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"ZDF Magazin Royale" Ist Markus Söder wirklich der sexieste Politiker? Mit diesem Thema legt Böhmerman nach dem Kliemann-Skandal nach

Ist Markus Söder wirklich der attraktivste Politiker? Jan Böhmermann beschäftigte sich im "ZDF Magazin Royale" mit Meinungsforschung
Ist Markus Söder wirklich der attraktivste Politiker? Jan Böhmermann beschäftigte sich im "ZDF Magazin Royale" mit Meinungsforschung
© ZDF
Dieses Mal grillte Jan Böhmermann keine Einzelperson wie Fynn Kliemann, sondern gleich eine ganze Branche: Wie seriös sind Umfragen von bekannten Meinungsforschungsinsitute wie Insa, Forsa und Civey? Markus Söders Füße wurden unverhofft zu Kronzeugen der Anklage.
Von Simone Deckner

Die Erwartungshaltung vor der neuen Folge "ZDF Magazin Royale": doch eher gedimmt. Noch zu laut hallte die Maskendeal-Enthüllungsgeschichte um Musiker und Influencer Fynn Kliemann nach, als dass man nur acht Tage später eine Recherche mit ähnlichem Wumms hätte erwarten können. Warum auch? Überzeugende Investigativrecherchen wie diese brauchen Zeit, viel Zeit.

Die braucht übrigens auch der in Erklärungsnot befindliche Kliemann, wie er in einem Post am 10. Mai ungewohnt knapp in Textform verkündete: "Ich verspreche euch, ich kann und will antworten. Aber ich brauche Zeit, bis ich Klarheit über die Details habe".

Die Macht der Institute

Stichwort Details: "An welchen Wochentagen haben sie am häufigsten Sex?" wollte Jan Böhmermann von seinem Publikum wissen. Nicht, weil er plötzlich die innere Erika Berger in sich befreien wollte, Böhmi verband damit schlicht Praxis und Theorie. Seine Gäste im Studio hatten Geräte namens "Abstimmonauten" in der Hand. Sie konnten damit direkt ihre Meinung kundtun, denn: Diese Ausgabe des "ZDF Magazin Royale" drehte sich schwerpunktmäßig um die Macht von Meinungsforschungsinstituten beziehungsweise um die spannende Frage, wie (un)seriös Umfragen sein können – auch jene bekannter Institute.

"Insa, Forsa und Civey – das klingt so ein bisschen wie sexy Kandidatinnen von 'Love Island', es sind aber sexy Meinungsforschungsinstitute", so Böhmermann. Die Branche boome. "Noch nie gab es so viele Umfragen wie jetzt, über deren Ergebnisse immer mehr berichtet wird", erklärte der Moderator. Trotzdem müsse man sich fragen: "Was war eigentlich zuerst da? Die Meinung oder die Meinungsforschung? Die Henne oder das Ei?"

Ist Markus Söder wirklich "Deutschlands attraktivster Politiker"?

Und wer wird wo und wie genau befragt? In welcher Größenordnung? Mit welchem Endgerät? Festnetz ist not dead, zumindest in der Meinungsbranche. Zu theoretisch? Böhmermann wählte ein Beispiel mitten aus dem Leben: So sei Markus Söder laut einer Online-Umfrage "Deutschlands attraktivster Politiker". Erstauntes Gelächter im Publikum. Es mache halt einen Unterschied, welche Menschen man auf welche Seite diese Frage stelle, so Böhmermann. Bei "WikiFeet", einer Seite, auf der Fußfetischisten Screenshots von Promifüßen posten, habe der bayerische Ministerpräsident etwa nur 13 Einträge. Dann wandte sich Böhmermann an sein Publikum: "Wer von ihnen würde mit Markus Söders Füßen gern mal Zehenzuzeln machen?" 82,6 Prozent verneinten. Böhmi: "Oh Gott! Erschreckende 17,4 Prozent spüren sexuell überhaupt nichts mehr."

Zuvor hatte er schon behauptet: "100 Prozent der Bayerischen Wählerschaft hätte diese Füße gerne mal im Mund!" Man könne darüber lachen oder sich ekeln, aber "solche Umfragen sind im Grunde genommen nicht viel unseriöser als das, was die richtigen Meinungforschungsinstitute so den ganzen Tag machen." Das Problem: Die "vermeintlich wissenschaftlichen Ergebnisse" würden von den Medien vielfach als Wahrheit verbreitet. Böhmermann: "Meinungsforschnung misst keine Meinung, sie misst eine Laune und die kann sich 30 Mal am Tag ändern."

Zweifel an Überparteilichkeit

Und wer recherchiert denn persönlich nach, wo das Chef-Personal der Meinungsforschungsinstitute eigentlich politisch verortet ist? Wie unabhängig etwa mag Forsa-Chef Manfred Güllner sein, der SPD-Mitglied und ehemaliger Berater von Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder ist? Wie unparteiisch ist ein Hermann Binkert, Ex-CDU-Politiker und Chef von Insa, der schon Geld für die AfD gespendet hat? Zur Erinnerung: Mit Insa-Umfragen machte die "Bild"-Zeitung vor der letzten Bundestagswahl als Medienpartner reichlich Stimmung gegen Annalena Baerbock: "49,8 Prozent haben Angst vor einer grünen Kanzlerin", so ein damaliges Umfrageergebnis. Von Österreichs Ex-Kanzler Sebastian Kurz und seinen gekauften Umfrageergebnissen gar nicht zu reden.

Diese Infos sind zwar nicht neu, aber es ist gut und wichtig, dass Böhmermann daran erinnert, dass man stets hinter die Schlagzeile und stattdessen genauer auf die Auftraggeber und deren Umfeld schauen sollte. Sein trockener Kommentar: "In Wahrheit sind viele Meinungsumfragen genauso präzise wie Vollplayback-Performances von Mireille Mathieu."

Suggestivfragen liefern erwünschte Antworten

Den Beweis dafür lieferte er direkt nach: Sein Publikum sollte die Frage beantworten, ob "eine pointendichte Qualitätssendung wie die Grimme-prämierte 'heute-show' ihren Sendeplatz behalten soll?" Fast 50 Prozent der Studiogäste bejahten dies. Dann formuliert Böhmermann die Frage einfach um: "Sollte die sterbenslangweilige und schlecht resdesignte Kaka-Pippi-Pfui-Teufel- 'heute-show' mit dem doofen Olli Welke wirklich den besseren Sendeplatz haben als das fantastische ZDF Magazin Royale?' Das gar nicht mal so überraschende  Ergebnis: Jetzt waren nur noch 25,4 Prozent der Umfrageteilnehmer dafür. Böhmermann: "Suggestivfragen sind ganz normal in der Meinungsforschung."

Man könne sich "so ziemlich jede Meinung herbei ziehen, die man haben möchten", so Böhmermann. Diese Erkenntnis ist nicht wirklich neu. "Ich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe" soll ja schon Winston Churchill gesagt haben. Doch gerade vor anstehenden Wahlen und medial stark verbreiteten Beliebtheitsrankings von Politikern kann man gar nicht oft genug daran erinnert werden, sich nicht all zu gutgläubig von hübschen Balken- oder Tortendiagrammen beeinflussen zu lassen. Sondern selbst den Kopf anzustellen.

P.S.: Am häufigsten Sex haben die "ZDF Magazin Royale"-Zuschauer an Samstagen. Das können Sie nun glauben – oder auch nicht.


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