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TV-Preise in L.A. vergeben: Jane Lynch verleiht den Emmys Biss

Ausgerechnet eine bekennende Lesbe moderiert die beim erzkonservativen Sender Fox übertragene Emmy-Verleihung. Das Stammpublikum dürfte verschreckt sein, für alle anderen war es ein Vergnügen. Doch auch Fox konnte am Ende überraschen.

Von Ulrike von Bülow, New York

Jane Lynch ist blond und burschikos, eine Schauspielerin mit kurzen Haaren, die sich stets dazu bekannt hat, ein Faible für Frauen zu haben - und für Männerkleidung: Als Kind trug sie die Sportklamotten ihres Bruders, heute verkleidet Lynch sich gern wie Don Draper, sagt sie. Don Draper, der smarte Anzugträger aus "Mad Men", jener Fernsehserie, die sich um Werber dreht, die in den 60er Jahren auf der New Yorker Madison Avenue zu Hause sind.

"Mad Men" wurde in den vergangenen drei Jahren als Beste Serie Drama mit dem Emmy ausgezeichnet, dem Oscar der amerikanischen Fernsehbranche. An diesem Sonntag wollen die Herren ihren Titel verteidigen - bei der 63. Emmy-Verleihung, die um kurz nach 17 Uhr Ortszeit im Nokia Theatre in Los Angeles beginnt. Mit Jane Lynch als Gastgeberin, die, Tusch!, heute ausnahmsweise ein Kleid trägt, das an Alufolie erinnert: Es funkelt silbern. Lynch zeigt hübsch Dekolleté und streckt ihre rechte Hand aus, die Finger geformt wie eine Pistole: "Hey", sagt sie und zwinkert Jon Hamm zu, dem Darsteller des Don Draper, der in der ersten Reihe sitzt und die Pistolengeste zurückgibt. "Auch Katie Holmes ist im Publikum", sagt Lynch dann, sie meint die Gattin von Tom Cruise. "Ich würde gern etwas Lustiges über sie sagen. Aber ich habe Angst vor ihrem Ehemann." Großes Gelächter.

"Wie Sie sicher wissen, ziehen wir ein Mädchen groß"

Es wird eine unterhaltsame Preisverleihung, bei der sie den Ton angibt. Jane Lynch ist eine der Geschichten der diesjährigen Emmy-Ausgabe, die in den USA ausgerechnet von Fox übertragen wird, jenem erzkonservativen und für halbwegs liberale Menschen nur schwer erträglichen Sender von Rupert Murdoch. Bei Fox wird höchstens schlecht über gleichgeschlechtliche Liebe geredet, auch wenn Lynch dort zu Ruhm gekommen ist. Sie gewann 2010 einen Emmy und 2011 einen Golden Globe - für ihre Rolle in der Serie "Glee", die bei Fox läuft und in der Lynch eine etwas biestige Cheerleader-Trainerin mimt.

Nun aber steht Jane Lynch auf der Emmy-Bühne und erinnert zur besten Sendezeit daran, "dass ich eine Lesbe bin". Und dass sie seit einem Jahr verheiratet ist - mit der Psychologin Lara Embry, die eine Tochter mit in die Ehe brachte: "Wie Sie sicher wissen, ziehen wir ein Mädchen groß", so Lynch. Grinsend. Die Verleihung ist noch keine fünf Minuten alt, da ist schon klar, wer zu ihren Gewinnern zählt: Die Moderatorin, die das Fox-Publikum aufklärt. Sehr charmant.

Lynch ist auch diesmal nominiert, für "Glee", Kategorie "Beste Nebendarstellerin in einer Comedy-Serie" - doch der Preis geht an Julie Bowen aus der Reihe "Modern Family", die bei ABC läuft. Und von der sie bei Fox vermutlich eher ungern Szenen zeigen, denn bei der modernen Familie handelt es sich um einen alten Vater (der mit einer viel jüngeren Frau verheiratet ist) und dessen Sohn und Tochter: Während die Tochter klassisch auf Familie macht, lebt der Sohn mit seinem Partner zusammen und die Männer adoptieren ein Baby.

