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TV-Kritik "Anne Will": Wenn der Zuschauer nix rafft

Die Talkrunde bei Anne Will diskutierte über den RAF-Film "Der Baader Meinhof Komplex", und das durchaus kontrovers. Gerne hätte sich der Zuschauer seine eigene Meinung gebildet - zu blöd, dass der Film noch gar nicht in den Kinos läuft.

Von Carsten Heidböhmer

Selten wirkte ein Adjektiv so unpassend wie das Wort, mit dem Clais Baron von Mirbach den RAF-Film "Der Baader Meinhof Komplex" beschrieb: Die Darstellung der Verbrechen sei "gerafft". Da musste man als Zuschauer schon schlucken. Denn Mirbachs Vater war 1975 Militärattaché in der Deutschen Botschaft in Stockholm und wurde von RAF-Terroristen bei der Botschaftsbesetzung ermordet - und zwar auf eine besonders grausame und hinterhältige Weise. Mirbach war in Wahrheit nach den auf ihn abgefeuerten Schüssen nicht auf der Stelle tot, wie es der Film darstellt, sondern wurde schwer verwundet die Treppe herunter gestoßen. Dort lag er eine Stunde im Todeskampf, weil die Terroristen den Sanitäter sofortigen Zutritt zur Botschaft untersagten. Diesen Vorgang angemessen darzustellen, kann ein Film, der zehn Jahre von 1967 bis 1977 abdecken will, natürlich nicht leisten. Aber es ist durchaus nachvollziehbar, wenn einige Passagen in den Augen von dem Sohn des Ermordeten zu sehr "gerafft" sind.

Mit Clais Baron von Mirbach hatte Anne Will den obligatorischen "Betroffenen", der sonst immer aufs Sofa verbannt wird, in die Gesprächsrunde hereingeholt. Und das war gut so: Angesichts der medialen Wellen, die der RAF-Film bereits im Vorfeld schlägt, taten die nachdenklichen Worte Mirbachs gut - stellten sie doch klar, dass es hier nicht um fiktive, sondern um reale Verbrechen geht.

Ein zweiter "deutscher Herbst" steht bevor

Anne Will hatte eine kleine Runde geladen, um über das deutsche Kinohighlight der Saison zu sprechen. Die Verfilmung von Stefan Austs Bestseller "Der Baader Meinhof Komplex" soll nach dem Willen der Macher gleichsam einen zweiten "deutschen Herbst" herbeiführen und die Geschichte der RAF wieder in den Diskurs zurückbefördern. Wie diese Diskurslinien verlaufen könnten, darauf gab die Talkshow einen ersten Fingerzeig.

Die Runde gliederte sich in zwei Gruppen: Vertreter des Films (zu Stefan Aust gesellten sich die Schauspieler Moritz Bleibtreu und Martina Gedeck) saßen zwei unmittelbar Betroffenen gegenüber: Neben dem Mirbach-Sohn war Hans-Jochen Vogel gekommen, der von 1974 bis 1981 als Bundesjustizminister den RAF-Terror an vorderster Front miterlebte.

"Opfer als Schießbudenfiguren"

Und so war es Vogel, der das vom Film transportierte Geschichtsbild frontal attackierte: Die staatlichen Repräsentanten würden mit einer Ausnahme als unsympathisch dargestellt, während die Terroristen durchweg lässig und cool herüberkämen. Diesen Eindruck teilte Mirbach, der einen weiteren Vorwurf anfügte: "Opfer werden als Schießbudenfiguren gezeigt".

Terroristen als coole Helden, Vertreter der Staatsmacht und Mordopfer als schwache Figuren? Diesen Vorwürfen wollte Stefan Aust entschieden widersprechen. Zur Erhellung des Publikums spielte die "Anne Will"-Redaktion immer wieder Filmszenen ein. Diese waren jedoch so willkürlich zusammengeschnitten, dass sie letzten Endes mehr Verwirrung stifteten, als dass sie irgendetwas erklärten. So ließ die ganze Veranstaltung den Zuschauer mehr als ratlos zurück: Wie gerne hätte man den Film im Vorfeld gesehen, um mitreden zu können. Aber nein - er läuft ja erst am Donnerstag in den Kinos an. Wem sollte man glauben?

Martina Gedeck offenbarte bei ihren Redebeiträgen bisweilen Probleme, zwischen ihrer Person und der von ihr gespielten Rolle der Ulrike Meinhof zu unterscheiden: Mit verklärtem Blick und feuchten Augen schwärmte sie von der "sanften und unnachgiebigen Stimme" Meinhofs und dem Gerechtigkeitssinn, der sie in jungen Jahren erfüllt habe.

Moritz Bleibtreu war es schließlich, der die Bedeutung des "Baader Meinhof Komplexes" in dieser Runde relativierte. Es handele sich doch nur um "einen Spielfilm, der natürlich auch der Unterhaltung dient." Sicherlich ein legitimes Anliegen für einen Film. Das wirft allerdings die Frage auf, welchen Zweck die Talkshow "Anne Will" erfüllt. Die Anwesenden verfügten über ein Herrschaftswissen, das sie mit dem Zuschauer nicht teilen konnten. Ein Gespräch über einen Film, den kein Zuschauer bislang sehen konnte, ist weder unterhaltsam noch informativ. Einzig die Macher des Kinofilms scheinen sich angesichts des kostenlosen PR-Coups die Hände gerieben zu haben.