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Tatort "Im Abseits": Don't kick it like Odenthal

Der neue Ludwigshafen-"Tatort" sollte Werbung für die Frauenfußball-WM machen. Auf diese PR hätten die Organisatoren allerdings getrost verzichten können. Für einen ausgefeilten Krimi-Plot reichte es dann auch nicht mehr. Ein Eigentor.

Von Dieter Hoß

Den Fußball-Nationalspielerinnen, so ist zu hören, hat es gefallen. Kein Wunder, denn zum einen spielten sie selber mit, zum anderen war die Vorführung des neuen Ludwigshafener "Tatort" in einem Frankfurter Kino eine willkommene Abwechslung zur WM-Vorbereitung. Eine Woche, bevor Deutschlands beste Kickerinnen im eigenen Land die Titelverteidigung in Angriff nehmen, musste Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) den Mord an der - freilich fiktiven - Nationalspielerin Fadime Gülüc (gespielt von der ehemaligen türkischen Nationalspielerin Filiz Koc) aufklären. Thema und Sendeplatz waren kein Zufall. Diesmal durfte der "Tatort" nicht nur durch einen Fall mit realistischem Hintergrund glänzen, sondern wurde auch noch flugs von einem realen Geschehen vereinnahmt - als Teil der PR-Maschinerie für die Frauenfußball-WM im eigenen Land. Die Idee mag naheliegend gewesen sein, gut war sie nicht - weder für den "Tatort", noch für den Frauenfußball.

Bestenfalls die alte Weisheit, dass schlechte PR immer noch besser ist als gar keine PR, mag die WM-Organisatoren trösten. Ansonsten wirkte allzu aufgesetzt, hölzern, ja laienhaft, was da auf das Turnier einstimmen sollte. Gekickt wurde sowieso kaum und der stets verregnete Dorfplatz des (fiktiven) Erstligisten FC Eppheim vermittelte nichts vom Flair des die Massen begeisternden, beliebtesten Sports der Welt. Dazu wurde die von Jürgen Werner ersonnene (fiktive) Geschichte allzu sehr in den Zusammenhang der (realen) WM gepresst. Auch die Auftritte der Prominenz aus dem wahren Fußball-Leben waren wenig hilfreich.

Zwischen Fiktion und PR verheddert

Geradezu bizarr die Szene, in der die Nachricht vom Mord an der Nationalspielerin die DFB-Zentrale erreicht. Eine schauspielerische Herausforderung, der DFB-Chef Theo Zwanziger, Bundestrainer Jogi Löw, Team-Manager Oliver Bierhoff, WM-Organisatorin Steffi Jones und die (reale) Nationalspielerin Celia Okoyino da Mbabi sichtlich nicht gewachsen waren. Das ist ihnen nicht vorzuwerfen, denn ihr Spiel ist der Fußball und nicht die Darstellungskunst. Die "Tatort"-Macher aber verhedderten sich heillos zwischen glaubwürdiger Fiktion und wirkungsvoller PR. Denn was haben Trainer und Team-Manager der Männermannschaft sowie eine aufstrebende Jungnationalspielerin eigentlich bei einem Organisations-Meeting zur Frauen-WM verloren? Nichts natürlich. Wo Bierhoff saß, hätte Doris Fitschen sitzen müssen, wo Löw saß, Silvia Neid, und statt Okoyino da Mbabi wäre wohl Deutschlands bekannteste Fußballerin, Spielführerin Birgit Prinz, eher am Platze gewesen. Doch wen schert das, wenn es nur darum geht, möglichst bekannte Gesichter zu zeigen?

So wird der Frauenfußball in diesem Frauenfußball-Krimi seiner Titelrolle gerecht - er bleibt "im Abseits". Dazu passt auch, dass Odenthals Assistent Kopper (Andreas Hoppe) als Skeptiker und eingefleischter Inter-Mailand-Fan eine der glaubwürdigsten Figuren abgibt. Und wie muss es eigentlich um eine Mannschaft bestellt sein, die für das entscheidende Meisterschaftsspiel trainiert, während eine der wichtigsten Spielerinnen - das spätere Opfer - zur gleichen Zeit in Reizwäsche ein Fotoshooting absolviert und dabei auch noch ein Tor blockiert?

Der Mörder ist immer der Platzwart

Folgerichtig hatte "Im Abseits" seine stärksten Momente, als es gar nicht um Fußball ging. Dann erahnte man eine Geschichte, die es verdient gehabt hätte, sorgfältig entwickelt zu werden. Die Geschichte einer jungen Frau muslimischer Herkunft, die mit ihrer Lebensfreude und ihrem Hang zur westlichen Lebensweise überall aneckt: bei der traditionellen Familie, bei den Konkurrentinnen, bei den Geschäftemachern im Fußball-Business, bei Bewunderern und auch beim Freund. Verdächtige für den Mord gab es also genug. Dass der Täter zum Schluss der Platzwart (Michael Lott) war, hatte dann wieder etwas Klischeehaftes: "Der Mörder ist immer der Gärtner." Das diffuse Tatmotiv wurzelte im wohl eher männlichen Verständnis von ewiger Treue und Verbundenheit zu "seinem" Verein.

Die besten Spiele der Frauen-WM werden sicherlich begeisternder und spannender sein als dieser Krimi. Die "Tatort"-Macher sollten sich überlegen, ob diese Art der Verzahnung von Fiktion und Realität wirklich sinnvoll ist. Denn was käme dann wohl als nächstes? Mord in Adelskreisen mit einer Nebenrolle für Karl-Theodor zu Guttenberg? Und das kurz bevor er auf die politische Bühne zurückkehrt? Immerhin: Mit einem "Tatort" dieser Güte käme die Polit-Karriere des Plagiat-Ministers wohl nicht mehr in Gang. Auf der anderen Seite: Besser schlechte PR ...