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"Neo Magazin Royale" Böhmermann kann auch mau: Fremdschämen mit Jürgen von der Lippe


Kein Scoop, keine Schmähung, nicht mal gute Scherze: Die zweite Böhmermann-Show nach dem großen Knall war eine ziemlich maue Angelegenheit. Nur der Gast fiel aus der Rolle.
Von Mark Stöhr

Was man heute in der Mittagspause den Kollegen erzählen könnte: Saarländer haben laut einer Studie die meisten Orgasmen. Was man besser nicht erzählt: "Was sagt der Saarländer nach dem Orgasmus? Danke, Mama." Ein Witz, ja, Jan Böhmermann erzählte ihn gestern zu Beginn der Show - und alle so: Höhöhö. Damit war die Latte gelegt. Das war jetzt übrigens ein Wortwitz.

Es muss ja nicht immer eine Staatskrise oder Senderkrise sein, die von einer Folge "Neo Magazin Royale" ausgelöst wird. Es kann auch einfach mal egal sein, was Böhmermann macht, gucken doch eh schon zu viele zu. Nach der letzten Sendung hatte der Satiriker die Quotenkrise ausgerufen: 600.000 statt normalerweise 100.000 Menschen wollten plötzlich sein Nischenformat auf ZDFneo sehen. 3,6 Prozent Marktanteil! "Wir sind kurz vor Mainstream, Leudde", schlug er via Facebook Alarm, "wir müssen echt aufpassen!"

Der Mainstream hasst Böhmermann

Das war natürlich nur eine weitere Drehung in der endlosen Ironie-Spirale. Gestern zog Böhmermann als amüsantes Gimmick ein paar Mal die "Quotenbremse". Sein Narzissmus, davon ist auszugehen, findet die Aufmerksamkeit und flächendeckende Prominenz super. Sein Intellektualismus aber verhindert auf Dauer den "Bundes-Böhmi", der er insgeheim vielleicht manchmal gerne wäre. Der Mainstream hasst Typen wie Böhmermann, so wie das angestammte "Verstehen Sie Spaß?"-Publikum damals Harald Schmidt gehasst hat. Zu gebildet, zu überheblich, zu respektlos, allgemein zu fix in der Birne für durchschnittliche Denker.

Nachdem wochenlang die Frage diskutiert wurde, welche Gags warum erlaubt sind oder eben halt gerade nicht, geht es jetzt in erster Linie wieder darum, ob sie gut sind. Die Normalität kehrt langsam in die Quatschfabrik zurück. Der Output gestern, muss man sagen, war noch ziemlich mau.

In "Prism is a Dancer", der Rubrik, in der die digitale Existenz der Zuschauer nach Peinlichkeiten durchforstet wird, mussten zwei Jungs ihren Song "Wenn ich ein Einhorn wär'" live performen ("Ich wär' bei den Mädels ganz vorn, wär' ich mit Horn geborn"). Den hatten sie in einem YouTube-Clip katastrophal verhauen, nun bekamen sie eine "zweite Chance". Davor wurden vermeintliche Missstände hinter den Kulissen des "Neo Magazins" aufgedeckt, "bevor das Team Wallraff von RTL vor der Tür steht". Das alles konnte man machen, man hätte es auch genauso gut lassen können. Morgen redet kein Mensch mehr darüber.

Bartträger aus einer anderen Unterhaltungsgalaxie

Echt fies wurde es mit Jürgen von der Lippe, "der Showlegende". Der Mann war schon zu "Geld oder Liebe"-Zeiten piefig. Im Hipster-Milieu des Blitz-Kombinierers Jan Böhmermann wirkte der "Guten Morgen, liebe Sorgen"-Erfinder aber wie ein altersschwacher Alien. Diese Langsamkeit, dieses umständliche Erzählen. Von der Lippes großer Fehler: Er wollte mitmischen und versuchte, genauso witzig und geistreich zu sein wie sein Gastgeber. Die Quittung waren Fremdschäm-Momente am Fließband.

Der 67-Jährige erzählte von einer "Zigeunerin", die ihm mal aus der Hand gelesen hat (Rettungsversuch von Böhmermann: "Man sagt jetzt, glaube ich, Sintisizer"), rühmte die "wundervollen Glossen" des beileibe nicht von jedermann und vor allem jederfrau geschätzten Kolumnisten Harald Martenstein und zog in dem Zusammenhang über die "Genderfuzzis" her. Danach zitierte er genüsslich ein sexistisches Sprichwort aus Nigeria ("Was sagst du, wenn du eine tief dekolletierte Frau siehst? Zwei Stück Fleisch verwirren die Fliege"). Das war alles so gestrig und Old School und uncharmant. Böhmermann konnte gar nicht so schnell nervös auflachen, wie Jürgen von der Lippe seine Klopper an den Start brachte.

Immerhin mit einem verschonte uns der Bartträger aus der anderen Unterhaltungsgalaxie: einem Lied. Und auch der schlimmste Mainstream-Albtraum von Jan Böhmermann wird erst einmal nicht eintreten: "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich in der Sendung Andrea Kiewel stehen habe und wir gemeinsam mit Ross Antony Starlight-Express-Kracher singen."


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