ein Tag nicht ausklingen. Eigentlich. Denn die erst kürzlich in Deutschland gestartete Netflix-Serie "Marseille" macht deutlich, wie sehr Serien nicht nur einen können. Sondern zeigt auch, wie unterschiedlich man Serien bewerten kann. Mein Freund ist hingerissen, ich schwanke zwischen tiefer Langeweile und aufsteigender Genervtheit. Der Kampf um die Fernbedienung begann bei uns an diesem Abend.

Dabei klingen die Eckpfeiler der Serie recht vielversprechend: In der einst verlodderten Hafenstadt hat sich ein Machtkampf losgebrochen. Gérard Depardieu, Bürgermeister der Stadt, und sein Ziehsohn bekriegen sich auf der gesamten Klaviatur machtpolitischen Strebens. Angedickt wird die Story mit privaten Verstrickungen, Drogen und natürlich der Unterwelt. Klingt erst einmal spannend - ist es aber leider so gar nicht.

"Marseille": Viel reden, wenig tun

Denn auch wenn Netflix sicherlich ein saftiges Budget rausgehauen hat, passiert wenig in der Serie. Eigentlich ist es eine Aneinanderreihung von Szenen, in denen Menschen nicht handeln, sondern darüber reden, was sie getan haben. Keine Action, keine aktiven Handlungen, keine Gewalt, kein Sex - aber viel Gerede darüber. Hier prallen nicht machthungrige Menschen aufeinander, sondern sie lassen es in Gesprächen über Bande den anderen wissen, dass sie im Konflikt zueinander stehen. Reden, reden, reden - Szene um Szene schwatzen sich die Charaktere durch die Episoden. Sie unterhalten sich in Autos, Büros, auf der Straße. Wie eine Perlenkette reihen sich die Quatschereien auf, unterbrochen von eindrucksvollen Stadtansichten. Tatsächlich bekommt der Zuschauer hier eine Idee, wo das Budget geblieben ist, wenn die Kamera über die pittoreske Hafenpromenade oder ein ärmliches Ghetto schwenkt.


Handlung und Stadtansichten

Und hier schaut mein Freund genau hin, erkennt viele Ecken der Stadt wieder, saugt innerlich das Gesagte aus der vorangegangenen Szene mit den Stadtbildern zusammen. Ich wäre da aus purer Langeweile schon weggenickt. Und offenbar war den Serienmachern diese Reaktion bewusst - also unterlegten sie diese Szenentrenner mit laut-grummeligem Bassgedröhne. Auch wenn das endlose Geschnatter der Hauptfiguren mich schon fast ins Land der Träume geschickt hat, spätestens wenn das Sofa auf den Holzdielen durch die Basswelle vibriert, bin ich wieder wach. 

Seifenoper lässt grüßen

Und dabei habe ich mich redlich bemüht, der Geschichte eine Chance zu geben. Doch die Handlung packt mich nicht, kratzt nur an der Oberfläche. Jede Person hat nicht ein oder zwei Konflikte an der Backe, sondern steht im Grunde mit fast jedem Charakter der Serie auf Kriegsfuß. Politischer Kampf, die Beziehungen der Unterwelt enden in Konflikten in Konflikten. Im Grunde in bester Soap-Manier. Würde man die Bässe zwischen den Szenen rausdrehen, ist "Marseille" eine Art "Rote Rosen" mit etwas aufgepumpter Story, weniger Lüneburger Heide und mehr Südfrankreich. Mein Freund findet das spannend: Die Beziehungen zwischen den Rollen, das Rennen um den Bürgermeisterposten, die sozialen Konflikte. 


Gérard Depardieu glänzt in seiner Rolle

Einzig auf das Highlight der Serie konnten wir uns einigen - und das ist Gérard Depardieu, dem man den feisten Fädenzieher voll abnimmt. Die Nebenrollen verblassen neben ihm. Das muss nicht am mangelnden Talent der Darsteller liegen. Sondern ist eher dem Drehbuch zuzuschreiben, das voll auf oberflächliche Stereotypen setzt, wie der verwöhnten Tochter, die mit einem Drogendealer anbändelt. 

"Marseille" sollte ein französisches "House of Cards werden", die erste europäische Eigenproduktion von Netflix. Bei uns führt die Serie zu getrennten Serienzeiten. Aber gut, eine Staffel, acht Folgen, das werde ich überleben.