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Royal Wedding im TV: Leg dich zurück und denk an England!

Näher dran war nur die Queen: Vier große TV-Kanäle übertrugen Kates und Williams "Yes, I will". Ein Monarchen-Marathon voller Pomp und Peinlichkeiten. Nur zwei Sender kamen ins Ziel. Von

Von Mark Stöhr

Nein, geweint hat niemand. Weder der Prinz noch seine Braut. Und viel wichtiger noch: Selbst die Augen von Bruce Darnell blieben trocken. Nicht die kleinste Träne verschleierte ihm die Sicht auf Westminster Abbey, den Tempel des Spektakels. Darnell und seine Kollegen von RTL hatten direkt gegenüber Stellung bezogen. Nahm sie die Hochzeit etwa nicht mit? Doch, sogar sehr. Aber das perfekte Protokoll ließ kaum Platz für Rührung. In den Worten von Darnell: "Kein Tamtam, kein großes Drama, auf den Punkt."

Der Amerikaner ist der Alptraum aller Sprachlehrer. Ungeniert kauderwelscht er sich durch sein deutsches Halbwissen. Manchmal jedoch gelingen ihm wunderbar kitschige Sätze. Wie gestern dieser: "Wenn man auf die Liebe wartet, können ganz tolle Sachen passieren." Ein Satz wie aus einer Soap.

Und nichts anderes kann die Trauung zwischen Kate und William für Republikaner im Grunde sein: eine Soap und ein Klatschereignis. Bruce Darnell und mit ihm Frauke Ludowig und Katja Burkhard verfolgten das royale Treiben vor ihrem Balkon als Kaffeetanten. Burkhard sprach dabei mitunter so nuschelig, dass man annehmen musste, sie esse tatsächlich nebenbei Kuchen.

Die ARD bewahrt Würde

Bei der ARD ging es viel vornehmer zu. Sie präsentierte sich erwartungsgemäß als Fernsehkutsche für die Puristen der Krone. Ihr Chauffeur: Rolf Seelmann-Eggebert. Er ist der Mann, der jeden Stammbaum des europäischen Hochadels bis ins 13. Jahrhundert zurückbeten kann. Seine Manieren sind so unangreifbar wie seine Haarwelle. Er setzte die schöngeistigen Akzente bei diesem sechsstündigen TV-Marathon. Während die Kölner über ein Hochzeitskondom feixten – Aufschrift: "Leg‘ dich zurück und denk‘ an England" –, spitzte Seelmann-Eggebert vor dem Buckingham Palast die Ohren und verkündete versonnen: "Im Hintergrund spielt das Londoner Kammerorchester eine Serenade von Elgar." Als Burkhard bei der Fahrt der kanariengelben Königin zur Kirche fast die Kuchengabel aus der Hand fiel und sie vom Balkon runterbrüllte: "Die Queen hat ein blaues Deckchen über den Beinen – das sind die Bilder, die wir lieben!", steckte der Adelsexperte im Ersten noch mitten in seinen Ausführungen über die Kleiderwahl von Prinz Harry: eine "Paradeuniform der königlichen Kavallerie".

Dass mit SAT1 und dem ZDF noch zwei weitere große Sender das "Kinderwinken" von William (Seelmann-Eggebert) und das "Scheibenwischerwinken" von Kate (Ludowig) nach Deutschland übertrugen, war dabei so überflüssig wie der Protest einiger Anti-Royalisten. Das ZDF schlurfte die meiste Zeit müde an der Seite ihres Anchormans Norbert Lehmann vom Palast zur Kathedrale und wieder zurück – und hyperventilierte urplötzlich, sobald Andrea Kiewel die Szenerie betrat. Die Ex-Moderatorin des "ZDF-Fernsehgartens" war als Außenreporterin im Einsatz. Mancher Hochzeitsbesucher wird in der Nacht schlecht von ihr geträumt haben.

Kiewel stürzte sich auf alles, was einen Union Jack trug und sprechen konnte. Einmal schrie sie völlig außer sich: "Es gibt T-Shirts mit William und Kate drauf!", was man nicht für möglich halten wollte. Ein anderes Mal bückte sie sich so penetrant zu einem königstreuen Camper hinunter, dass sogar ihr Körper streikte: "Oh, das geht voll auf die Knie." Gesamtfazit der blonden Furie: "Ach, schön." Sat1 war schon auf Sendung, als die Queen noch unter der Dusche stand. Um sein gesamtes Wissen loszuwerden – vielleicht auch nur, um sich wachzuhalten – plapperte Dieter Kronzucker fast die komplette Trauzeremonie durch. Selbst RTL hüllte sich währenddessen in respektvolles Schweigen. Doch alles Strebertum war vergebens. Sat1 legte die unsympathischste Performance hin. Zu verdanken hatte der Sender dies vor allem Sybille Weischenberger.

Grausige Enthüllungen

Die "Society-Expertin", bekannt aus Boulevardmagazinen wie "Brisant" oder "Taff", erzählte ohne Unterlass Insidergeschichten aus dem Umfeld der Royals. Eine haarsträubender als die andere. Entweder ist die Frau eine Aufschneiderin oder undercover als Camilla unterwegs.

Manchmal wurde es geradezu unappetitlich. Als Tara Palmer Tomkinson, eine englische Partylöwin und Patentochter von Prinz Charles, die Westminster Abbey betrat, zog Weischenberger über deren Nase her. Die sitze so schief im Gesicht wegen übermäßigen Kokainkonsums. Für eine chirurgische Korrektur, bei der Gewebe der Ohren verwendet würde, habe die Zeit nicht mehr gereicht. Die feierliche Stimmung war dahin. Schnell zurück zur ARD, dieselbe Einstellung: Seelmann-Eggebert kannte die Dame nicht.

Für den letzten Akt, den Kuss der Brautleute, war naturgemäß RTL zuständig. Während Seelmann-Eggebert über eine Methodik sinnierte, wie man denn die vielen Menschen vor dem Buckingham-Palast zählen könnte, registrierten die Kölner ungeduldig jede Bewegung hinter der Balkontür ("Die müssen bestimmt noch die Blumenmädchen einfangen"). Dann war es endlich so weit – und schnell auch wieder vorbei. Zwei magere Küsse nur, Ludowig und Co. forderten einen dritten. Ihr Argument: "In den Niederlanden wurde auch ein paar Mal geküsst." Ihr Ruf blieb ungehört. Trotzdem war es die erhoffte Traumhochzeit, darüber herrschte Kaffeetanten-Konsens. Und Kate: "Eine der schönsten königlichen Bräute, die ich je gesehen habe" (Burkhard). Da wollte Bruce Darnell, der heimliche Star dieser langen Übertragungsstrecke, nicht zurückstehen: "Wetter war super, die sind total verliebt, toll."