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ARD-Talkshows: Warum Beckmann der Beste ist

Jauch geht auf Nummer sicher. Will, Maischberger und Plasberg sind zu erwartbar. Doch ausgerechnet Reinhold Beckmann läuft gerade zu Hochform auf. Schade, dass bald Schluss ist.

Von Bernd Gäbler

Huch, was war das denn am Donnerstag im Ersten? "Lehrer am Limit" sollte ein Themenabend werden. Zunächst zeigte "Panorama" eine halbstündige Reportage aus einer Schule im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg, die schon vor Monaten im NDR zu sehen war. Sie folgte dem Schema, dass etwas sehr wahrhaftig sein muss, wenn ein Journalist es am eigenen Leib erfährt. In einer 6b gab "Panorama"-Moderatorin Anja Reschke die Ko-Lehrerin. Auch in der ARD gab es schon bessere Dokumentationen über das Lehrerdasein (etwa von Thomas Schadt), aber ein schöner Widerspruch zu den oft klebrig-idyllischen fiktionalen Produktionen à la "Unser Lehrer Doktor Specht" war das schon.

Anschließend sollte bei "Beckmann" diskutiert werden. Ist es sonst der Anspruch der ARD-"Themenabende" ein Problem facettenreich, aber systematisch darzustellen, ging es hier wild durcheinander: Von den Eltern, die keine Grenzen mehr setzen, über die Schulausstattung bis zur Inklusion und wieder zurück zu den "Helicopter Moms". Anja Reschke, der Wilhelmsburger Schulleiter, ein Lehrercoach, eine Lehrerin aus einer Förderschule in Gelsenkirchen und der als "Mister Pisa" vorgestellte Andreas Schleicher redeten querbeet über alles. Es war wie an einem Lehrer-Stammtisch.

Zu später Stunde erzählten dann noch zwei engagierte Schülerinnen, wie es an der ausgezeichneten IGS in Göttingen so ist. Keine Ordnung nirgends. Dass Reinhold Beckmann sich zudem vorgenommen hatte, permanent "Live-Kommentare" aus dem Netz in die Sendung einzubauen und so immer wieder auf sein iPad schielen musste, half der Systematik auch nicht auf die Sprünge. Nur der "Pisa"-Mann bemühte sich ab und an abgeklärt um etwas Logik.

Bleibende Erkenntnisse waren so kaum zu gewinnen. Und doch hatte diese Sendung etwas. Zu oft geht es in den Talkshows nur darum, den redaktionell ausgeheckten Ablauf abzuarbeiten und die erwartbaren Statements der gecasteten Gäste abzurufen. Hier aber herrschte eine solche Wurschtigkeit, dass auf einmal echtes Reden entstand. Immer wieder wurde dadurch ein Fenster aufgestoßen zur Wirklichkeit. Auf diese Weise war das ziemlich chaotische Hin und Her dann doch wieder originell.

Beckmann wirkt plötzlich freier

Ist es nur Einbildung oder ist da etwas dran? Seit Reinhold Beckmann seinen Talk-Rückzug bekannt gegeben hat, wirkt er freier. Sein häufig karikierter Stil, in die Gäste hineinzukriechen, wirkte ja oft arg aufgesetzt und nicht immer sympathisch. Seit der Rückzug feststeht, wirkt er gelöster.

Vor allem aber hat "Beckmann" in letzter Zeit einige Themen und Gäste aufgeboten, die deutlich aus dem sonstigen Talkshow-Einerlei herausragten. Natürlich war die Präsentation von Gustl Mollath (15.8.) ein besonderer Coup, aber dies war es nicht allein.

Als die NSA und das Überwachungsprogramm "Prism" begann, die Gemüter zu erregen, ging es bei Jauch erst einmal um Schlaglöcher. Günther Jauch geht am Sonntagabend immer auf Nummer sicher. Da wirkt Beckmann - erst recht in den jüngsten Ausgaben - deutlich mutiger. So bot er als erster einen Überblick über Edward Snowden, die neuen Überwachungstechniken und deren gesellschaftliche Bedeutung. Dafür waren Frank Schirrmacher und Ranga Yogeshwar hervorragende Diskutanten. Da störte es auch nicht, dass die Schalte zu Glenn Greenwald nach Rio de Janeiro etwas hakte.

Einmal "Naher Osten" auf sieben Mal "Brüderle"

Die Sendung "Lust am Abenteuer" (8.8.) mit einem hinlänglich bekannten Tierfilmer und einer munteren älteren Dame, hätte es so auch beim "Maischberger"-Kränzchen geben können, aber hochinteressant war der frühzeitige (1.8.) "Beckmann"-Talk zur Lage in Syrien und Ägypten. Bei den Standard-Talks gilt die Faustformel, dass höchstens einmal "Naher Osten" auf sieben Mal "Brüderle" kommen darf, will man sich die Quote nicht versauen. Reinhold Beckmann scheint das nun nicht mehr zu scheren - und so besprach er, was gerade an diesem Tag wichtig war.

Zwar wurde das TV-Interpretationsmonopol des freundlichen, pro-westlichen Hamed Abdel-Samad nicht durchbrochen, aber immerhin gab es Kontrapunkte durch bisher wenig vorgezeigte Gäste wie die ägyptische Politologin Hoda Salah. So entstand eine für Laien und Kenner informative Runde.

Der Falsche hört auf

Weil sie zuviele davon hat, schafft die ARD also eine ihrer Talkshows ab. Leider ist es die falsche. Ausgerechnet die, in der das redaktionelle Bestreben erkennbar ist, es anders zu machen, abzustechen vom Einerlei. Aber vielleicht ist es ja auch genau andersherum: Reinhold Beckmann hört nicht auf, weil es gerade am schönsten ist, sondern weil feststeht, dass die Sendung "Beckmann" beendet wird, wird er mutiger, besser und unverkrampfter. Weil er nichts mehr zu verlieren hat, kann er endlich befreit aufspielen.

In Zukunft will sich das Erste donnerstags an "Comedy" versuchen. Spätestens dann wird klar, wie groß der Verlust ist.