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Interview

"Kalkofes Mattscheibe" auf Tele5: "Ich hätte nie geglaubt, dass das Fernsehen so tief sinkt": Oliver Kalkofe über Trash-Formate

Oliver Kalkofe musste sich zuletzt viel übers deutsche Fernsehen ärgern. "Promis unter Palmen" ist für ihn ein Negativ-Meilenstein. Im stern-Interview erklärt er, weshalb er dennoch auf Besserung hofft.

Oliver Kalkofe

In "Kalkofes Mattscheibe: Halbjahresrückblick 2020" nimmt Oliver Kalkofe Trash-TV-Formate wie "Promis unter Palmen" aufs Korn.

Herr Kalkofe, vermutlich haben Sie wie die meisten Menschen in den vergangenen Monaten mehr Fernsehen geschaut als sonst. Was haben Sie an Positivem entdeckt?

Viele Sendungen, von denen man dachte, dass sie nur mit Publikum funktionieren, wurden besser. Das Publikum wird oft gar nicht gebraucht und kann sogar störend sein. Ich habe neuerdings eine große Freude daran, "Markus Lanz" zu gucken.

Wieso das?

Plötzlich reduziert sich alles darauf, worum es eigentlich gehen sollte: das Gespräch. Dieser Drang, der vorher da war, nach einer Pointe zu jagen, nach Zustimmung vom Publikum, war weg. Jetzt entstehen richtig gute und interessante Gespräche, die es vorher nicht gab, weil es oft einfach nur um Populismus ging. Das ist auch bei einigen politischen Talkshows der Fall, etwa bei "Anne Will". Umgekehrt werden schlechte Shows ohne Publikum noch schlechter.

Was war Ihr persönlicher Tiefpunkt der vergangenen Monate?

Das war ganz eindeutig "Promis unter Palmen". Ein Phänomen, das zeigt, wie man mit einem Quotenerfolg gleichzeitig so tief in die Kiste der Unmenschlichkeit greifen kann, dass man jeden möglichen Erfolg ins Gegenteil verkehrt, sodass am Ende niemand mehr hinsehen wollte.

Ein Ausschnitt aus der neuen Staffel von "Kalkofes Mattscheibe".

Was macht "Promis unter Palmen" so besonders?

Das waren nur fünf Folgen. Die erste wurde von den Feuilletons gefeiert. Man hatte sich die Crème de la Crème der Selbstdarstellung geholt und es krachte ordentlich. In der zweiten Folge schon wurde es so, dass man dachte: Das ist jetzt ein bisschen heftig. Es wurde fast handgreiflich. In der dritten Folge kippte es in eine furchtbare Mobbing-Geschichte. Das wurde richtig bösartig. Gleichzeitig merkte man, dass sich bei Sat.1 offenbar niemand Gedanken gemacht hat, dass man alle Grenzen des Ertragbaren verletzte und etwas präsentierte, was bei den Menschen draußen gar nicht mehr gut ankam.

Wie ging es weiter?

In der vierten Folge wurde es absurd, weil sich die Figuren veränderten. Als Désirée Nick die Show verlassen musste, wurden ihre vorherigen Opfer, Carina Spack zum Beispiel, selbst zu Tätern. Als Claudia Obert dann rausgemobbt wurde, kam Désirée Nick zurück. Es wirkte so, als wäre die frühere Brandstifterin als Feuerwehr gekommen, um die Obert zu rächen. Die letzte Folge war dann die langweiligste, da gab es nur alberne Idiotenspiele, die keiner sehen wollte.

Welche Rolle spielte Sat.1 dabei?

Jeder hat sehen können, wie sehr ein Sender das Geschehen manipuliert und Leute aufeinander loslässt. Und wie wenig Verantwortung existiert – nämlich gar keine. Das war ein Negativ-Meilenstein des Fernsehens, weil es so abscheulich war.

Man könnte doch auch sagen: Sat.1 war nur konsequent: Beim Trash-TV geht es doch nie um etwas Gutes – der Sender hat das Format ernst genommen.

