HOME

TV-Kritik zu Günther Jauch: Jauch stellt die 500.000-Euro-Frage

Nein, es ging bei Günther Jauch ausnahmsweise einmal nicht um eine Million, sondern lediglich um die "500.000-Euro-Frage". Die indes könnte den ersten Mann im Staat zu Fall bringen - und brachte Jauch die beste Diskussionsrunde seit seinem Talk-Antritt.

Von Christoph Forsthoff

So langsam scheint Günther Jauch die Moderation auf dem Talk-Königsplatz der ARD doch in den Griff zu bekommen - die gestrige Sendung war jedenfalls die mit Abstand stärkste seit seinem Beginn vor fast genau 100 Tagen. Und das keineswegs allein ob des aufgrund der Aktualität kurzfristig geänderten Themas mit der wunderbaren Zeile "Die 500.000-Euro-Frage - ist Christian Wulff noch der richtige Bundespräsident?"

Nein, diese Diskussion könnte durchaus wieder an jene "goldenen" TV-Zeiten anknüpfen, als die sonntägliche Polit-Talkshow einer "Sabine Christiansen" tags drauf Gesprächsthema im politischen Berlin war. Und das keineswegs nur ob der knallharten Diagnose von Nikolaus Blome: "Inzwischen ist der Bundespräsident einer auf Abruf", stellte der Leiter des Hauptstadtbüros der "Bild"-Zeitung kurz und präzis fest - über Wulffs Zukunft werde im Kanzleramt entschieden. Und sobald der Rückhalt im eigenen Lager schwinde …

Die Probleme des Herrn Altmaier

Klar, dass Peter Altmaier da gegenhalten musste. Und der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion tat auch sein Bestes, um den präsidialen Parteifreund zu stützen: "Wir müssen die Kirche im Dorf lassen", forderte der CDU-Mann. "Nach allem, was wir wissen, ist ihm juristisch kein Vorwurf zu machen", meinte er mit Blick auf den umstrittenen 500.000-Euro-Privatkredit von Unternehmerfreund Egon Geerkens an den damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Wulff - und dass es doch wohl nichts Unrechtes sei, sich von Freunden in den Urlaub einladen zu lassen. Zudem bemühe sich Wulff ja um eine Aufklärung der Vorwürfe, entsprechend genieße er nach wie vor einen großen Rückhalt in der Bevölkerung.

Und doch wurde der Zuschauer den Eindruck nicht los, dass es auch Altmaier zunehmend schwieriger fiel, argumentativ und mit harten Fakten Position zu beziehen gegen die immer neuen Vorwürfe einer Vorteilsnahme im Amt. Und das nicht allein ob der Frage, warum es ausgerechnet ein niedersächsischer Ministerpräsident (denn eben diesen Posten hatte Wulff in den betreffenden Jahren inne) mit einem Jahresgehalt von mehr als 100.000 Euro nötig hatte, sich von 2003 bis 2010 insgesamt sechs Mal zum Urlaub in die Ferienhäuser wohlhabender Freunde einladen zu lassen.

Hamm-Brücher fühlt sich an Weimarer Republik erinnert

Ein Bundespräsident müsse "kein besserer Mensch sein, aber er muss ein Vorbild sein", verlangte Hildegard Hamm-Brücher. Schließlich gehe es gerade in diesem Amt darum, Orientierung und Glaubwürdigkeit zu vermitteln - dass die "Grande Dame" der deutschen Politik hier Wulff nicht für den Richtigen hielt und hält ("Er war nie geeignet"), daraus hatte die ehemalige FDP-Politikerin schon bei seiner Wahl 2010 keinen Hehl gemacht, als sie als Wahlfrau der Grünen für seinen Kontrahenten Joachim Gauck stimmte. Dass Hamm-Brücher sich ob eben dieser fehlenden Integrität des Amtsinhabers und der nachlassenden Zustimmung in der Bevölkerung für unsere Demokratie an das Ende der Weimarer Republik erinnert fühlte, war eine ebenso gewagte wie interessante These, der indes von einer überraschenden "schwarz-grünen Diskussions-Koalition" aus Altmaier und der Grünen-Fraktionsvorsitzenden Renate Künast vehement widersprochen wurde.

Jauch hat in 100 Tagen einiges gelernt

Dass Jauch (auch) hier die Diskussion im Gegensatz zu manch vorheriger Sendung einfach mal laufen ließ - eben weil diese anregend war - zeugte von seiner Lernfähigkeit. So wie der 55-jährige Moderator umgekehrt an anderen Stellen die richtigen Nachfragen stellte, wenn es etwa um das politische Interesse der Regierungskoalition ging, diesen Bundespräsidenten im Amt zu halten, nachdem sein Vorgänger Horst Köhler völlig überraschend vorzeitig das Handtuch geschmissen hatte.

Oder einen ganz anderen, nachdenkenswerten Aspekt in die Diskussion einbrachte, als er Parallelen zu Ex-Kanzler Gerhard Schröder zog und die Frage stellte, ob Menschen "aus schwierigen Verhältnissen" verführbar für Glanz und Glamour seien? Und, Respekt, auch nicht davor zurückscheute, dem "Bild"-Journalisten auf den Zahn zu fühlen: Was denn dran sei an dem (schon länger kursierenden) Gerücht, die von dem Boulevard-Blatt aufgebrachten Urlaubsreisen-Vorwürfe seien nur der Auftakt zu einer bislang noch aus Achtung vor dem Amt zurückgehaltenen Geschichte über das frühere Leben der Präsidentengattin?

Pointierter Schlenker zum Schluss

"Das ist kompletter Quatsch", wiegelte Blome ab - und überhaupt hätte Wulff selbst all die Fragen und Vorwürfe "mit einer einzigen Erklärung" ausräumen können. Das allerdings sah Wolfgang Herles ganz anders: Frühere Bundespräsidenten hätten "politisch etwas vorzuweisen" gehabt, mit dem sie "kleine Flecken auf der Weste" ausgleichen konnten, meinte der ehemalige Leiter des ZDF-Studios in Bonn - solche Erfolge aber fehlten bei Wulff.

Dass Jauch nach so viel Kritik am Ende noch eine eigene Betrachtung anfügte, mag manchem CDU-Freund übel aufgestoßen sein - und doch war diese aus journalistischer Sicht absolut angebracht: Für den Fall eines Rücktritts stünden dem 52-jährigen Bundespräsidenten künftig bis ans Lebensende ein jährliches Salär von 200.000 Euro plus Sekretärin und Dienstwagen zu. Davon lässt sich dann bestimmt sogar privat noch so manche Urlaubsreise in ferne Länder finanzieren.