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Momente der TV-Geschichte Skandal um den "Halstuch-Mörder" - als Deutschland wegen einer Krimireihe durchdrehte

"Das Halstuch" 1962: Heinz Drache und Dieter Borsche
Harry Yates (Heinz Drache, r) spricht in einer Szene des TV-Mehrteilers "Das Halstuch" (1962) mit dem Maler John Hopedean (Dieter Borsche), der sich später als Mörder entpuppt.
© kpa/ / Picture Alliance
Eine Fernsehnation im Ausnahmezustand: 1962 sorgte die Serie "Das Halstuch" mit 89 Prozent Einschaltquote für leere Straßen und prägte den Begriff "Straßenfeger". Zu einem Skandal kam es vor Ausstrahlung des letzten Teils.

"Das deutsche Kulturleben ist zum Erliegen gebracht worden." So lautete das knappe Urteil des Programmbeirats der ARD 1962. Grund war die Ausstrahlung der Krimireihe "Das Halstuch". Das sechsteilige Fernsehspiel nach der Vorlage von Francis Durbridge sorgte in Ost- und West-Deutschland für Krimifieber. An den Ausstrahlungsabenden blieben Theater, Kinos, Volkshochschulen und andere öffentlichen Einrichtungen leer. Selbst Firmen legten die Bänder still, um ihren Mitarbeitern das Zuschauen zu ermöglichen. Wer keinen eigenen Fernseher hatte, schaute bei Nachbarn oder in Kneipen. Ganz Deutschland fragte sich: Wer ist der Halstuch-Mörder?

89 Prozent Einschaltquote erzielte der Mehrteiler an den sechs Abenden im Januar 1962. Ein unglaublicher Wert. Selbst die Fußball-WM in Chile im gleichen Jahr erzielte nicht solches Interesse. Wahnsinn. Der Begriff "Straßenfeger", der bereits 1959 für die Verfilmungen der Paul-Temple-Hörspiele zum ersten Mal genannt wurde, bekam eine völlig neue Dimension. Schauspieler wie Heinz Drache (Harry Yates) oder Horst Tappert (Nigel Matthews) wurden über Nacht zu Stars.

Zeitungsanzeige verrät den Täter und sorgt für Morddrohungen

Zum neuen Fernsehhype trug auch die geschickte Inszenierung mit Cliffhangern am Ende jeder Folge bei. Dann, am 17. Januar 1962, sollte es endlich soweit sein. In der letzten Folge sollte die Identität des "Halstuch-Mörders" aufgeklärt werden. Doch eine Zeitungsannonce sorgte am Vortag für einen Skandal. Die "Bild"-Zeitung sprach sogar von "Vaterlandsverrat". Um Menschen statt vor den Fernseher in die Kinos zu locken, hatte der Berliner Kabarettist Wolfgang Neuss eine Anzeige mit brisantem Inhalt geschaltet: Er verriet den Mörder.

 "Nicht zu Hause bleiben, denn was soll’s: Der Halstuchmörder ist Dieter Borsche …… Also: Mittwochabend ins Kino!", war da in der Boulevardzeitung "Der Abend" zu lesen. Der Spoiler, wie es heute neudeutsch heißt, verfehlte seine Wirkung nicht. Ganz Deutschland bekam Schnappatmung. Neuss wurde übel beschimpft und erhielt sogar Morddrohungen. In Interviews beteuerte er, den Mörder (es war wirklich Borsche) nur erraten zu haben. Kurios: Klatschblätter wollen herausgefunden haben, dass Neuss' Mutter und Borsches Ehefrau dieselbe Pediküre in Berlin besuchten. Dabei sollen sie sich über die streng vertrauliche Information ausgetauscht haben.

"Die Schwarzwaldklinik" wird zum letzten "Straßenfeger"

Die letzte Folge war trotzdem ein voller Erfolg. Einer, an den nur noch wenige Fernsehereignisse wie die Mondlandung oder Fußball-Endspiele herankamen. 1985 wurde der Begriff "Straßenfeger" noch einmal für eine Fernsehserie gebraucht. "Die Schwarzwaldklinik" flimmerte im Zweiten Deutschen Fernseher über die Mattscheibe. Professor Brinkmann und Schwester Christa schalteten 28 Millionen ein, was 60 Prozent Marktanteil entsprach. Ein Wert, der mit der neuen Vielfalt an Sendern und veränderte Sehgewohnheiten heute utopisch klingt.

mai

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