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TV-Kritik "Anne Will": Von Flurpinklern mit Wut im Bauch

Vor 50 Jahren kamen die ersten türkischen Gastarbeiter nach Deutschland. Warum ist Integration immer noch so schwer, wollte Anne Will in ihrer Talkshow wissen. Doch leider beließ sie es vor allem bei Klischees und Vorurteilen. Bis einer ihrer Gäste genug hatte.

Von Christoph Forsthoff

"Ich kann‘s nicht mehr hören!" Nach fast einer Stunde ruhigen Dasitzens platzte Heinz Buschkowsky dann doch der Kragen. "Hier ist wieder in Reinkultur die Opferrolle gepflegt worden - das bringt uns nicht einen Schritt weiter!" Womit der Bürgermeister des gern bemühten Berliner "Problembezirks" Neukölln zweifellos Recht hatte - fraglich nur, ob Anne Will selbiges denn auch wirklich gewollt hatte, als die Moderatorin in ihrer Talkrunde das Thema "50 Jahre Ali in Almanya - immer noch nix deutsch?" diskutieren ließ. Denn schließlich hätte das ja so manchem liebgewonnenen Klischee den Boden entzogen und vor allem den einen oder anderen (vorhersehbaren) Disput im Keim erstickt.

"Diese Türken haben Wut im Bauch, weil ihnen kein Respekt gezeigt wird", versuchte da Schauspieler Tayfun Bademsoy das aggressive und kriminelle Verhalten einiger seiner jungen Landsleute hierzulande zu erklären. Autor Günter Wallraff, der vor einem Vierteljahrhundert als Undercover-Ali die Diskriminierungen gegenüber Türken in deutschen Firmen in seinem Bestseller "Ganz unten" aufgezeigt hatte, erklärte für die Bundesrepublik "einen Bildungsnotstand". Und die Turkologin Özlan Nas forderte denn auch gleich das Fach "Sozialkompetenz" in der Schule einzuführen und "Kulturmittler" in den Unterricht einzubinden.

Schon mit einem gewissen Schmunzeln verfolgte da der "deutschstämmige" Zuschauer, dass ausgerechnet ihre Landsmännin Güner Balci darauf hinwies, das Problem an den Schulen sei die eigene Abgrenzung der türkischstämmigen Schüler "gegenüber Werten, die wir in Deutschland als Konsens empfinden". Oft genug träfe dabei die junge türkischstämmige Generation in ihrem Umfeld noch nicht einmal mehr unmittelbar auf eine deutsche Minderheitsgesellschaft, so die Journalistin, sondern es gehe lediglich darum, sich von dieser zu distanzieren.

"Mangelnde Kinderstube und Erziehung"

Kein Wunder, dass angesichts solcher Nebenschauplätze Buschkowsky da irgendwann genug hatte und ebenso wie zuvor schon der ehemalige Berliner Hauptschullehrer Wolfgang Schenk auf die eigentlichen aktuellen Probleme mit ausländischen Kindern im Schulunterricht hinwies: ständige Störung des Unterrichts, Pinkeln auf den Schulfluren, zunehmende Gewaltbereitschaft - "das ist das Verhalten einer mangelnden Kinderstube und Erziehung". Nötig sei, den Eltern nachdrücklich die Bedeutung des Lernens für ihre Kinder zu verdeutlichen und diese Mädchen und Jungen ihrem Umfeld zu entziehen durch Kindergartenpflicht und Ganztagsschule.

Mehr als nur ein Ansatz zum Nachdenken - aber da war die Sendezeit dann auch schon fast vorbei, und außerdem lag da ja noch das Einspielfilmchen vom jüngsten Fußballspiel Deutschland - Türkei in der Kamera. Und so durften türkische Jugendliche noch eine Runde halbgares Zeug brabbeln, über Özil, der "kein ehrenvoller Mensch" sei, weil er nun für Deutschland spiele. Aber so ist das eben, wenn statt einer lösungsorientierten Diskussion nur ein quotenträchtiger Fernsehabend avisiert wird.