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Kieler "Tatort": Fünf, sechs, jetzt holt dich gleich die Hex!

Endlich hält Kommissarsanwärterin Sarah Brandt Einzug in das Kieler Polizeipräsidium. Und kann bei dem ersten Fall gleich zeigen, wo ihre besonderen Fähigkeiten liegen: Frau Brandt ist eine Hackerin. Der gefährlichen Mörderin kommt Kommissar Borowski einen Schritt zu nah. Spannung pur.

Von Susanne Baller

So viel passiert in Kiel, und das gelingt so gut! Leichtfüßig, augenzwinkernd, witzig und spannend - mehr kann man von einem guten Krimi nicht erwarten. Kommissar Borowskis (Axel Milberg) neue Kollegin ist eingetroffen und stellte unmittelbar klar: Der "Tatort"-Zuschauer kann sich auf eine Zukunft mit einer deutschen Lisbeth Salander freuen. Sarah Brandt (Sibel Kekilli) arbeitet sich wie Stieg Larssons Heldin ohne richterliche Genehmigung durch sämtliche Daten, die sie zur Aufklärung eines Falls braucht. Doch der Reihe nach.

Die zentrale Figur in "Borowski und die Frau am Fenster" eröffnet diesen "Tatort". Charlotte Delius (Sibylle Canonica) lauert, Zarah Leanders "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen" hörend, einem Polizisten auf, um durch zu schnelles Fahren einen Strafzettel oder lieber noch viel mehr zu kassieren. Und ihr Blick ist da schon ein wenig irre. Sie entpuppt sich, auch das ist schnell klar, nicht nur als die Frau am Fenster. Hinter der nach außen hin mitfühlenden Tierärztin verbirgt sich eine gemeine Tierquälerin, eine eiskalte Mörderin, eine gefährliche Psychopatin. Bevor Borowski zum ersten Mal - und nach einer Viertelstunde erstaunlich spät - auf dem Bildschirm erscheint, kennt der Zuschauer bereits den Täter. Herrschaftswissen, mit dem er nun genüsslich Borowski bei der Arbeit zusehen kann.

Und der Kommissar hat es dieses Mal wirklich nicht leicht. Zu Hause stellt ihm sein Chef, Polizeirat Roland Schladitz (Thomas Kügel), der die Witzfigur des "Tatorts" spielen durfte, die Bude auf den Kopf. Ein Ehekrach hat Schladitz statt an die Algarve in die Wohnung des Kommissars geführt. Dort mutiert er zur Superhausfrau: In Unterwäsche und Schürze werden wackelige Stuhlbeine und Lampen festgeschraubt, täglich kocht er Sterne-Essen und hält sie klaglos warm, doch im Gegenzug muss Borowski sich seinen Kummer anhören und jeden Abend diverse Flaschen schweren Rotweins zechen. Und im Büro ertrinkt der Kommissar in Arbeit, weil Schladitz ihn zu seiner Urlaubsvertretung ernannt hat.

Der Patzer: Anschlussfehler

Hilfe soll er von den Kommissarsanwärtern erhalten. Eine von ihnen, Sarah Brandt, kennt Borowski eigentlich schon. Und das hat der Regisseur leider ignoriert. Im Oktober 2010 spielte sie bereits in "Borowski und eine Frage von reinem Geschmack" mit, war vor der Ausstrahlung sogar als die künftige Kollegin Borowskis angekündigt worden. Auch wenn der "Tatort" damals nicht doll war, zwischen der eigenbrötlerischen Autoschrauberin und Borowski hatte sich eine Beziehung entwickelt, in der es gelegentlich sogar ein wenig knisterte.

Und nun? Erkennen sich die beiden nicht! Und bei der ersten (Wieder-)Begegnung in der Kantine hat die (ehemals) überzeugte Vegetarierin einen Teller mit Kartoffeln sowie ein Kotelett auf ihrem Tablett. Und aus der (früheren) Autoschrauberin ist (mir nichts, dir nichts) eine Kommissarsanwärterin geworden. Im späteren Verlauf erzählt Sarah Brandt, sie habe "Informatik und Selbstverteidigung" studiert. Gut, das hatte sie (vorher) nie erwähnt. Auf "Continuity", um die sich in anderen Serien eine eigens eingesetzte Person kümmert, wurde hier kein Wert gelegt wird. Das ist Missachtung des Sonntagsgedächtnisses.

Alles andere: ein Hochgenuss

Dem "Tatort" selbst tut das keinen Schaden an. Durch die mit der Schweizer Schauspielerin Sybille Canonica großartig besetzte Tierärztin Charlotte Delius entsteht eine Atmosphäre, die das Blut in den Adern gefrieren lässt. Mit großer Genauigkeit und Liebe zum Detail gedreht, schleicht sich trotz des dynamischen Tempos nur langsam das volle Ausmaß des Wahns in das Bewusstsein des Zuschauers. Was eingangs zur Musik von Zarah Leander noch wie schrulliges Kleinmädchenverhalten wirkte, stellt sich später als die erste Stufe der eiskalt kalkulierten Bausteine heraus, mit denen die rothaarige "Hex" ihren Tag gestaltet. Die letzte Stufe kostet Leben. Hat sogar ihre Tochter das Leben gekostet, deren Ermordung von Borowski und Brandt en passant mit aufgeklärt wird.

Weil die Atmosphäre so eisig, die Spannung so groß, das Tempo so hoch ist, können die Pointen besonders gut landen. Während der Zuschauer noch unter Elektroschock steht, hilft es, wenn ein Pathologe mit Blick auf einen Feuerwehrmann in einer Jauchegrube sagt: "Ich dachte immer, es gibt keinen beschisseneren Job als unseren", und der daraufhin nur kurz zusammenzuckt. Die Kunstfertigkeit, wie mit gar keinen oder nur wenigen Worten Akzente gesetzt werden, verleiht der Folge ihre Leichtigkeit. Ganz besonders charmant gelöst ist die Sequenz, als Sarah Brandt sich aus Ermittlungsgründen bei der Vermittlungsagentur Dream Escort Kiel bewirbt. Auf die Frage der Chefin: "Haben Sie schon mal als Escort-Lady gearbeitet?" antwortet sie lächelnd: "Als Lady nicht." Und erinnert damit an die Schlammschlacht mit der "Bild"-Zeitung, die 2004 nach dem Goldenen Bären für Fatih Akins Film "Gegen die Wand" in Sibel Kekillis Leben herumgewühlt und genüsslich ihre Vergangenheit als Pornodarstellerin ausgebreitet hatte. Und von der die Schauspielerin sich nicht gegen die Wand hat stellen lassen.

Nachdem der erste gemeinsame Fall für Borowski und Brandt eine so gelungene Unterhaltung war, bleibt zu hoffen, dass der nächste das Niveau halten kann. Vielleicht lassen sich Sascha Arango (Drehbuch) und Stephan Wagner (Regie) ja wieder verpflichten.