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TV-Kritik

"Naked Attraction": "Deine Pussy hat Persönlichkeit"

Dating aus der Hölle: In der RTL2-Kuppelshow "Naked Attraction" lernen sich die Singles beim Brüstewippen und Eierschaukeln kennen. Nacktsein ist Trumpf – doch nicht für alle Kandidaten von Vorteil.

Von Mark Stöhr

"Naked Attraction": Bei dieser Dating-Show geht es erstmal nur ums Äußere

Stellen wir uns eine Frau vor, Mitte zwanzig, blond, schlank. Nennen wir sie Britta. Was könnte die für einen Job haben? Pommesverkäuferin. Ja, das ist gut. Britta verkauft Pommes in einem Fußballstadion, sagen wir in Münster. Frittieren ist also voll ihr Ding – doch beim Flirten hakt es. Britta ist seit sechs Jahren Single. Sie hat schon alles ausprobiert. Portale, Apps, sogar Discos. Doch: null Treffer. Deswegen versucht sie jetzt was Neues: "So starten, wie ein gutes Date oft endet." Das heißt, man ist gleich nackt und lässt einfach nur den Body sprechen. Geile Umdrehung. Blöd ist's nur, wenn im Body ein Hesse steckt: "Isch bin sprachlos, dass die Bridda misch gewählt hat."

Dating zwischen Hagenbeck und Herbertstraße – das kann man sich gar nicht ausdenken. Eine Handvoll Nackter steht in verschiedenfarbigen Boxen und wird in drei Runden von unten nach oben enthüllt. Davor findet die Begutachtung durch die Bachelorette oder den Bachelor statt. Wer nicht überzeugt, fliegt raus. Wer es bis zum Ende schafft, darf zum "angezogenen Date". Dort heißt es dann Reden statt Eierschaukeln. Ächz!

Busenliebhaber sind sportlicher als Poliebhaber

Für Britta ist der Penis-Parcours sozusagen ein Heimspiel. Mit Pommes hat sie ja jeden Tag zu tun. Und so geht sie cool die Galerie der Gemächte ab und sagt sachkundige Dinge wie: "Das ist ein dicker Penis, muss man sagen." Oder: "Hier müsste man schauen, wie der in Action aussieht." Beratend steht ihr Moderatorin zur Seite, die auch Ahnung hat ("Der hier könnte über sich hinauswachsen") und Britta dazu ermuntert, die Hintern anzufassen ("Gut, dann kneife ich mal in blau"). Da sage doch nochmal einer, Sexismus mache keinen Spaß.

Damit wir den Gedanken gleich wieder vergessen, wir hätten es hier mit dem wirklich allerletzten Schweineformat zu tun, wird die Spannerei und Fummelei von wissenschaftlichen Fakten begleitet. Hier erfahren wir Erstaunliches. Zum Beispiel, dass Frauen feste Hinterteile bevorzugen, weil sie sich davon "kraftvolle Beckenstöße" versprechen. Dass Männer, die bei Frauen mehr auf den Po stehen, verlässlicher sind und bessere Führungsqualitäten haben – Busenliebhaber dafür als sportlicher und aufgeschlossener gelten.

Noch bevor wir uns fragen können, welcher Clown von Sexologe so einen krachenden Schwachsinn verbreitet, sind die Boxen frisch gefüllt. Die Vaginen sind da! Endlich. Wollen wir doch mal sehen.

"Naked Attraction": Bei dieser Dating-Show geht es erstmal nur ums Äußere

Blanke Wiener in Pommesgröße

Britta heißt jetzt Logan, ein Amerikaner aus Berlin, Philosophiestudent, Veganer. Das klingt ja schon mal wie Vagina. Logan hat klare Vorstellungen, wie seine Zukünftige sein soll. Nämlich so verrückt wie er, wenn nicht sogar noch verrückter. Dazu wünscht er sich untenrum "eine saubere Frisur". Getrimmt oder gewaxt also, alles, bloß kein Vollbusch. Eine hairy Mary kegelt er daher schon in der ersten Runde raus – auch Amerikanerin, wie sich herausstellt, superattraktiv und superhübsch. Logan kippt fast aus den Latschen. Big fail, aber die Show must go on.

Wie ein Schönheitschirurg schreitet der Mittzwanziger die Vitrinen ab und versieht die ausgestellten Scheiden mit Attributen wie "schön symmetrisch" und "sehr geschlossen". Als ihn Milka Loff Fernandes zu einer – O-Ton – "Bilderbuchmuschi" führt, urteilt er wie bei einer Weinprobe: "Deine hat Persönlichkeit". Bei der zweiten Runde, in der die Oberkörper freigelegt werden, lugt bei einer Kandidatin ein Büschel Haare unter den Armen hervor. Achselhaare! "Ich schätze das", schmatzt Logan gönnerhaft, und Milka fügt hinzu: "Das hat was Rebellisches." Plötzlich ist das Bild weg, alles schwarz – wir haben uns übergeben.

Am Ende kriegt der gute Logan das, was er verdient: Eine – zumindest dem äußeren Anschein nach – Pornodarstellerin mit großen Brüsten. Porno und Philosophie, bekanntermaßen das Supermatch bei Tinder. Als der Veganer schließlich nackt aus der Kulisse tritt – der letzte Akt des Kuppelprogramms – verdüstern sich die Züge der Auserwählten merklich: Zum Vorschein kommt eine blanke Wiener in Pommesgröße. Gott hat sich offenbar doch was dabei gedacht, als er das Schamhaar erschuf.

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