Es wurde uns gezeigt, dass es nicht mehr weit ist, bis die Leute sich wirklich prügeln und etwas antun. Es hat uns allen ein bisschen den Spiegel vorgehalten und zum Nachdenken angeregt: Will man das wirklich sehen? Ich denke aber nicht, dass daraus groß gelernt wird. Denn man will keine Harmonie, sondern Action und Reibung.

Oliver Kalkofe als Désirée Nick

Oliver Kalkofe als Désirée Nick in "Promis unter Palmen"

Was sollten die Sender tun?

Die Frage ist doch: Wollen die Sender so etwas wirklich liefern? Sender wie RTL, Sat1 oder ProSieben haben sich schon lange aus der fiktionalen Unterhaltung zurückgezogen. Da kommen jetzt Streamingdienste wie Netflix oder Amazon Prime, die uns diesen Stoff geben, den wir ja alle ganz dringend haben wollen. Das zeigt doch, dass man auch mit guter Unterhaltung Erfolg haben kann. Die Fernsehsender gehen dagegen immer weiter in die Trash-Formate. Das hört ja bei "Promis unter Palmen" nicht auf, hier sind nur die menschlichen Abgründe deutlich geworden.

An welche Formate denken Sie?

"Love Island", "Naked Attraction" oder "Temptation Island", wo man versucht, Paare auseinander zu bringen. Das ist ja alles so furchtbar, ich hätte nie geglaubt, dass das Fernsehen so tief sinkt und mit der Karte der Boshaftigkeit immer weiterspielt.

Wenn wir uns gerade schon über das aktuelle Trash-TV unterhalten, dürfen zwei Namen nicht fehlen: Michael Wendler und Laura Müller. Warum sind die beiden so präsent?

Das ist ein furchtbares Negativbeispiel dafür, was passieren kann: Man hatte den Wendler ja schon glücklich vergessen. Doch plötzlich entstand ein Medienhype durch seine Beziehung zu einer 19-Jährigen, bei der ein Großteil der Menschen nur den Kopf schüttelt. Durch das Pocher-Duell hat er noch eine ganz andere Art von Ruhm bekommen: Jetzt wurde der Wendler durch Comedy zu einem Pseudo-Comedian, obwohl er keine Selbstironie besitzt. Das ist ganz furchtbar.

Mit welcher Berufsbezeichnung würden Sie das Schaffen von Oliver Pocher beschreiben?

Ich finde, er kann durchaus spontan und witzig sein. Man hat aber das Gefühl, es geht ihm in erster Linie nur um Omnipräsenz, egal in welchem Medium und auf welche Art. Er kritisiert die Boulevardmedien, will aber selbst dort stattfinden, egal auf welcher Plattform. Das ist nicht, was ich unter Comedy und Satire verstehe. Einerseits betont er zwar, er wolle auf Missstände hinweisen, geht aber gleichzeitig mit einer wahnsinnigen Eitelkeit da ran, macht selbst bei unzähligen Trash-Formaten mit und präsentiert vor allem sich selbst. Das macht es für mich schwer, ihn als Comedian wirklich ernst zu nehmen.

Wir haben jetzt viel über die Tiefen des deutschen Fernsehens gesprochen. Können Sie uns zum Schluss etwas Hoffnung machen, dass es in Zukunft besser wird?

Die Hoffnung mache ich mir ständig selbst. Der Erfolg von Netflix und anderen Streamingdiensten hat kurzzeitig einige Sender zum Umdenken gebracht. Die starke Nutzung hat ja gezeigt, dass die Zuschauer nicht nur bescheuert sind. Im Gegenteil: Je komplexer, je ungewöhnlicher eine Serie ist, desto größer der Erfolg. Die Leute wollen gefordert werden. Hier und da geschieht deshalb auch bei uns im fiktionalen Bereich etwas. Insgesamt bleiben wir in Deutschland was Fernsehen angeht aber weit hinter den Möglichkeiten zurück.

"Kalkofes Mattscheibe: Halbjahresrückblick 2020" ist am Freitag, 5. Juni, ab 20.15 Uhr auf Tele5 zu sehen. Und direkt im Anschluss in der Mediathek abrufbar.