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Köln-"Tatort": Totgekühlt in Trockeneis

Um es kurz zu machen: Der neue "Tatort" aus Köln unterbietet an Langeweile und Eintönigkeit noch die Jubiläumsfolge von vor drei Wochen - trotz eines hitzig diskutierten Themas wie Gentechnik.

Von Niels Kruse

Willkommen bei Gentechnikers zu Hause: Etagengroße Glasscheiben, eingesetzt in modern-strenge Architektur, Geländer aus gebürstetem Edelstahl, Kühlschränke aus gebürsteten Edelstahl, Thermoskannen aus gebürstetem Edelstahl nebst viel, viel Glas. Wer als Bio-Ingenieur am Erbgut von Pflanzen rumfummelt, so stellen sich die "Tatort"-Macher das offenbar vor, überlässt auch in Sachen Inneneinrichtung nichts dem Zufall. Deswegen müssen die Damen und Herren Doktoren in betongewordenen Designkursen wohnen (und arbeiten): steril und unterkühlt, abwechslungsreich wie ein Zeitreihenversuch an Tabakkeimlingen, eintönig wie die neueste Köln-Folge der Krimi-Reihe.

Schon ihren 50. Fall vor drei Wochen haben Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) mehr schlecht als recht über die Bühne gebracht. Und nun noch diese, wie auftauendes Trockeneis dahinwabernde Folge, die für den als zu gewalttätig befundenen Polizeiruf 110 auf diesen Sonntag gerückt ist.

Kalt und unwirtlich ist das Gewerbe der Gentechnik

Für das durch und durch keimfreie Gesamtambiente ist der "Tatort"-erfahrene Regisseur Torsten C. Fischer verantwortlich. Er wird es absichtlich gewählt haben, damit auch der letzte Zuschauer kapiert, wie kalt und unwirtlich das Gewerbe ist, in dem die Folge "Auskreuzung" spielt. Es geht um ein Pharmaunternehmen, das aus genmanipulierten Pflanzen Medikamente herstellt. Unter anderem gegen das HI-Virus. Nun genießt die Branche ohnehin schon nicht den besten Ruf, und klischeehaft wird noch ein gnadenloser Konkurrenzkampf draufgesetzt, in dessen Folge zwei Menschen ihr Leben lassen müssen.

"Kreative Konkurrenz", nennt Firmenchef Prof. Dr. Otmar Kaltenbruch (Klaus Schindler) sein Arbeitsumfeld und meint damit, dass die Kollegen aus den einzelnen Abteilungen sich gegenseitig Etats und Projektgelder abjagen müssen, um ihre Arbeit fortsetzen zu dürfen. Die erste Tote ist Katharina Deichmann, die gleich zu Beginn des "Tatorts" kopfüber in einer Tiefkühltruhe gefunden wird - doch sie ist nur zufällig das Opfer einer Sabotageaktion geworden. Eigentlich hätte es David Prangel (Ole Puppe) treffen sollen. Der hatte entdeckt, dass eines der größten Renommeeprojekte auf einer Fälschung beruht - später liegt er tot in seiner Wohnung.

Niemand drängt sich als möglicher Täter auf

In Verdacht geraten auch militante Gentechnik-Gegner, die das Versuchsfeld von Prangel besetzen und ihm damit jede Chance rauben, seine Forschung fortzusetzen. Der Wissenschaftler hat zudem ein Tête-à-Tête mit der aufstrebenden Kollegin Lara Bahls (Luise Berndt ). Sie war in ihrem früheren Leben einmal die Anführerin der Anti-Gentechnik-Bewegung und zu der Zeit mit Feldbesetzer Alexander (Tom Schilling) zusammen. Für Ballauf und Schenk häufen sich sowohl Motive und Verdächtige, doch niemand drängt sich als möglicher Täter auf - weder für die Ermittler noch für die Zuschauer.

Es ist ärgerlich mit ansehen zu müssen, wie im überwiegenden Teil der 90 Minuten nichts passiert. Bis auf dies: Max Ballauf wird von seiner Vergangenheit eingeholt. Vor seiner Tür sitzt plötzlich der pubertierende Finn, Sohn einer Exfreundin, der mutmaßlich auch sein Kind ist, sein könnte. Am Ende aber verbrennt der Kommissar den Vaterschaftstest und es bleibt offen, ob sich der Ermittler vor 17 Jahren selbst "ausgekreuzt" hat.

Bedeutungsschwere Gleichnisse und viele offene Fragen

Ebenfalls offen bleibt, warum die Gentechnik-Gegner ständig bedeutungsschwere Gleichnisse bemühen müssen und warum das Wissenschaftstalent Lara Bahls spricht, als würde sie von morgens bis abends schwarzen Afghanen rauchen. Am Ende wird sie um ein Haar zum dritten Opfer des völlig überforderten Vizechefs Christoph Rubner (Mišel Maticevic). Wieso aber ausgerechnet sie aus seinen Fängen fliehen konnte, bleibt auch im Dunkeln.

"Auskreuzung", die Vererbung einer ganz bestimmten Eigenschaft von einer Population auf eine andere, schafft es zwar, auch mögliche positive Seiten der Gentechnik zumindest anzureißen, aber unterhaltsam ist dieser Versuch nicht. Was der ursprünglich für die Sendezeit geplante Polizeiruf an Rasanz zu viel hatte, fehlte diesem "Tatort" gänzlich: Tempo und Spannung, von Witz ganz zu schweigen. Max Ballauf-Fans müssen zudem auf die mögliche Fortsetzung der kleinen Romanze zwischen ihm und Lydia verzichten, die Anfang September zu sehen war. Grund: Die aktuelle Folge wurde im März 2010 gedreht und damit vor der Jubiläumsfolge.