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TV-Kritik

"Menschen, Bilder, Emotionen 2019": Ein 98-jähriger Auschwitz-Überlebender erinnert an das, was wirklich zählt – über das Jahr hinaus

Günther Jauch gelingt bei seinem RTL-Jahresrückblick der Spagat zwischen Katastrophen und Unterhaltung – größtenteils. Der bewegendste Moment gehört einem 98-jährigen Holocaust-Überlebenden.

von Simone Deckner

Jauch Jahresrückblick

Christina Feist und der Holocaust-Überlebende Leon Schwarzbaum zu Gast beim RTL Jahresrückblick "2019! Menschen, Bilder, Emotionen" mit Günther Jauch (rechts).

Picture Alliance

Für Günther Jauch wird 2019 in Erinnerung bleiben, weil man in seinem Potsdamer Vorgarten ein Skelett ausgebuddelt hat. Beim traditionellen Jahresrückblick knöpft sich der Moderator aber traditionell die Momente vor, die die ganze Nation aufgewühlt haben. Oder eben jene, die RTL dafür hält: Etwa, dass Handballer Pascal Hens bei der RTL-Produktion "Let's Dance" Tanzen lernte. Und Oliver Pocher ebenda ein nicht notwendiges Comeback als nervigster Comedian noch vor Dieter Nuhr beschert wurde.

Manche Themen waren natürlich gesetzt: der Klimawandel etwa. Im Studio regnete es Plastikflaschen von der Decke und eine 16-Jährige und eine 78-Jährige sagten: "Ich tue was!", nämlich: Sich nicht mehr mit mikroplastikverseuchtem Shampoo die Haare waschen (die 16-Jährige), sowie "Oldies for Future"-Demos organisieren (die 78-Jährige). Ein Getränkehändler, der aus Frust über die Vermüllung keine Einwegflaschen mehr verkauft, berichtete, dass sein Umsatz sogar leicht gestiegen sei. "Die Kunden haben die Radikalität meiner Aktion getragen." Die 16-Jährige bemerkte lakonisch: "Verändern ist das Normalste von der Welt." Greta war nicht gekommen. 

"Sie haben einen großen Teil ihres Lebens auf Gletschern verbracht, haben sie da einen Unterschied bemerkt?", wollte Jauch von Ski-Champion Felix Neureuther wissen. Der 34-Jährige hatte in diesem Jahr seinen Rücktritt erklärt. Ja, er habe sogar große Unterschiede erkannt, sagte Neureuther und sparte nicht an Selbstkritik ("Der Skisport hat auch eine große Verantwortung"). Dann fasste er die Lage so schnörkellos zusammen, wie es nur Sportler können: "Die ganze Welt muss mitziehen." Und wo er schon mal bei der Politik war, Olympia sollte man bitte auch nicht "in irgendwelchen totalitären Staaten austragen", so Neureuther.

"Es war immer gefährlich"

Dann kam Leon Schwarzbaum. 98 Jahre alt, Auschwitz-Überlebender. Der Einzige seiner Familie. Erst jetzt, im hohen Alter, konnte er sein Abi-Zeugnis in Händen halten, dass ihm die Nazis damals genommen hatte. Als Zeitzeuge berichtet er bis heute Schülern von den Gräueltaten der Nazis: "Die jungen Leute wollen das wissen, was damals passiert ist." Jauch fragte Schwarzbaum, ob es ihm Angst mache, dass Rechtsradikale (er sprach dankenswerterweise nicht verharmlosend von Rechtspopulisten) in Deutschland wieder Wahlen gewinnen? Die Antwort des 98-Jährigen: erschütternd. Er erwäge, nach Israel zu ziehen, sollte es mit dem Rechtsruck so weiter gehen. Er könne die Entwicklung "einfach nicht verstehen."

