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TV-Kritik "Günther Jauch": Reden wie im Kalten Krieg

Günther Jauch diskutiert über die Krim. Eine neue Eiszeit zwischen Russland und dem Westen wird von Experten nicht ausgeschlossen – die Wortwahl der Gäste erinnert an die Zeiten des Kalten Krieges.

Von Dominik Brück

Die Welt diskutiert die Annexion der Krim durch Russland. Auch Günther Jauch und seine Gäste befassen sich am Sonntag mit den Ereignissen am Schwarzen Meer. Unter dem Titel "Putin, der Große – wie gefährlich ist sein Russland?" hat der Moderator eine hochkarätige Runde versammelt. Neben Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, dem ehemaligen US-Botschafter John Kornblum und dem russischen Journalisten Dmitri Tultschinski sind auch die Russland-Experten Hubert Seipel und Gerd Ruge mit von der Partie. Seipel hat den russischen Präsidenten Wladimir Putin mehrere Wochen persönlich begleitet, Ruge war viele Jahre Moskau-Korrespondent der ARD.

"Ein neuer Kalter Krieg ist nicht ausgeschlossen", erklärt Ruge gleich zu Beginn der Sendung. Man befinde sich jedoch auch in seiner Situation, die durch die Wahl der Worte stark zugespitzt werde. "Das macht es schwierig sich zu unterhalten", so Ruge weiter. Auch die Talkrunde bei Jauch findet schnell Formulierungen, die von der Rhetorik des Kalten Krieges nur so strotzen.

"Wir" gegen "Die"

Die Rollenverteilung in der Runde ist schnell gefunden. Im Prinzip spricht man wie jahrzehntelang gewohnt von "uns" im Westen, der auf die Aggression von "denen" in Russland reagieren muss. Selbst der russlanderfahrene Journalist Seipel argumentiert grob vereinfachend, dass man in Russland nicht die gleichen Werte wie im Westen voraussetzen könne. Auch die Redaktion von Jauch unterstützt dieses Rollenbild: In einem Beitrag über mögliche Sanktionen wird mehrfach eine Flagge eingeblendet, auf der ein gefährlich brüllender Bär zu sehen ist.

Einwürfe von Tultschinski werden häufig übergangen oder heruntergespielt. So spricht der russische Journalist davon wie sich die Nato nach der deutschen Wiedervereinigung schnell bis an die russische Grenze ausgedehnt hat. Aus Sicht von Tultschinski der Bruch eines Versprechens des Westens. Auch die Lage in der Ukraine beurteilt der Journalist anders als die Wahrnehmung in vielen europäischen Staaten. "Der Westen geht davon aus, dass die Ukraine jetzt eine Demokratie wird, das ist gerade mit Blick auf die nationalistischen Kräfte jedoch nicht so", sagt Tultschinski. Jauch übergeht das mit dem Verweis auf die Wahlen im Mai, deren Ergebnis man abwarten müsse.

Russland auf dem "falschen" Weg

Auch Verteidigungsministerin von der Leyen stimmt in die Kalte-Kriegs-Rhetorik mit ein. "Alle Staaten können sicher sein, dass das Verteidigungsbündnis da ist", sagt sie und fügt hinzu: "Verhandlungen sind aber das Mittel der Wahl." Von der Leyen lässt jedoch auch keinen Zweifel daran aufkommen, dass diese Verhandlungen zu den Bedingungen der europäischen Staaten stattfinden sollen. Russland habe für sein Handeln als Preis den Vertrauensverlust beim Westen zu zahlen. "Wir können nicht nur weil Putin Fakten schafft auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker verzichten", sagt die Ministerin. Die Ukraine sei ein unabhängiger Staat, der selbst über seinen Weg entscheiden müsse. Dieses Recht scheint sie Russland aber abzusprechen. "Russland war auf einem guten Weg", stellt von der Leyen fest. Jetzt habe man jedoch die falschen Schritte unternommen. Klar formuliert sie, was das Land aus ihrer Sicht braucht: eine Modernisierung von Gesellschaft und Wirtschaft und mehr Offenheit. Die Chance darauf habe Putin nun erst einmal verspielt.

Eine neue Basis finden

Die Diskussion macht das Problem deutlich, das Ruge gleich zu Beginn der Sendung angesprochen hatte: Auch 20 Jahre nach Ende des Kalten Krieges denkt man in Europa und in Russland – auch diese Abgrenzung ist Teil des Problems – an vielen Stellen noch in den Kategorien Ost gegen West. Vor diesem Hintergrund könnte es schwer werden eine Verhandlungsgrundlage zwischen den westlichen Staaten, die ihren Weg als den "richtigen" ansehen, und Russland, das sich nicht beteiligt und bedroht fühlt, zu finden. "Wir haben 40 Jahre lang eine gemeinsame Basis mit Russland erarbeitet. Diese hat nicht gehalten", fasst das der ehemalige US-Botschafter Kornblum zusammen. Solange jedoch wie bei Günther Jauch immer wieder nach den Gefahren gefragt wird, die von Russland ausgehen und Formeln des Kalten Krieges wiederholt werden, könnte es schwer werden diese Basis zu finden.

  • Dominik Brück