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TV-Kritik "Günther Jauch": Wie man in Europa doppelt wählen konnte

Bei "Günther Jauch" wird "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo als Wahlfälscher enttarnt, während Peer Steinbrück (SPD) und Wolfgang Schäuble (CDU) weiter selbstzufriedenen Wahlkampf betreiben.

Von Jan Zier

Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der altehrwürdigen Wochenzeitung "Die Zeit", erzählt es ganz beiläufig, wie selbstverständlich: Er hat bei dieser Europawahl gleich zwei Mal gewählt. Weil er zwei Pässe hat, einen deutschen und einen italienischen. Und weil er ein guter, ein vorbildlicher Europäer sein will. Ihm fällt selbst erst gar nicht auf, was daran verkehrt sein könnte. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), der neben ihm sitzt, kann sein Entsetzen nur mühsam verbergen und kündigt auch gleich bis zur nächsten Europawahl in fünf Jahren eine Gesetzesinitiative an. "Jeder Wahlberechtigte kann natürlich nur ein Mal wählen", stellt Schäuble klar. Wie sollte es auch anders sein.

Günther Jauch trägt dazu §107a aus dem Strafgesetzbuch vor, in dem es allerdings um Wahlfälschung geht: "Wer unbefugt wählt oder sonst ein unrichtiges Ergebnis einer Wahl herbeiführt (…) wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft", heißt es da. Giovanni di Lorenzo, ein Verbrecher? Es sei eine "groteske Verzerrung" der Probleme Europas, wenn nun so von ihm die Rede sei, findet der Beschuldigte.

Zufriedenheit bei allen Beteiligten

Und eigentlich soll es an diesem Wahlabend ja auch um die Frage gehen, ob dies nun eine "Denkzettel-Wahl" war, eine "Abrechnung mit Europa"? Das Ergebnis der Europawahl sei "einigermaßen im Rahmen des Erwarteten", sagt CDU-Mann Schäuble, während sein Vorgänger Peer Steinbrück, der ehemalige Kanzlerkandidat, seine SPD dafür preist, dass sie ja seit 1949 "noch nie in diesem Ausmaß" gewonnen habe. Das sei ja nun "kein stolzes Ergebnis für die SPD" stichelt Schäuble zurück, bedenke man, dass sie 2009 gerade mal auf etwas mehr als 20 Prozent der Stimmen kam. Und immer noch deutlich unter 30 Prozent liege - anders als die CDU. So sehen sie aus, die Scharmützel am Wahlabend, wenn im Grunde alle Beteiligten halbwegs zufrieden sind.

Wobei: Sowohl Schäuble als auch Steinbrück sind noch immer im Wahlkampf-Modus. Noch war ja nicht klar, wer die stärkste Fraktion im Europäischen Parlament stellen würde, die Konservativen oder die Sozialdemokraten, und wer demzufolge die besten Chancen haben würde, EU-Kommissionspräsident zu werden. SPD-Mann Martin Schulz oder Jean-Claude Juncker von den Konservativen. Schäuble sagt: Die "stärkste Fraktion" habe den Anspruch auf den Posten. Steinbrück sagt: Die "parlamentarische Mehrheit" zähle. Das ist ein feiner Unterschied. Der Postenschacher geht weiter.

Die Wahlverlierer sind nicht eingeladen

Die Wahlverlierer von FDP und CSU sind bei Jauch gar nicht erst eingeladen, die Wahlgewinner von der AfD sind auch nur durch einen bekennenden Wähler aus dem Publikum vertreten, ein verschreckter FDP-Wähler von früher, der die AfD anders als Schäuble und Steinbrück nicht "demagogisch" findet und für ein "Europa der unabhängigen Nationen" wirbt. Am Ende wird er Steinbrück zumindest das entlocken, was im Wahlkampf stets vermisst wurde und den jüngsten Erfolg von Frank-Walter Steinmeier bei Youtube ausmacht: etwas Leidenschaft. Di Lorenzo wiederum sieht in der AfD potenziell das, was früher die Grünen und jetzt die Linken für die SPD sind: Ein "Reservoir an Wählern", das sie nicht mehr anzusprechen vermögen.

Ansonsten wird in dieser Runde eher der Wahlkampf als solcher analysiert als seine Inhalte. Und natürlich erhält jeder die Gelegenheit, die gestiegene Wahlbeteiligung zu loben und sich von rechtspopulistischen Kräften aller Art zu distanzieren. Jauch würde gerne auch noch über die europafeindlichen Allüren der CSU im Wahlkampf reden, findet da in Schäuble aber natürlich keinen echten Widerpart. Auch die Kritik der Schriftstellerin Juli Zeh, die CDU habe mit ihren Wahlplakaten auf denen überall Kanzlerin Angela Merkel zu sehen war, "antieuropäische Signale" gesendet, damit signalisiert, dass Europa "etwas sekundäres" sei, kann Schäuble nicht verstehen. So sei das eben in der Werbung: Man nutze die Mittel, die den "größtmöglichen Effekt" versprächen. Ende der Debatte. Das Schlusswort hat dann nochmal der Mann von der "Zeit": "In diesem Land gibt es verdammt viel, was richtig gut ist."