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TV-Kritik: "Günther Jauch" Steuern, Schwarzer und der Toiletten-Skandal


Die Gästeliste ist hochkarätig, nur das Thema ist durch. Was gibt es noch zu sagen, wenn alles schon besprochen ist? Auch Wolfgang Schäuble bleibt nur ein erschöpftes "Muss ich es noch kommentieren".
Von Sylvie-Sophie Schindler

Dass Sie am Puls der Zeit liegen, das kann man nun wirklich nicht sagen, Herr Jauch. Ist doch schon wieder Schnee von gestern, die Sache mit der Alice und ihrem Schwarz(-er)-Konto in der Schweiz. Längst völlig durchgekaut von den Kollegen Plasberg, Illner und Konsorten. Was bitte soll denn da noch Neues kommen, Sie Träumerle? Es sei denn Sie hätten die nimmermüde Feministin höchstpersönlich in den Talkshow-Sessel verfrachtet und zum Statement gebeten. Schon kapiert, Sie kriegen es einfach nicht hin, das TV-Volk zu überraschen. So zuverlässig wie sich Angela Merkel bei brisanten Themen ein Schweigegelübde auferlegt, so erwartbar sind Sie in Ihrer Themenwahl. Schade, dass Sie kein Rennpferd sind, auf das man setzen kann. Dann wären einem die Millionen nämlich sicher. Am Sonntagabend gingen Sie ins Rennen mit "Schwarzer und Co am Steuer-Pranger – endet beim Geld die Moral?". Jeder, der bis drei zählen kann, hat das mindestens schon am Montag gewusst. Und dabei ist in Sotschi die Hölle los. Toiletten-Gate! Müsste man nicht endlich darüber mal reden? Nach dem Motto: "Zwei Kloschüsseln ohne Trennwand - Kann man dem lupenreinen Demokraten Putin eigentlich noch trauen?"

Gut. Es sollte ja nicht nur um Alice Schwarzer gehen. Sondern auch, wie von Günther Jauch angekündigt, um einen "Fußballer, über den wir jetzt auch sprechen müssen". Doch Nikolaus Blome, Talkgast mit dem entsprechenden Insider-Wissen, rückte mit dem Namen nicht raus. Der "Spiegel"-Journalist bekannte, die Sache sei noch nicht "ausrecherchiert". Damit hätte sich die Sache gehabt, hätte Jauch dann nicht noch aus einem aktuellen Artikel der "Süddeutschen Zeitung" vorgelesen, in dem –trara- von einem deutschen WM-Helden die Rede ist, der allerdings damit zitiert wird, dass an den Vorwürfen, er habe ein geheimes Konto in der Schweiz, nichts dran sei. Sagte Blome nicht gerade, die Sache sei nicht sattelfest. Eben. Nein, man mag einfach nicht immer mitspielen. Nicht jedes Atemholen soll der nächsten Skandalisierung dienen. Auch der Jauchsche Verbalhappen, aus der Feministin Schwarzer sei nun die Steuerhinterzieherin Schwarzer geworden, verpuffte. Zu simpel, zu sehr heruntergebrochen. Man könne doch nicht nur wählen zwischen der einen oder der anderen, machte Blome klar. Und: "Die 30 Jahre Kampf werden nicht mit dem Radiergummi weggemacht."

Hoffnungsträger Maischberger

Den Erregungsdienst verweigerte auch CDU-Politiker Wolfgang Schäuble. Er habe, so sagte der Bundesfinanzminister, Mitleid mit Frau Schwarzer. Und griff zu einem Zitat aus dem Neuen Testament: "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein." Im Grunde habe doch jeder was auf dem Kerbholz. Eben. Als Philosoph dieser Stunde gab es dann noch diese Weisheit: "Je mehr Geld die Leute haben, desto gieriger sind sie." Das sei eine menschliche Eigenschaft. Eben. Schwarzer hin, Schwarzer her. "Muss ich es noch kommentieren?", so Schäuble.

Talkshow-Tribunal, ade. Mag das Thema zu recht die Gemüter vor den Bildschirmen erhitzen, man ist dessen ebenso müde, eben wegen seiner Omnipräsenz. Welchen Sinn hatte die ARD-Veranstaltung denn dann? Unternehmer Dirk Roßmann wusste die Antwort: "Je mehr Namen öffentlich transportiert werden, desto mehr haben Angst. Der starke Strom an Selbstanzeigen beschleunigt sich. Dazu dient diese Sendung." Apropos Selbstanzeige. Den Daumen weiterhin hoch gab Schäuble: "Die meisten, die wir durch Selbstanzeige bekommen, würden wir sonst nicht bekommen." Er halte an dieser Möglichkeit fest. Und sprach sich gegen das von Jauch erwähnte "Modell Schweden" aus. Schäuble wolle den "gläsernen Menschen" hierzulande nicht einführen. Man halte schließlich etwas auf Datenschutz. Ein Mundwinkelzucken bei Jauch. Hätte er auf die NSA-Debatte hinweisen wollen?

Noch ein letzter Versuch, um Erregungswellen in das arg seichte Plauderwasser zu bringen. Schwarzer, Hoeneß, deren wertvollstes Kapital sei im Eimer, so Jauch. Und beschwor: "Womöglich endgültig." Seitenblick von Schäuble: "Alle Fälle wurden genügend kommentiert." Jauchs Kapitulation: "Das haben wir." Nun noch schnell die letzten Sendeminuten herumkriegen. Schalte rüber in das Tagesthemen-Studio. Dort die Nachricht über die Schweiz und ihr Votum "gegen Masseneinwanderung". Und weil Jauch sich selbst treu bleiben will, schon mal die Ankündigung: "Das wird uns nächsten Sonntag beschäftigen." Ein Vielleicht lässt er bedeutungsschwanger mitschwingen. Und Sotschis Toiletten-Gate: Die Hoffnungen liegen jetzt bei Maischberger.


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