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Sat.1-Film "Der Rücktritt": Wulff auf der Achterbahn

Kurz vor der Urteilsverkündung im Fall Wulff schildert ein Dokudrama die schier unendliche Affäre des ehemaligen Präsidenten. Ein klasse Stück Fernsehen.

Von Lutz Kinkel

Kurz nur, zu Anfang des Films, ist noch einmal das Versprechen zu fühlen, das über der Präsidentschaft des Christian Wulff lag. Ein junger, zugleich gestandener Politiker und seine schöne, selbstbewusste Frau flanieren über das Sommerfest vor der altehrwürdigen Kulisse des Schlosses Bellevue. Handykameras klicken, die Menschen drängen sich um das Paar, die Sonne erleuchtet jeden Winkel. Der Kommentator sagt, so einen Auftritt habe es noch nie gegeben. In der Tat: Das Kalkül der Kanzlerin schien in diesem Moment aufzugehen. Sie wollte das moderne Deutschland ins Amt hieven, sie entschied sich für die Patchworkfamilie Wulff. Einerseits, um einen Konkurrenten weg zu befördern, andererseits, um genau das zu erzeugen: Bilder des politischen Glücks.

Bekanntlich zerfielen die Bilder rasch im Säurebad der Affäre, ein paar Wochen blieben nur, bis die entscheidende Anfrage der "Bild" eintraf, wer das Privathaus der Wulffs finanziert habe. Was danach geschah, die Achterbahnfahrt des Präsidenten, die 68 Tage anhielt, bis der Wagen aus der Kurve flog - das schildert das Dokudrama "Der Rücktritt" (Sat.1, Dienstag, 20.15 Uhr). Regie führte Thomas Schadt, der auch schon ein Dokudrama über Altkanzler Kohl ("Der Mann aus der Pfalz") vorgelegt hat; Produzent ist Nico Hofmann, einer der Wenigen, der sich in der Unterhaltung immer wieder sowohl an aktuell politische wie zeithistorische Stoffe wagt. Grundlage des Films ist das Buch "Affäre Wulff" der "Bild"-Reporter Martin Heidemanns und Nikolaus Harbusch, der "Spiegel"-Journalist Jan Fleischhauer ("Der Schwarze Kanal") schrieb am Drehbuch mit.

Im Flieger nach Rom

Gleichwohl: Wer glaubt, die journalistische Unterstützung habe die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zutage gefördert, irrt: Selbstredend nahm sich Regisseur Schadt die Freiheit, Aspekte der Affäre in den Spielszenen dramaturgisch zu verdichten. Ein beim stern aus naheliegenden Gründen vieldiskutiertes Beispiel ist Wulffs letzte Auslandsreise nach Rom. Im Flieger, so schildert es der Film, sei die Pressemeute regelrecht über den Präsidenten hergefallen und habe ihn mit Fragen zu seinen Buddys, Privaturlauben und Upgrades gepeinigt. So war es nicht, wie Hans-Martin Tillack in seinem Blog auf stern.de detailliert darlegt. Er selbst hatte zwar eine Frage nach Wulffs möglichem Rücktritt gestellt, die große Mehrheit der Journalisten verhielt sich jedoch abwartend. Zu dumm, dass Wulff-Darsteller Kai Wiesinger bei "Markus Lanz" genau diese Szene als Beleg für die Recherchetiefe des Drehbuchs pries. Ein weiteres Beispiel, auch dies ist naheliegend: Die Affäre Wulff bestand nicht, wie es der Film zuspitzt, aus einem Duell zwischen der "Bild" und dem Präsidialamt. Viele Medien waren an Enthüllungen beteiligt.

Die Freiheiten, die sich Schadt herausnahm, beschädigen den Film jedoch nicht - im Gegenteil: Es stellt sich eher die Frage, warum sich Schadt nicht noch viel größere Freiheiten herausnahm. Er schrieb seinen Stoff nicht auf These, er präsentiert keine Erklärungen, er liefert keinen Überbau: Schadt jagt vielmehr durch die Ereignisse. Das ist, einerseits, ein Verlust politischer Sinnstiftung. Und lässt, andererseits, viel Raum für das eigene Urteil. "Der Ansatz des Films war, die Dynamiken nachzuzeichnen", erklärte Produzent Hofmann in der "taz". Im Fall Wulff hätten sich verschiedene Schnellballsysteme zu einer großen Lawine getürmt: ein Medienschneeballsystem, ein Bellevueschneeballsystem, ein Politikschneeballsystem.

Wulffs Hilflosigkeit

Schadt schildert dieses Auftürmen so sachlich wie möglich, er schneidet von einer Kammer in die andere um, vom Büro auf Schloss Bellevue in die Privatwohnung der Wulffs in den Innenraum des Regierungsfliegers in das Redaktionsbüro der "Bild. Nur selten erlaubt er sich ironische Shake-Hands zwischen den Szenen, beispielsweise wenn Wulff (Kai Wiesinger) auf dem Schloss dekretiert: "Aufgeben ist nicht meine Sache" und nur wenige Sekunden später Heidemanns (Thorsten Merten) und Harbusch (Christian Ahlers) in der "Bild"-Redaktion beschwören: "Aufgeben ist nicht unser Ding". So entsteht ein nahezu klaustrophobische Atmosphäre; nirgends erlaubt dieser Film einen weiten Blick, ein Panorama der Freiheit, es geht immer weiter, es wird immer schlimmer, zum Schluss bleibt zwingend nur: "Der Rücktritt".

Wenn der Film, beabsichtigt oder nicht, eine Schuldzuschreibung vornimmt, dann trifft sie den schwachen Präsidenten. Er ist hin und hergerissen zwischen seinem Sprecher Olaf Glaeseker (Holger Kunkel), der für Offenheit plädiert, und seinem Amtsleiter Lothar Hageböllig (Rene Schoenenberg), der als trockner Jurist und Beamter das Schweigen vorzieht. Wulff scheint selbst weder eine Idee noch eine Strategie zu haben, wie er sich den ständigen Nachfragen stellen soll, in seinem Hochmut begeht er eigenmächtig Fehler um Fehler. Einer der gravierendsten ist, dem "Bild"-Chefredakteur auf der Mailbox mit "Krieg" zu drohen. Warum in aller Welt dokumentierte Wulff so seine Hilflosigkeit? Vielleicht weil er es tatsächlich war, und nicht verstand, dass er sich damit nur selbst schadete. Mit seinem ständigen Wechsel aus Zugeben und Ableugnen, Vortragen und Vertuschen, Hochmut und Kleingeistigkeit, trieb er erst die Neugier seiner Kritiker ins Unendliche.

Fiebrig gewordener Glanz

Kai Wiesinger spielt diese Schwäche glänzend, auch Anja Kling ist als Bettina Wulff eine Idealbesetzung. Ihr Blick verdunkelt sich Tag um Tag, bis sie ihrem Mann, dem Schloss, dem Amt völlig fremd zu sein scheint. Einer der letzten Umschnitte auf eine Doku-Szene zeigt den seltsamen Schimmer auf dem Gesicht der echten Bettina Wulff, als sie, ein paar Schritte neben ihrem Mann stehend, dessen Rücktrittserklärung verfolgt. Der Glanz des Sommerfestes war längst fiebrig geworden. Ein sehr sehenswerter Film.

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