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Von der ARD zu Sat1: Ist Pocher der bessere Schmidt?

Ein letztes Mal ist Oliver Pocher heute Abend an der Seite von Harald Schmidt in der ARD zu sehen. Danach bekommt er seine eigene Late-Night-Show bei Sat1. Er traut sich alles zu. Aber was kann Pocher wirklich?

Von Johannes Gernert

Er hat diese Momente. Als sich bei der Verleihung des Echo im Februar die gesamte deutsche Musikindustrie feierte, moderierte Oliver Pocher den ARD-Abend. Zwischendurch stand auch der ehemalige Topmodel-Coach Bruce Darnell auf der Bühne und machte der Schlagersängerin Helene Fischer auf unglaublich peinliche Weise endlos lange seltsame Komplimente. Fischer schockgefror das Lächeln im Gesicht. Pocher reagierte kurz darauf geistesgegenwärtig. Wenn die Zuschauer sich noch fragen würden, warum Darnell keine Show mehr in der ARD habe: "Den Grund kennen sie jetzt."

Für manche war diese kurze, bissige Bemerkung der Höhepunkt des sonst eher lauen Abends. Das kann Pocher: Sagen, was alle anderen denken, sich aber nicht laut zu sagen trauen. Er sagt es dann extra laut. Und wenn die Ironie stimmt, sind es seine stärksten Momente. Diese Schlagfertigkeit hat ihn weit gebracht, vom öffentlichen Casting einer Nachmittagstalkshow ins Programm des Musiksenders Viva, von da zu ProSieben und schließlich neben Harald Schmidt in die ARD. Einige ARD-Obere wollten ihn nicht gehen lassen. Er hat die Quote in der Zielgruppe der gefragten 14- bis 49-Jährigen sicher um ein, zwei Punkte nach oben getrieben. Das ist viel im öffentlich-rechtlichen Universum. Aber Pocher hat sich für Sat1 entschieden. Man hat ihm dort ausreichend Geld, einen langfristigen Vertrag und eine wöchentliche Late-Night-Show angeboten. Die Frage wird jetzt sein: Was kann so einer alleine ausrichten?

Seine Liga: Die Bekanntesten im Showgeschäft

Anfang März dieses Jahres tritt Oliver Pocher in der Berliner O2-World auf, eine riesige neue Halle, sie ist relativ voll. Eine DVD soll aufgezeichnet werden. Ein Einpeitscher bittet die Leute, auf einen Beat "Pocher" zu skandieren. Bevor es losgeht, kommt Oliver Pocher selbst noch einmal auf die Bühne. "Es ist der absolut wahnsinnigste Auftritt, den ich je gehabt habe", sagt er. Im Publikum sitzen seine Eltern, seine Schwester, seine Freundin. In den nächsten Stunden werden ihn der Berliner Rapper Bushido, die Moderatoren Günther Jauch, Johannes B. Kerner und einige Comedians auf der Bühne unterstützen. Das ist jetzt seine Liga: Die bekanntesten Gesichter des TV-Showgeschäfts.

Mit einem Boxermantel über dem Anzug, hinter ihm einige Comedy-Gürtel-Träger, zieht er in die Halle ein. Er schwingt die Fäuste. Er will es den Leuten heute zeigen. Nach ein paar Begrüßungssätzen geht er gleich ins Publikum. Opfer suchen. Schwächen ausmachen und dann blitzschnell verbal zuschlagen. Er findet auch sofort einen, ein Azubi, der sagt, er sei krank geschrieben, weil ihm 1,5 Tonnen auf den Nacken gefallen sind. 1,5 Tonnen? Pocher macht das zum Running Gag des Abends. Ein wenig inspirierter Anfang. Es wird dann nicht besser, als die Freundin einer Zuschauerin, die er anruft, um sie spontan in die Halle einzuladen, nicht wirklich Lust hat zu kommen. Er muss sie am Ende fast bitten. Es ist eine blöde Situation. Vielleicht ist er doch nicht so weit, wie er dachte.

