HOME

TV-Kritik zum "Polizeiruf 110": Dr. Psycho im Folterkeller

Der Rostocker "Polizeiruf" geht neue Wege. Die Folge "Liebeswahn" spielt mit Elementen des Horror- und Psychothrillers. Ein durchaus interessanter Film - leider mit Schwächen.

Von Carsten Heidböhmer

Was ist nur mit unserem Sonntagabendkrimi geschehen? Seit einiger Zeit entwickelt sich die gemächliche Tätersuche zu einem spannungsgeladenen Angriff auf das Nervenkostüm der Zuschauer. Ende Dezember hatte es der Kieler Ermittler Borowski mit einer psychopathischen Lügnerin zu tun. Anfang Januar dann der doppelte Schock: Zunächst musste Kommissar Steier - selbst schwer depressiv - in Frankfurt einen Mann stellen, der sein Jugendtrauma mit Morden auslebt. Anschließend wurde die Kölner Assistentin Franiszka einem Sexualstraftäter ausgesetzt, mit tödlichem Ausgang.

Und nun bekamen es die Rostocker "Polizeiruf"-Ermittler Bukow (Charly Hübner) und König (Anneke Kim Sarnau) mit einer Frau zu tun, die in ihrem Liebeswahn Menschen nachstellt und brutal ermordet. Beide sind so gerade noch mit dem Leben davon gekommen. Erneut: nichts für schwache Nerven.

"Was ist aus dem guten alten Kuschelsex geworden"

Es geht gleich brutal los: Wir steigen in einen dunklen Folterkeller hinab, ein Mann ist auf einem Stuhl gefesselt, eine vermummte Gestalt betritt den Raum - und schneidet ihm die Zunge ab. Schwer blutend kann er türmen, schafft es so gerade in ein Taxi, wo er dann verblutet. Wie Bukow und König herausfinden, handelt es sich um einen Lehrer, der spezielle sexuelle Vorlieben hatte: Er verkehrte in der BDSM-Szene. Die Recherchen verstören Katrin König, die entsetzt ausruft: "Was ist aus dem guten alten Kuschelsex geworden."

So richtig in Fahrt kommt der Fall zunächst jedoch nicht. Deutlich interessanter ist da die Nebenhandlung, die Affäre von Bukows Frau Vivian (Fanny Staffa). Während ihr Sohn beinahe an Atemnot stirbt, vergnügt sie sich im Hotel mit Volker Thiesler (Josef Heynert), einem Freund und Kollegen ihres Mannes. Die Szene ist großartig geschnitten: Im Wechsel sind der um sein Leben keuchende Junge und die vor Ekstase schnappatmende Vivian sehen, bis beide Szenen übereinander geblendet werden.

Alexander Bukow, der von den außerehelichen Eskapaden seiner Frau nichts ahnt, bringt seinen Sohn noch gerade rechtzeitig ins Krankenhaus, wo die attraktive Ärztin Clara Fischer (Alma Leiberg) Soforthilfe leistet - und sich auf den ersten Blick in Bukow verliebt. Doch leider entpuppt sich die Ärztin als schwere Psychopathin: Sie stellt ihm und seiner Frau nach, kommt schon bald hinter Vivians Affäre und plaudert dies in anonymen Mails an König aus. Auf die ist sie offenbar so eifersüchtig, dass sie ihr beim Joggen auflauert und mit einem Messerstich schwer verletzt.

Mehr Horrorthriller als Krimi

Der Rostocker "Polizeiruf", der sich bislang durch die Folgen-übergreifende Erzählweise ausgezeichnet hat und dessen Fälle bislang überwiegend mit der organisierten Kriminalität befassten, testet hier die Genregrenzen. Regisseur und Autor Thomas Stiller spielt mit Elementen des Horror- und Psychothrillers und setzt dafür auf typische Elemente wie flackerndes Licht, dunkle Kellerverließe und Folterszenarien. Das ist durchaus ansehnlich, krankt allerdings an der etwas unglaubwürdigen Geschichte. Zudem bekommt man als Zuschauer schnell eine Ahnung, wer der unbekannte Täter sein könnte. Oder die Täterin: Denn der Folterer aus der ersten Szene ist auch Bukows Stalkerin. Die Ärztin verliebt sich offenbar unsterblich in ihre Patienten. Dem fiel der SM-Lehrer zum Opfer - und um ein Haar auch Bukow.

Es geht zwar noch einmal gut aus. Doch ein Happy End will sich nicht einstellen. Am Ende kehrt Bukows Frau nach Hause zurück. Die Eheprobleme bleiben. Und der gemütliche Sonntagabend - der musste für die Zuschauer leider ausfallen. Doch trotz aller Schwächen: Der Mut zum Genre-Experiment ist dieser "Polizeiruf"-Folge hoch anzurechnen.