Charlie Sheen präsentiert seine "ehemalige Kategorie"

"Modern Family" ist für 17 Preise vorgeschlagen - und räumt im Bereich "Comedy" ab. Dem Preis für die beste weibliche Nebenrolle folgt der für die beste männliche Nebenrolle (für Ty Burrell) und dann der für die beste Regie (für Michael Alan Spieler). Und dann der für das beste Drehbuch - der geht an die Autoren Steve Levitan und Jeffrey Richman; letzterer dankt "meinem Lebensgefährten für sein Lachen". Spätestens da schaltet der klassische Fox-Zuschauer wahrscheinlich ab. Doch egal, es geht munter weiter: "Willkommen bei der 'Modern Family'-Preisverleihung", sagt Jane Lynch nach einer Werbeunterbrechung - aber dann gewinnen doch auch noch andere einen Emmy.

Es erscheint Charlie Sheen auf der Bühne, ein von Kokain und Prostituierten gebeutelter Ex-Serien-Superstar, der einen schlecht sitzenden Anzug trägt und "in meiner ehemaligen Kategorie" einen Preis vergeben darf, wie er sagt: "Bester Schauspieler in einer Comedy-Serie." Der geht nun an Jim Parsons aus der Reihe "The Big Band Theory", bei der es um zwei Physiker, ihre Theorien und eine Blondine geht. Es folgt der Preis für die "Beste Schauspielerin in einer Comedy-Serie", den Melissa McCarthy gewinnt, die Voluminöse aus dem Kinofilm "Brautalarm", die im US-Fernsehen in der Serie "Mike & Molly" auffiel - als Abnehmwillige. Dann geht die Emmy-Verleihung langsam in Richtung Drama über. Und nun taucht Jane Lynch in einem schwarzen Anzug auf, der Don Draper und den "Mad Men" nicht besser gestanden hätte - inklusive der schwarzumrandeten Brille, die Lynch jetzt auf der Nase trägt. Sie überlegt, was auf ihrer "gay agenda" steht, so Lynch; sie holt einen Notizzettel heraus: "Ach, ich muss noch die Reifen von unserem Pick-Up wechseln", sagt sie. Haha!

Dann könnten die "Mad Men" zum Zuge kommen, die an diesem Abend für 19 Emmys nominiert sind; Rekord. Doch dann gewinnt Martin Scorsese den Preis für die Beste Regie in einem Drama - für "Boardwalk Empire", jene fabelhafte Gangster-Serie, die im Atlantic City der Prohibitionszeit spielt. Und dann geht die Kategorie Bester Schauspieler Drama nicht an Jon Hamm, also Don Draper, sondern an Kyle Chandler, den Hauptdarsteller von "Friday Night Lights", einer Serie, die um das Football-Team einer High School kreist. Und plötzlich gucken die "Mad Men" ziemlich sparsam. Bis es heißt, dass sie den Königpreis gewinnen - "Beste Serie Drama", zum vierten Mal in Folge! "Wahnsinn, damit hatte ich nicht mehr gerechnet" spricht Matthew Weiner, der Erfinder der Serie, als er auf der Bühne ein paar Dankesworte sagen soll.

Fox setzt Alec-Baldwin-Clip ab

Und dann endet die 63. Emmy-Verleihung, wie sie begonnen hat: Mit einem Preis für "Modern Family", Königskategorie Nummer zwei - Beste Serie Comedy. Und dann wird bekannt, dass ein Beitrag des Abends gar nicht zu sehen war: Fox, heißt es, habe einen aufgezeichneten Beitrag aus der Verleihung streichen lassen, in dem Alec Baldwin sich als fiktiver Präsident einer Fernsehakademie besorgt ist, dass jemand sein Gespräch mithöre; wie bei News Corp, dem Chefkonzern von Fox, der ja ein paar Probleme in Sachen abgehörte Telefonate hat.

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