Christina Feist hatte in der Synagoge in Halle um ihr Leben gebangt, als ein Attentäter diese im Oktober versuchte zu stürmen und die dort ausharrenden Menschen zu töten – "aus Judenhass", sagte Jauch und benannte das Motiv des Täters abermals ebenso direkt wie korrekt. Ob es in Deutschland wieder gefährlich geworden sei, seine jüdische Identität zu zeigen, fragte er. "Es war immer gefährlich. Xenophobie ist in Deutschland kein neues Phänomen", entgegnete Feist. "Man sagt immer 'Nie wieder', aber ich glaube nicht mehr daran, es fehlen langfristige Maßnahmen", sagte sie. Dann erklärte sie kämpferisch, sie werde im nächsten Jahr zu Jom Kippur – dem höchsten jüdischen Feiertag – wieder in die Synagoge nach Halle fahren: "Ich werde mir das nicht nehmen lassen." Als sie und Schwarzbaum das Studio verließen, erhob sich das Publikum zu einer Standing Ovation.

Wie wichtig und manchmal auch einfach Zivilcourage sein kann, bewies ein anderer Gast – von Jauch als "der sympathischste ‚Halt die Fresse!‘-Rufer überhaupt", angekündigt: Er hatte beim Spiel der Nationalelf am Tag des Halle-Attentats mit eben diesem Worten jenen "Schwachkopf" (Jauch) in die Schranken gewiesen, der die Schweigeminute im Stadion mit dem Ansingen der deutschen Nationalhymne gestört hatte.

Von einfühlsam zu unsensibel

Doch nicht bei allen Interviewpartnern traf der erfahrene Moderator den richtigen Ton: Die österreichische Sportlerin Nathalie Birlie, die sieben Stunden in der Gewalt eines psychisch kranken Täters war, drängte er wiederholt, sich in den Täter und seine Beweggründe hinein zu versetzen. Teils unnötig unsensibel befragte Jauch auch Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, die er noch dazu als schleswig-holsteinische Landeschefin vorstellte. Schwesig hatte dieses Jahr ihre Brustkrebs-Erkrankung öffentlich gemacht. "Tränen sind genug geflossen, jetzt ist Kämpfen angesagt!", sagte sie, "die Diagnose ist nicht das Ende, es gibt immer Hoffnung." Wie viel Hoffnung es denn aber noch für die SPD noch gäbe, leitetet Jauch holzhammermäßig zur Tagespolitik über und grillte Schwesig dann zur GroKo. Der abrupte Rollenwechsel verwirrte.

Jauchs SPD-Bashing ging bei Sportlerin Malaika Mihambo und "Dschungelkönigin" Evelyn Burdecki weiter – beide waren ganz in rot erschienen. Jauch bezeichnete sie als "letzte SPD-Wählerinnen". Was sie denn dazu sage, dass "manche sie nicht für die hellste Torte auf der Kerze" halten würden, wollte er von der wie immer herrlich überdrehten Burdecki wissen. Die erzählte lieber von ihrer Brunnenbau-Charity-Aktion: "Schön war es überall, aber am schönsten im Senegal", reimte die Blondine sich vergnügt durch ihr aufregendes Jahr. Dann spoilerte sie noch, dass sie bei Jauch kürzlich einen Jackport geknackt habe ("In einer diversen Sendung"), zeigte sich bei einem Quiz aber gewohnt ahnungslos: "Kurt Tucholsky, wer ist das? Charlotte Roche, wer ist das?"

Überraschungsgast Frank Elstner

Ob sie Frank Elstner kennt, erfuhr man als Zuschauer nicht – dafür aber, dass Günther Jauch ohne den Grandseigneur der deutschen Fernsehunterhaltung nie bei "Menschen, Bilder, Emotionen" gelandet werde. Elstern hatte ihm die Sendung im Jahr 1988 übergeben. "Wenn es ihn nicht gegeben hätte, würde ich hier heute nicht stehen", so Jauch.

Wie neugierig der 77-Jährige auch heute noch ist, zeigte sich schnell. Er ist bei YouTube, hat eine Vertrag mit Netflix unterschrieben. "Wenn man kreativ ist, will man sich immer mit neuen Dingen beschäftigen", erklärte Elstner und ließ fallen, dass er eigentlich "Die Höhle der Löwen" erfunden habe – vor hundert Jahren, bei "Nase vorn".

Als ihn Jauch danach fragte, ob es denn eine gute Entscheidung gewesen sei, seine Parkinson-Erkrankung 2019 öffentlich zu machen, machte ihm Elstner klar, dass er nicht darauf reduziert werden wolle: "Ja, wenn du jetzt aufhörst, zu fragen!", sagte er. Jauch hielt sich daran. Nächstes Jahr gibt es ja wieder einen Jahresrückblick.

rös