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TV-Kritik zu "Hart aber fair" Werbefernsehen für Gottschalk


Frank Plasberg hatte sich das Thema Ruhm ausgesucht - da durfte ARD-VIP Thomas Gottschalk nicht fehlen. Außer Werbung trug der zum Gelingen der Sendung nicht bei. Das übernahm ein aufgedrehter Engländer mit Vorliebe für Playmobil.
Von Sophie Lübbert

Thomas Gottschalk kann überall auf die Toilette gehen. "Ich darf an jeder Haustür in Deutschland klingeln und dann dort aufs Klo gehen", sagt Gottschalk mit einem Anflug von Stolz und lächelt glücklich. Die neue Show mag ein Reinfall sein, die Quote unterirdisch, aber dafür reicht der alte "Wetten dass ..?"-Ruhm noch - und für einen Auftritt bei Plasbergs "Hart aber fair".

Denn das Thema dort lautet "Berühmt um jeden Preis - wie viel Öffentlichkeit verträgt der Mensch?" und wer könnte dazu besser sprechen als Gottschalk? Zumal ja ein bisschen Werbung für Thommys ARD-Vorabend-Show nicht schaden kann und da hilft der Frank natürlich gerne aus. Wenn die Zuschauer nicht zu Gottschalk kommen, kommt Gottschalk eben zu Plasberg. Und wenige Stunden zuvor war Plasberg Gast bei "Gottschalk live".

Der anstrengende Gottschalk

Das Problem: Gottschalk als Gast ist genauso anstrengend wie Gottschalk als Gastgeber. Im braun-gelb karierten Anzug und weit aufgeknöpftem weißen Hemd sitzt er da, die blonden Locken hängen ein wenig kraftlos herunter und auch das lockere Lächeln ist verschwunden. Noch vorhanden ist aber: der Rededrang. "Ich hatte schon immer 2012 als Ende angepeilt", sagt er. "Mein persönliches Glück hat nichts mit der Quote zu tun" und "Ich kann sehr gut loslassen, das tut überhaupt nicht weh".

Nachdem alles zu seiner Person raus ist, hat Gottschalk auch noch Zeit, was zum Thema der Sendung beizutragen. "Wir sind alle gefallsüchtig", sagt er, der gefallene Held, der weiß wovon er spricht. Dabei schaut er so traurig, dass sich die anderen Teilnehmer der Runde endlich auch einmal zu Wort trauen - um ihn zu trösten. "So alt ist er doch noch gar nicht, er ist ja erst 60 und nicht hundert", sagt Moderatorin Mirjam Weichselbraun. "Er ist einer der besten deutschen Moderatoren", sagt Sänger Ross Antony und fügt noch breit lächelnd hinzu: "Das finde ich schön".

Persönlichkeitsrechte und Playmobil

Antony findet ohnehin vieles schön, ganz besonders das Berühmtsein. Und weil er das so offen sagt und zeigt, ist er als narzisstischer Sündenbock eingeladen. Genüsslich spielt Plasberg vor, welche Facebook-Posts Antony an einem normalen Tag veröffentlicht ("Bin waaach!") oder wie der ehemalige Dschungelkönig sich äußerst ausführlich bei seinen Hochzeits-Vorbereitungen filmen lässt und dabei mit Playmobil-Figuren spielt. "Sie geben Persönlichkeitsrechte auf", sorgt sich Medienanwalt Ralf Höcker. "Das ist: Das Leben selber als Kunstwerk zu verkaufen", liefert Literatur-Kritiker Hellmuth Karasek direkt die hochgeistige Interpretation dazu, aber Antony schaut nur verwirrt, ein bisschen verärgert und nicht so, als verkaufe er Kunstwerke. "Der Job ist hart, ich bin oft sehr allein, da hilft mir Facebook", sagt Antony, "ich fühle mich dann umarmt". Klingt kitschig, er scheint es aber ehrlich zu meinen und wirkt dadurch außerordentlich sympathisch.

Das eigentliche Problem - das Internet

Karasek versucht es auch mit ein paar privaten Einblicken ("Wenn ich eine Wurst esse, ist das sehr intim"), Ralf Höcker erklärt kurz, wieso Prominente Angst vor schlechter Presse haben, dann ist auch schon alles gesagt, was es zum Berühmtsein zu sagen gibt. Zumal die Anzahl der Menschen, die das Problem betrifft, doch recht überschaubar bleibt. Damit die Sendung aber trotzdem noch einen Hauch Relevanz für den normalen Zuschauer vor dem TV bekommt, wechselt Plasberg das Thema. Plötzlich geht es nicht mehr um Prominenz, sondern um Mobbing. Eine Abiturientin erzählt, wie sie in der Schule mittels Internet fast in den Selbstmord getrieben wurde. Ihre Erzählung klingt furchtbar und es ist sicher richtig, über das Thema zu diskutieren - nur eben nicht in dieser Sendung. Denn was sollen vier mehr oder minder Prominente plus ein Anwalt dazu sagen? Sie entscheiden sich für Schweigen und betroffene Gesichter.

Gottschalk hat das letzte Wort

Hellmuth Karasek versucht es noch mit der begrenzt tröstlichen Anmerkung, dass es Mobbing immer schon gegeben habe, auch in der Literatur, Robert Musils "Törleß" sei da exemplarisch. Und Höcker zählt juristische Mittel auf, mithilfe derer man sich gegen Mobbing wehren kann. Sänger Antony piepst leise dazwischen: "Was ist, wenn man Angst hat?", aber die Bemerkung geht unter, die Sendezeit läuft ab und es muss doch noch Zeit sein für ein letztes Wort. Das gebührt, wie könnte es anders sein, der Hauptperson des Abends, Thomas Gottschalk. Er zwinkert in die Kamera, dann beugt er sich über den Tisch nach vorn und sagt eindringlich: "Ich möchte dem Publikum eine Sendung ans Herz legen: 'Gottschalk Live'!". Damit hat er dann schließlich doch noch die Frage des Abends geklärt: Offenbar ist zumindest er bereit, jeden erniedrigenden Preis zu zahlen für Quote, Ruhm - und freien Zugang zu Deutschlands Toiletten.


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