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TV-Kritik

"Neo Magazin Royale": #verafake statt Erdogan: So bissig war Jan Böhmermanns Comeback

Jan Böhmermann ist zurück - und wie: Mit #verafake gelingt dem viel Gescholtenen ein fulminantes Comeback nach selbst verordneter Pause. Nur Vera Int-Veen wird nicht amüsiert sein.

Von Simone Deckner

Jan Böhmermann

Um sein Erdogan-Gedicht ging es nur am Rande - dafür nahm sich Jan Böhmermann umso mehr die RTL-Show "Schwiegertochter gesucht" vor

Was war das für eine Aufregung vor Böhmermanns Comeback: Sagt er was zu Erdogan? Sagt er nichts? Wirkt er angespannt? Wirkt er wirr? Macht er politische Witze jetzt mit angezogener Handbremse? Macht er überhaupt noch politische Witze oder weicht er weiträumig auf unverfängliches Bibi-und-Tina-Terrain aus? Fragen über Fragen.

Vier Wochen, ein Radiohead-Album und ein beschämenswerter Entwurf zum Bundesteilhabegesetz später ist der dünne, blasse Junge zurück. Er trägt jetzt Bart. Das mache ihn "mainstreamiger", verriet er seinem Haussender kurz vor der Ausstrahlung. Von "wilden Ziegen-Gerüchten" hatte zuvor die "Huffington Post" halluziniert, scheinbar jetzt auch als Fachmagazin für Paarhufer unterwegs. Vermutlich wünschten sich die Redakteure, das Böhmi direkt aus dem Streichelzoo in Köln-Porz senden würde. Oder zumindest ein Selfie mit einem total süßen Zicklein schießen würde. In der Zwischenzeit nutzte ein völlig unbekannter CDU-Hinterbänkler die Gunst der Stunde und zitierte Böhmermanns Schmähgedicht im Bundestag, von allen Orten dieser Welt.

Mit #verafake alle überrascht

Es kam alles ganz anders. Gesprächsthema Nummer Eins nach dieser 45. Folge "Neo Magazin Royale" werden weder die lausigen Witze der Zuschauer (Gage: jeweils 103 Euro, angelehnt an den Paragraphen zur Majestätsbeleidigung) noch das überraschend offen geführte Interview mit Gast Gregor Gysi sein. Wobei: Dessen Schwärmerei über seinen Bezirk Treptow-Köpenick und das im Entscheidungsspiel gegebene Bekenntnis, lebenslang die Frisur von Sahra Wagenknecht auftragen zu wollen, wenn sich denn damit dauerhaft die Altersarmut beenden ließe, durchaus der Rede Wert gewesen wäre. Das, worüber jedoch alle (zu Recht) sprechen werden, ist #verafake.

Dahinter steckt Folgendes: Einer kolossalen Köpenickiade gleich gelang es Böhmermann und seinem Team zwei Schauspieler als Kandidaten in die RTL-Show "Schwiegertochter gesucht" einzuschleusen. Einer gab den "einsamen Eisenbahnfreund" Robin, 21, der in seiner Freizeit Schildkröten beobachtet und noch nie eine Freundin hatte. Der andere seinen alkoholliebenden, nah am Wasser gebauten Vater, 38. In einem knapp 17-minütigen Einspieler entlarvt Böhmermann die ganze Scheinheiligkeit des Verkupplungsformats. Nicht nur, dass eine stilechte "Asi-Wohnung" angemietet wurde, das "Neo Magazin Royale"-Team dokumentierte die Dreharbeiten zudem mit versteckter Kamera.

"Vergnügter Vera" wird das eingemeißelte Lachen wohl entgleisen

Was alle schon immer ahnten, jetzt hat man es in Bild und Ton: Die Redakteurinnen von "Schwiegertochter gesucht" legen dem Vater-und-Sohn-Gespann als erstes den knallharten Vertrag auf den schäbigen Wohnzimmertisch: Für 30 Drehtage wird eine "großzügige" Aufwandsentschädigung von 150 Euro angeboten. Eine Werbeminute im Umfeld der Show lässt sich RTL laut Böhmermann mit rund 90.000 Euro bezahlen. Als der gefakte Vaddern die Frage nach seinem Alkoholkonsum mit "Joah, ich trinke so acht Bier am Tag" beantwortet, kreuzt die Redakteurin (nach kurzem Zwiegespräch mit der Kollegin) im Bewerbungsbogen stoisch ein "nein" bei Alkoholkonsum an. Dass die beiden keine Personalausweise vorlegen können, stört da auch schon nicht mehr groß. Schnell noch die eidesstattliche Versicherung unterschrieben, die besagt, dass die Bewerber geistig nicht behindert sind und ab dafür.

Szene für Szene nimmt der #verafake-Einspieler das Format genüsslich auseinander und spart auch nicht mit direkter Kritik an Moderatorin Vera Int-Veen. Böhmermann: "Ihr habt unsere Kandidaten als die allerletzten Trottel inszeniert. Sorgfaltspflicht? Scheißegal." Er habe "nur eine Botschaft" an RTL und Vera Int-Veen, so Böhmermann: "Man kann so eine Sendung wie 'Schwiegertochter gesucht' in der Art schon machen. Ist halt dann ziemlich scheiße." Hier versteckt sich kein Zyniker hinter ironischen Anspielungen. Hier wird Böhmermann zum bissigen Moralisten.


"Kleine Chillaxpause" bestens überstanden

"Ich habe schlechte Erfahrungen mit Gags gemacht, das mache ich nicht mehr", hatte er noch zu Beginn der Sendung gelogen. Und dass womöglich Hitlerwitze "im Nachhinein als Störung der Totenruhe" verfolgt werden könnten. Seine "kleine Chillaxpause" (Böhmermann), sie scheint Böhmermann nicht entmutigt, sie scheint ihn sogar bestärkt zu haben. Wie sagte Sidekick William Cohn zu Beginn noch? Das Motto dieser Folge: "War was?"

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