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TV-Kritik

Promi-Special "WWM": Gähnen für den guten Zweck

Ist das Promi-Special von "Wer wird Millionär?" A. zu lang, B. viel zu lang, C. erschreckend lang oder D. furchtbar viel zu lang? Und jetzt bitte nicht den Telefonjoker wecken. Immerhin wurden 317.000 Euro für den RTL-Spendenmarathon erspielt.

Von Ingo Scheel

Wer wird Millionär

Tim Raue, Julia Klöckner, Moderator Günther Jauch, Mark Forster und Frank Buschmann (v.l.) beim "Wer wird Millionär"-Promi-Special

Das Fazit mal gleich vorweg. Für den Fall, dass der geneigte Leser schnell wieder ins Bett möchte, um den Schlaf von gestern nachzuholen. Beim Promi-Dinner mögen die Namen etwas früher weggebrochen sein, jetzt erreicht der Celebrity-Notstand auch einen Hotspot wie "Wer wird Millionär?". Gut, man kann nicht immer mit Horst Schlämmer die Stühle tauschen oder auf Babs Schönebergers Augen und Ohren bauen, auch Anke Engelke hat den Laden schon fünf Mal geschmissen. Was also tun? Reste-Quizzen mit Günni Jauch.

An Bord beim sogenannten "Promi-Special": Die Fraktionsvorsitzende der CDU Rheinland-Pfalz, Julia Klöckner, "Wir sind groß"-Fußball-Barde Mark Forster, Neu-RTL-Mitarbeiter Frank Buschmann und ein Koch namens Tim Raue. Fun Fact für "Brust oder Keule?"-Gucker: Der Mann ist auf Platz 34 in den Top 50 der weltbesten Köche. Um sich besser vorstellen zu können, wie das einzuordnen ist: Wären das die deutschen Single-Charts, wäre der Mann einen Platz hinter Tim Bendzko. Nur mal so fürs Gefühl.

Mark Forster und sein Absinthlöffel 

Aber der Reihe nach: Als erstes muss Julia Klöckner auf den heißen Stuhl und die ist, so scheint es, auf die Sendung vorbereitet wie ein EU-Parlamentarier auf eine Sitzung am Freitagnachmittag. Gar nicht nämlich. Da wird schon bei 300- und 500-Euro-Fragen schamlos rumgefragt und um verbale Spickzettel gebeten. Irgendwie mogelt sich die gute Frau schließlich mit grotesken Fragen nach dem Burka-Verbot - die Antwort lautet in diesem Fall "Katja rd", zwingen Sie mich nicht, das zu erklären - und einem "Deutschland Deutschland"-Zitat, mit dem Markus, der olle Spaßvogel, einst Gas gegeben hat, durch. Kurz wird auch noch gerätselt, was Mark Forster sich auf einem Absinthlöffel wohl außer Absinth noch warmmacht. Tsss, diese verrückten Musiker.

Dem Publikumsjoker, ein patenter älterer Herr, der die Geschichte mit den Partygästen, die einander 45-Mal die Hand geben, möchte Frau Klöckner zum Dank gleich ein Parteibuch andrehen. Kurz darauf ist Schluss für die Christdemokratin. Elite-Vorwürfe dürften da eher ausbleiben. Doof bleibt doof, da helfen keine Pillen. Also, jetzt nicht die Klöckner. Den Satz sollen die übrigen drei Kandidaten danach in die richtige Reihenfolge bringen. Das Rennen macht RTLs Neuverpflichtung, Frank Buschmann. Der Mann mit der markanten Stimme hat bis neulich noch bei "Schlag den Raab" kommentiert, jetzt bekommt er einen ersten Eindruck, aus welcher Richtung der Wind bei RTL weht.

Von Gleitmitteln und Sideboobs

Stichwort enges Höschen: Mit "New Balls please" werden neue Pornodarsteller angefordert, später ist von Gleitmitteln für reibungslosen Verkehr und Sideboobs die Rede. Die Fragen-Redaktion scheint die Weihnachtsfeier schon hinter sich zu haben. Und hat währenddessen wohl noch gearbeitet. Was soll’s, Buschy, wir sind ja unter uns. Julklapp ist nur einmal im Jaaaahr.

Was zu lernen gibt es auch hier: Buschmann weiß, dass Rauschgold und Goldrausch im Duden stehen, muss sich den größten Hit der Red Hot Chili Peppers allerdings vorsingen lassen und staunt über jene Bilanz, bei der die Deutschen im EU-Vergleich das Tabellenende zieren (wir haben hierzulande die wenigsten Eigenheime). Buschys Bilanz: Stattliche 125.000 Euro.

Auftritt Mark Forster. Der Mann mit der angetackerten Baseball-Cap ("Meine Haare werden immer dünner und immer grauer. So habe ich eine Sorge weniger") kommt mit angemüdetem "Ja, Hallo erstmal"-Charme daher, entpuppt sich jedoch als tapfere Entertainment-Bastion in dieser B-Runde. Forster ist FCK-Fan und hat eine selbstgeschriebene Vereinshymne - Zweite Liga, au revoir - dort liegen, wo sie hingehört, in der Schublade nämlich. Später wird noch ein Klassiker von Whigfield angesungen, der Ärzte-Notruf angebimmelt (wieso läuft da eigentlich nur ein Band?) und der Publikumsjoker mit dem "safen Blick" weiß, dass nicht nur Chips in der Tüte sind, sondern auch Stickstoff. Spongebobs Krawatte ist rot, die Gesichter der Zuschauer auch kurzzeitig. Vom "Gewinnungsraum", jenem Zimmer, in dem Samenspender Samen spenden, ist die Rede. Wieder was gelernt. Forsters ganz persönliche Spende: 64.000 Euro.

Was gibt es, wenn im Bordell Risotto serviert wird?

Den Schlussmacher gibt schließlich Koch Tim Raue, der nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich das ist, wonach es ausschaut, ein Ersatzmann nämlich. In diesem Fall für Kochkumpel Tim Mälzer, der die Stuhlzeiten daheim mit Salzstangen und Cola zu reduzieren versucht. Too much information für Günter Jauchs Geschmack. Sei es drum. Gut, dass mittlerweile auch Fips Asmussen Fragen in die Sendung schmuggelt. Was gibt es, wenn im Bordell Risotto serviert wird? Sie ahnen es: Puffreis natürlich. Meine Frage ans Publikum: Wem habe ich eigentlich meine Platten von Günther Willumeit geliehen?

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Am Ende, nach über drei Stunden, fehlt es nicht nur dem Zuschauer, sondern auch dem Kandidaten selbst - das Sitzfleisch. Tim Raue bringt den Rest des Marathons im Stehen hinter sich. Die Sonne schmilzt, wenn auch noch deutlich langsamer als die Sendung vorbeigeht, spanische Männer haben eine Tilde im Namen und beim Telefonjoker dürfte die Frage, was in den Größen 4/4, 7/8, 3/4, 1/2 und 1/4 verkauft, spontanen Hörsturz ausgelöst haben. Die richtige Antwort lautet übrigens Konzertgitarren.

In einem undurchsichtigen Manöver wird anschließend eine Frage übersprungen oder ausgelassen, genaueres ist mir im Sekundenschlaf durchgerutscht. Für Tim Raue bleiben immerhin 64.000 Euro, womit sich die Gesamt-Gewinnsumme der Kandidaten für den RTL Spendenmarathon auf stattliche 317.000 Euro beläuft. Als Zuschauer jedoch fühlt man sich am Ende in etwa so wie das Steak aus der 300-Euro-Frage von Frank Buschmann: Ziemlich durch.