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ZDF-Trauerspiel auf Usedom: Morgens Fußpflege, abends Fußball

Während die ARD zur EM direkt aus den Stadien berichtet, macht das ZDF die Fußball-Berichterstattung am Strand von Usedom zu einem Rentner-Spektakel mit "Fernsehgarten"-Atmosphäre. Was soll das?

Von Katharina Miklis

Eigentlich wollten sie nur Urlaub machen. Doch mit dem Start der EM sind die urlaubenden Rentner von Usedom plötzlich zu den Protagonisten des nervigsten TV-Spektakels dieser EM geworden: dem ZDF-Fußballstrand an der deutsch-polnischen Grenze. Alle zwei Tage lassen Katrin Müller-Hohenstein und Oliver Kahn hier Reinhold Beckmann und Mehmet Scholl schmerzlich vermissen und machen auf Sommer-"Wetten, dass ..?" auf Usedom. Nur ohne Thomas Gottschalk. Und ohne Sommer. Und fast ohne Zuschauer.

Die Fußball-EM im ZDF erinnert in diesem Jahr an einen öden Mallorca-Urlaub in der Nebensaison: Nur eine überschaubare Anzahl von Rentnern verläuft sich in das Open-Air-Studio am Ostseestrand. Vermutlich, weil sie in dieser Kulisse den "ZDF Fernsehgarten" vermuteten. Denn genau so sieht das EM-Studio des ZDF am Heringsdorfer Strand aus: wie eine Bühne für Andrea Kiewels buntes Gute-Laune-Spektakel. Mit Fußball hat das ganze wenig zu tun. Mit guter Laune allerdings auch nicht.

Während Reinhold Beckmann und Mehmet Scholl für die ARD direkt aus den beteiligten Stadien in Polen oder der Ukraine berichten und mittendrin sind in der Europameisterschaft 2012, bei den Fans, bei den Spielern, hat sich das ZDF weit weg im beschaulichen Rentnerparadies Usedom niedergelassen. Aber warum nur?

Wie ein Nachmittagstee für Senioren

Schon vor vier Jahren verlegte das ZDF die EM-Berichterstattung auf die Seebühne in Bregenz. Vor der Kulisse der Puccini-Oper "Tosca" am Bregenzer See berichteten Johannes B. Kerner, Jürgen Klopp und Urs Meier damals von den Spielen. Das kam gut an. Daher sollte auch in diesem Jahr die Berichterstattung Event-Charakter bekommen. Am akkurat gepflügten Strand von Usedom mutet die EM-Berichterstattung jedoch einem Nachmittagstee für Senioren an - mit einer bemühten Altenpflegerin Müller-Hohenstein und einem Experten Kahn, der in der Plastikkulisse für so viel gute Laune sorgt, als würde er am Strand Gebühren für die Strandkörbe eintreiben.

Warum das ZDF mit seinem EM-Studio ausgerechnet auf Usedom gelandet ist, erklärt ein Sprecher gegenüber stern.de damit, dass man sich ein Publikum gewünscht habe, das Deutsch verstehe. Schließlich werden auch etliche andere ZDF-Sendungen von der Seebühne gesendet. Außerdem erhoffte man sich viele Touristen, die die Ränge vor der ZDF-Strandbühne füllen sollten.

Vier Tage nach dem Anpfiff scheint die EM-Euphorie jedoch noch nicht in Heringsdorf angekommen zu sein. Die Strandliegen sind nur zur Hälfte belegt - zumindest wenn nicht gerade Deutschland spielt. Das ZDF selbst gibt zu, dass man sich mehr Zuschauer erhofft hatte.

Orakeltierwettbewerbe und lustiges Strandkorbschießen

Das Publikum, dass sich allabendlich am öffentlich-rechtlichen Fußballstrand einfindet, besteht überwiegend aus betagten Kurgästen in Wind-und-Wetter-Jacken, die zum Meeresrauschen und braven Geplauder von Müller-Hohenstein und Kahn dahinschlummern. Morgens ist mehr Stimmung: Da sendet das ZDF aus der gleichen Kulisse die Morgenshow "Volle Kanne". Am Montag war Gute-Laune-Bär Wolfgang Lippert da. Grillrezepte oder Tipps zur Fußpflege gibt es auch. Genauso wie Orakeltierwettbewerbe und lustiges Strandkorbschießen mit Toni Schuhmacher. Das ist Unterhaltung, wie der Usedom-Urlauber es mag. Kein Wunder, dass mehrere Security-Männer das Treiben bewachen, Senioren außer Rand und Band stürmen doch gerne mal die Bühne.

Auch der Kochsendung "Lafer! Lichter! Lecker" dient der Fußballstrand als Kulisse. Und am Sonntag findet er endlich seine wahre Bestimmung: Dann kommt Andrea Kiewel mit dem ZDF-Fernsehgarten nach Usedom. Dann hat sich auch das Warten der tapferen Rentner gelohnt, die seit Tagen auf den ZDF-Sonnenliegen ausharren und sogar die Expertise von Kahn und Müller-Hohenstein über sich ergehen lassen. Dann bekommen sie endlich, was die ZDF-Kulisse am Strand verspricht: Grillparty und Sandburgencontest mit Kiwi. Wer Fußball pur will, so scheint es, der muss nach Polen oder in die Ukraine fahren. Oder die ARD einschalten.

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