Es zeigt sich, was er nicht kann

Nach knapp zwei Stunden ist Pause. Danach ist die Halle leerer. Einige Zuschauer sind nicht mehr zurückgekommen. Der Anfangsapplaus für den zweiten Teil ist ziemlich kurz. Pocher steht da, mit ausgestreckten Armen und sieht aus, wie einer, der den Jubel gern länger genossen hätte. Es zeigt sich an diesem Abend auch recht deutlich, was er alles nicht kann. Er ist kein guter Stand-Up-Comedian.

Er arbeitet ohne Pointen oder mit welchen, die so schwach sind, dass sie kaum auffallen. Er hat keine besonders frischen Ideen. Radiomoderatoren wegen ihrer chronischen Guten-Morgen-Laune als "Morgen Michi" und "Crazy Claudia" zu imitieren, war schon vor fünf Jahren kaum mehr lustig.

Das Programm wird nicht origineller dadurch, dass Pocher dicke Frauen in regelmäßigen Abständen als "fette Tonnen" bezeichnet und schon gar nicht dadurch, dass er völlig ungerührt fremdenfeindliche Ressentiments bedient. "Was wäre Berlin ohne unsere Türken? Leerer, klar. Sicherer, sauberer, aufgeräumter. Nee, sie sind wirklich toll." Riesenapplaus im Saal. Bei Sat1 dürfte er für solche Bemerkungen weniger Ärger kriegen als von den ARD-Aufsichtsräten.

Reagieren statt agieren

Man sollte ihn nicht unbedingt alleine lassen. Er braucht Situationen, am besten peinliche. Er ist einer, der besser reagiert als agiert. Wenn er für "Schmidt und Pocher" nach draußen ging, konnte er sich solche Situationen schaffen. In einer der letzten Sendungen war er als Uri-Geller-Nachfolger unterwegs, eine ordentliche Mischung aus Parodie und Provokation. Im Grunde hat er sich da nicht weiterentwickelt. Mit solchen Späßen ist er auf Viva bekannt geworden, seine ProSieben-Show "Rent a Pocher" lebte davon, dass er raus ging, etwas erlebte und das kommentierte.

Ein TV-Kollege hatte einmal ganz ähnlich angefangen. Stefan Raab war erst bei Viva und schließlich bei ProSieben, wo seine Sendung "TV Total" gerade erst zehnjähriges Jubiläum gefeiert hat. Mit den Straßen-Blödeleien und seinen "Raabigrammen", in denen er Prominente singend vorführte, hat er irgendwann aufgehört. Die Leute nähmen einem das ab einem bestimmten Bekanntheitsgrad auch übel, hat er kürzlich der "FAS" gesagt. Raab hat sich als Musikförderer profiliert und Show-Ideen wie "Schlag den Raab" entwickelt, die sich ins Ausland verkaufen. Er war auf die Blödel-Beleidigungen nicht mehr angewiesen.

Er moderiert nicht, er lauert

Bei Oliver Pocher ist nicht ganz klar, was ihn außer seiner Schlagfertigkeit und dem unbedingten Willen berühmt zu werden und zu bleiben noch auszeichnet. Man kann eine Sat1-Show nicht so gut mit eineinhalb Stunden improvisierten Straßen-Sketchen füllen. Es müsste dazwischen schon etwas anderes passieren. Aber was?

Er ist kein besonders guter Moderator, er hört nicht richtig zu, dafür sind ihm die schnellen Gags zu wichtig. Er lauert darauf, dass sich etwas verdrehen, verfremden, verwerten lässt. Vielleicht wäre er selbst neben einem Jauch bei RTL besser aufgehoben gewesen als alleine bei Sat1. Zumindest muss er jetzt mehr liefern als gelungene Podolski-Parodien und spontanes Geblödel. An der späten Nacht in Sat1 sind schon große Hoffnungen wie Anke Engelke gescheitert.

Am Mittwochabend, die Nachricht von seiner Sat1-Verpflichtung ist noch frisch, sitzt Oliver Pocher bei Johannes B. Kerner. Pocher sieht etwas bleich aus wie immer, aber auch ein bisschen müde. Er macht sich über den üblichen Unfug lustig, der so im Fernsehen läuft. Topmodels, Heidi Klum, Mario Barth - und Johannes B. Kerner, der seine aktuelle Sendung mit einer Aufklärungskampagne gegen Abzocke an Bankautomaten begonnen hat. "Du wirst dich noch wundern", sagt Kerner.