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TV-Kritik

ZDF-Vierteiler "Deutscher": Fernsehen mit dem Holzhammer: Wenn Rechtspopulisten die Macht übernehmen

Tolle Idee, leider sehr pädagogisch umgesetzt: Die ZDF-Vierteiler "Deutscher" zeigt, wie sich die Machtübernahme von Rechtspopulisten auf das tägliche Leben und die persönlichen Beziehungen auswirkt.

ZDF-Serie "Deutscher"

Der ZDF-Vierteiler "Deutscher" entwirft eine Dystopie: Eine rechtspopulistische Regierung übernimmt die Macht und verändert das Land. Das spaltet die Gesellschaft. Der Riss geht durch befreundete Familien und Nachbarschaften.

ZDF

Die Serie beginnt in einer gepflegten deutschen Vorstadt: Wir sehen zwei Häuser, in denen zwei typische Klein-Familien wohnen: Vater, Mutter und ein Sohn. Die perfekte Idylle, so scheint es. Im Radio informiert der Nachrichtensprecher über den bevorstehenden Wahlsonntag - der erste Hinweis auf drohendes Ungemach.

Denn bei der Bundestagswahl wird eine rechtspopulistische Partei mit absoluter Mehrheit gewinnen und das Land in eine neue Richtung bewegen. Was genau sich ändert, das zeigt "Deutscher" nicht. Der ZDF-Vierteiler bleibt die ganze Zeit in der Kleinstadt - und erzählt davon, wie die Entscheidungen im fernen Berlin das Leben der Menschen im Land verändern. 

"Deutscher" zeigt die Auswirkungen der neuen Politik

Die Auswirkungen sind schon bald zu spüren: Auf dem Schulhof steigen die Spannungen zwischen Biodeutschen und Schülern mit Migrationshintergrund. Fremdländisch aussehende Menschen werden offen diskriminiert - am Arbeitsplatz, auf der Straße und bei der Verkehrskontrolle. Es kommt sogar zu offener Gewalt gegen Zuwanderer. Die Polizei zeigt bestenfalls halbherziges Interesse an der Aufklärung dieser Verbrechen.

Widerstand dagegen gibt es fast keinen: Das liberale Bürgertum knickt ein oder erweist sich als zu schwach, dem neuen Wind etwas entgegenzusetzen. 

Und mitten drin stehen die eingangs eingeführten zwei Familien, die für die zwei Lager in der geteilten Gesellschaft stehen: Zum einen die Scheiders, typische Linksliberale: Er Lehrer (Felix Knopp), sie Apothekerin (Meike Droste), und Sohn David (Paul Sundheim) hat eine türkischstämmige Freundin.

Die patriotischen Nachbarn grillen ständig

Ganz anders ihre Nachbarn, die Pielckes: Vater Frank (Thorsten Merten) selbständiger Klempner, Mutter Ulrike (Milena Dreißig) ist Hausfrau und Sohn Marvin (Johannes Geller) hängt lieber mit Jungs in der Muckibude rum. In ihrer Freizeit grillen die Pielckes am liebsten. Natürlich begrüßen sie die neue Regierung.

Ja, so holzschnittartig erzählt der Vierteiler (Buch: Stefan Rogall) tatsächlich. Wer auf der richtigen, wer auf der falschen Seite steht, ist von vornherein klar und wird einem an jeder Stelle überdeutlich aufgezeigt. Ambivalente Charaktere sind hier Mangelware. Tatsächlich erinnert "Deutscher" an Lehrstücke und Schullektüren der 70er und 80er Jahre, als den Schülern mit dem Holzhammer vermittelt wurde, was gut und was böse ist. Das hat damals schon nicht richtig funktioniert, im Jahr 2020 wirkt der Ansatz gestrig und verstaubt. 

Eine andere Republik

Und doch ist eine Serie wie "Deutscher" wichtig und hat seine Berechtigung. Denn das Thema ist leider nach wie vor aktuell: Die Geschichte verdeutlicht, dass wir es mit der Machtübernahme einer Gruppierung wie der AfD nicht einfach nur mit einem gewöhnlichen Regierungswechsel von der einen Partei zur anderen zu tun hätten, die eine anders akzentuierte Politik betreibt. Wir bekämen eine komplett andere Republik - mit Folgen, die tief ins Privatleben der Menschen hineinreichen. 

Glücklicherweise blendet der Vierteiler die politische Ebene komplett aus. Wir erfahren nichts über den Wahlkampf, die neuen Gesetze und das politische Personal. Die politische Sphäre wird nur gelegentlich, wo nötig, über die Radionachrichten einbezogen. Es geht hier ausschließlich um die persönliche Ebene. Um Freundschaften, die zerbrechen. Arbeitsverhältnisse, die beendet werden. Und um Ehepartner, die plötzlich einander nicht mehr vertrauen. 

Das schleichende Gift des Hasses

Bei aller Kritik an der offensichtlichen Pädagogik der Konstellation: Die Szenen, in denen "Deutscher" zeigt, wie das schleichende Gift des Hasses und des Rassismus langsam in die Gesellschaft einsickert und alle persönlichen Beziehungen vergiftet, sind großartig. 

Vor allem ist die Grundaussage leider aktueller denn je. Denn gegenwärtig steuern wir auf wirtschaftlich instabile Zeiten zu. Und wenn Corona irgendwann überstanden ist, lauern die Gegner der freien Gesellschaft nur darauf, aus der Krise Kapital zu schlagen. "Deutscher" hilft immerhin dabei, wachsam zu bleiben. 

ZDFneo zeigt die vier Teile von "Deutscher" an zwei Abenden: am Dienstag, 28. April, und Mittwoch, 29. April, jeweils ab 20.15 Uhr. Alle vier Folgen stehen bereits jetzt in der ZDF-Mediathek zum Abruf bereit.