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TV-Kritik "Anne Will": "Kopfarbeit im mentalen Bereich"

"Wie unbarmherzig ist Fußball-Deutschland?", wollte Anne Will wissen. Als Antwort bekam sie vor allem Phrasen, Erinnerungen und Kaffeesatzleserei. Unbarmherzig war nur die Langeweile dieser Sendung.

Von Jan Zier

Reden wir also nochmal über Fußball. Geht ja immer, irgendwie. Vor allem so auf halber Strecke zwischen Champions League-Finale (dramatisch!), Relegationsspielen (chaotisch!), einer Vorab-Pleite der Nationalmannschaft (desaströs!) und ihrer anstehenden Europameisterschaft. Und über Politik – also: Griechenland – haben wir jetzt, ja, auch bei Anne Will, zuletzt wirklich oft genug geredet. "Wie unbarmherzig ist Fußball-Deutschland?" fragt sie deshalb an diesem Abend. Aber es soll trotzdem nicht nur um Ersatzreligion, sondern auch um Politik gehen.

Am Ende ist es über weite Strecken ein großer Tiefflug über all die Fußball-Stammtische in diesem Land. Ein Abend voller Fußball-Phrasen und Kaffeesatzleserei. Voller Langeweile. Das kann man vielleicht am besten daran erkennen, dass hier niemand dazwischen quatscht, anders als in fast jeder Talkshow. Alle lassen sich ausreden. "Darf man da jetzt widersprechen", fragt Ex-Bundesminister Norbert "Die Rente ist sicher" Blüm. Man darf. Es geht eben um nichts.

"Der Fußball ist heute anders"

Andererseits, das sagt auch Corny Littmann, ein Theatermann mit Vergangenheit als St. Pauli-Präsident: "Fußball ist noch verständlich für die Menschen. Die Politik nicht." Also reden wir nochmal über den "Grottenkick" der Deutschen im Testspiel gegen die Schweiz und erfahren von Kommentator Marcel Reif, dass es heute, wenn es gegen Israel geht, "vermutlich nicht sehr viel besser wird". Wir hören von Sportreporterin Sabine Töpperwien, dass im deutschen Team "noch unheimlich viel Kopfarbeit im mentalen Bereich" zu leisten sein wird. Wir hören von Ex-Nationalspieler Jens Nowotny, dass der Fußball heute nicht mehr der gleiche ist wie ehedem. Die Leistungsgesellschaft, sie wissen schon, der Fußball, ein Spiegel derselben, natürlich, und so weiter.

Wir erfahren, dass Moderator Carlo von Tiedemann, der mal Stadionsprecher beim HSV war, meist keine Ahnung hatte, wer da unten auf seinem Platz das Tor geschossen hatte. Und zu guter letzt verkündet Borussia-Dortmund-Fan Blüm, dass er auch mal Fehler gemacht hat.

"Scheitern ist kein Weltuntergang"

Dazwischen ist etwas Platz für all die übliche Fußball-Philosophie, in der es dann um Spielergehälter und guten Fußball-Nationalismus geht. Um Arien Robben von den Bayern und ob sich zu recht oder unrecht Hass und Verachtung auf sich gezogen hat. Um Robert Enkes Suizid, und ob der Fußball doch etwas daraus gelernt hat. Kaum ein Thema, das nicht wenigstens mit Belanglosigkeiten gestreift wird - einmal abgesehen von schwulen Fußballern.

"Was steht für Deutschland auf dem Spiel", fragt Anne Will, wenn die Fußballer diesmal wieder keinen Titel mitbringen, wie schon in den letzten 16 Jahren? "Ein Scheitern ist nicht der Weltuntergang", erklärt Littmann, der dann doch noch den Versuch unternimmt, die Politik ins Spiel zu bringen. "Der Fußball verdrängt sämtliche soziale Krisen", sagt der 59-jährige, "das sind Phänomene, die mich erschrecken". Und wenn Blüm über die Millionengehälter im Fußball schimpft, Tiedemann einstimmt, dann will er auch über Börsenspekulanten reden. Auch etwas populistisch, aber immerhin.

Blüm und "die Last der Demokratie"

Bleibt die Frage nach den Menschenrechten in der Ukraine, die Frage nach der moralischen Verantwortung des Sports und ob man in der Ukraine EM-Fußball spielen und wie davon berichten soll. Ein Einspieler zeigt die WM 1978 in Argentinien. Die Militärdiktatur regiert das Land. Und Berti Vogts, damals Kapitän, sagt: "Argentinien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen". Sein Nachfolger Philipp Lahm ist da bekanntlich anders. Die Runde ist sich also einig, dass das irgendwie in die richtige Richtung geht. "Die Last der Demokratie ruht nicht auf der Fußball-Nationalmannschaft", sagt Blüm noch.

Und damit zurück in die angeschlossenen Funkhäuser.