HOME

Stern Logo Der TV-Tipp des Tages

TV-Tipps des Tages für den 19.2.: Jungskram, Mädchenkram

Ein zehnjähriges Mädchen schlüpft nach ihrem Umzug in die Rolle eines Jungen. "Tomboy" ist eine amüsante und berührende Suche nach der eigenen Identität - und unser TV-Tipp des Tages.

Die große Schwester wäre lieber ein Bruder: Laure (Zoé Héran) lässt sich von ihrer kleinen Schwester Jeanne (Malonn Lévana) die Haare kurz schneiden

Die große Schwester wäre lieber ein Bruder: Laure (Zoé Héran) lässt sich von ihrer kleinen Schwester Jeanne (Malonn Lévana) die Haare kurz schneiden

"Tomboy" ab 20.15 Uhr, arte
SPIELFILM Ich weiß nicht mehr, was ich damals im Kindergarten ausgefressen hatte - aber meine Strafe ist mir im Gedächtnis geblieben: Der kleine Jens wurde für eine Stunde in die Puppenecke verbannt. Da saß ich nun, umgeben von rosaroten Rüschröcken, Miniaturteetassen, und fragte mich für einen kurzen Moment, was daran eigentlich so schlimm sein sollte. Doch mein Zweifel währte nur kurz: Wenn mich meine Kindergärtnerin auf diese Weise bestrafen wollte, musste es wohl eine schlimme Sache sein, als Junge in der Puppenecke zu sitzen. Und plötzlich wollte ich nur noch weg - und mit den anderen Jungs kicken. Obwohl ich Fußball gar nicht so sehr mochte.

Was ein Mädchen tut und was nicht, was für einen Jungen okay ist und was nicht, wird uns von Kindesbeinen antrainiert. Aus alten Kinderliedern, aus Spielzeug, aus beiläufigen Kommentaren von Freunden und Verwandten lernen wir: Jungen raufen sich und lieben Fußball, Mädchen spielen mit Puppen. Jungs mögen Blau, Mädchen stehen auf Rosa. Die Erwartungshaltung ist groß und für alle, die in dieses Schema passen, ist es vielleicht gar nicht so schlecht. Bietet ein vorgefertigter Rahmen nicht auch Stabilität und Sicherheit?

Doch für die zehnjährige Laure in Céline Sciammas Film "Tomboy" ist eben dieser Rahmen ein Korsett. Laure kleidet sich lieber wie die Jungs, spielt Fußball und kann mit Kleidern nichts anfangen. Als ihre Familie umzieht und sie neue Freunde kennenlernt, nutzt sie ihre Chance, ein "echter Junge" zu werden: Das Mädchen mit den kurzen Haaren stellt sich der Gruppe als Michael vor - und tut fortan alles, um die Scharade nicht auffliegen zu lassen. Doch das Ende der Sommerferien naht mit großen Schritten - und spätestens mit dem Beginn des neuen Schuljahres muss der Schwindel auffallen.

Filme, die sich mit Genderfragen beschäftigen, sind oft leider wahnsinnig moralinbeladen. Sie wissen, dass sie ein wichtiges Thema anschneiden und ersticken dabei an ihrer eigenen Schwere. Gerade deswegen ist "Tomboy" so empfehlenswert: Sciamma gelingt es, das Thema so leichtfüßig wie selten zu erzählen, ohne einfache Lösungen aufzuzeigen oder in die Bedeutungslosigkeit abzugleiten. Und die junge Zoé Héran als Laure/Michael ist einfach eine Wucht!

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor bei stern.de


Und das ist an diesem Tag noch sehenswert:

"Weiter als der Ozean"
20.15 Uhr, ARD
DRAMA Ein Bettnässer, ein Schläger, eine Ausreißerin. Therapeutin Judith (Rosalie Thomass) weiß, dass sie die Sorgen ihrer kleinen Patienten nicht mit nach Haus nehmen darf. Umso heftiger schmerzt es, dass in der neuen Berliner Wohnung abends niemand auf sie wartet. Ihr Freund Christian hat einen Rückzieher gemacht. Am Wochenende verschreibt sich Judith Abstand von allem und reist an die Ostsee. Da hat ein verirrter Buckelwal auch gerade die Orientierung verloren… Spätestens wenn Judith ihrer ältesten Patientin leise "Kackbratze" hinterherflucht, ist sie einem ans Herz gewachsen. Ernstes Thema, mit sicherer Hand und wohltuendem Weitblick in Szene gesetzt. (bis 21.45)

"Geheimer Krieg"
21.00 Uhr, Phoenix

DOKU Im Jemen, in Pakistan und in Afrika töten US-Drohnen Verdächtige aus der Luft. John Goetz und Christian Fuchs berichten u. a. vom "Africa Commando" in Stuttgart, das solche Drohneneinsätze organisiert. Seit Obamas Amtsantritt fanden durch sie etwa 5000 Menschen den Tod. (bis 21.45)

Themen in diesem Artikel
Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo