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EM-Fernsehkritik, Tag 1: Noch keine Spur von Fußballfieber

Mit viel Aufwand will das ZDF die Euphorie der WM 2006 auf die Europameisterschaft übertragen. Das hat am Eröffnungstag nicht so richtig geklappt, die deutsche Mannschaft wurde sogar ausgebuht. Rätsel gibt auch ein riesiges orangefarbenes Auge auf, das den Zuschauer anstarrt.

Von Björn Erichsen

Was haben sich die ZDF-Bühnenbauer bloß bei diesem Auge gedacht? Das macht Angst! Riesengroß füllt es die Leinwand im EM-Studio, mit der Iris in triefigem Orange, Pupille und Wimpern, rundherum ein Stückchen Lid. Wird es unvermittelt eingeblendet, läuft einem unweigerlich ein Schauer über den Rücken. Immer wenn Johannes B. Kerner beim Interview von hinten aufgenommen wurde, starrte es über dessen linke Schulter und entfaltete in Kombination mit der Säuselstimme des Moderators eine fast schon hypnotische Wirkung. Es lässt sich leidlich spekulieren, was dahinter steckt. Vielleicht ein Psycho-Trick der GEZ, um auch den letzten Schwarzseher mit einem subtilen "We’re watching you" vom Sinn der Gebührenzahlung zu überzeugen? Oder gar ein dreister Gruß vom Innenminister, der per Staatsfernsehen einen besonders tiefen Blick in deutsche Wohnzimmer ergattern will?

Alles nicht sehr wahrscheinlich. Vermutlich stimmt die ZDF-Version, nach der das riesige Auge Teil des Bühnenbildes von "Tosca" ist. Die Oper wird nämlich auf der Seebühne der Bregenzer Festspiele aufgeführt, wenn nicht gerade Europameisterschaft ist, oder sie, wie Anfang des Jahres – als Kulisse für den neuen Bond-Film dient. 5000 Fans fasst die aufwendig erbaute "ZDFarena" in Bregenz, idyllisch auf österreichischer Seite am Bodensee gelegen. Und dort soll sich im besten Falle eine Stimmung entfalten wie damals, bei der WM 2006, als alles so leicht war, und die Deutschen besoffen vor Glück. Als sich sogar die Macher des öffentlich-rechtliche Fernsehen über das seltene Gefühl freuen konnten, auf der gleichen Wellenlänge zu schwingen wie die Gebührenzahler, die ihnen im Gegenzug Rekord-Quoten bescherten. Doch momentan herrscht noch Ungewissheit: Wie viel Sommermärchenpotenzial steckt eigentlich in dieser Europameisterschaft?

Keine Initialzündung in Bregenz

Von der Initialzündung eines großen Fußballrauschs war man in Bregenz am Eröffnungstag noch ein gutes Stück entfernt. Da weder Deutschland noch Österreich spielten und das Wetter lausig war (Undenkbar in 2006!), verlor sich nur ein kleines Häuflein von Zuschauern in den grünen Schalensitzen der Arena. Das konnten auch vorsichtige Kameraschwenks nicht verbergen. Highlights auf Fan-Seite waren zunächst ein Trupp Österreicher, die einen Einspielfilm über die deutsche Mannschaft ausbuhten, und dann "ein paar Hundert Türken" (Kerner) die selbiges mit einem Leinwand-Bild von Christiano Ronaldo taten. Alles andere als märchenhaft.

Die drei WM-Spaßgranaten Kerner, Klopp und Meier ließen sich davon nicht irritieren. Im Beinahe-Einheitslook – alle drei waren im gedeckten Jackett, das Hemd einen Knopf offen, unterwegs - spulten sie gekonnt ihr fernsehpreisgekröntes Programm ab: analysieren, fachsimpeln, frozzeln, am besten schön durcheinander. Auf die wichtigsten Fragen gab es aber Antworten: Spielt Schweini am Sonntag gegen Polen? Vielleicht. Ist Christiano Ronaldo der derzeit beste Spieler der Welt? Vermutlich. Wird es den Schweizern erstmals in ihrer Geschichte gelingen, ein EM-Spiel zu gewinnen? Die letzte Frage ging kurz vor Anpfiff des Eröffnungsspiels mit breitem Kloppo-Kerner-Grinsen an den sichtlich angespannten Schweizer Ex-Schiri Urs Meier, der hinterher (wieder mal getröstet) werden musste, als er die Antwort kannte.

Jürgen Klopp war informativ

"Informativ und emotional", so wünscht sich ZDF-Chefredakteur Nikolaus Bender die ZDF-Euro-Berichterstattung seines Teams. Und er wurde nicht enttäuscht: Die Verletzung von Alexander Frei wurde als schweizerischer Notstand deklariert: "Die ersten Tränen der EM sind geflossen", verkündete Kerner ernst in seiner Halbzeitansprache und hatte dafür extra sein "Verona-nun-wein-doch-nicht"-Gesicht aufgesetzt. Vermutlich ist da auch das ZDF-Riesenauge ein wenig glasig geworden. Informativ war dann tatsächlich Neu-Dortmund-Trainer Klopp, der seinen künftigen Spieler Frei auf dem Handy erreichte und zumindest eine kleine Entwarnung geben konnte: "Es sieht nach Innenbandabriss aus. Die Euro ist gelaufen, aber eben doch nicht ganz so schlimm wie befürchtet."

Es ist bedauerlich, dass Klopp – genau wie Meier – seine Tätigkeit als TV-Experte nach der Euro zu beenden wird. Kein anderer Sportexperte kann derart formschön eine endlos lange Kerner-Frage beantworten und gleichzeitig mit dem roten Filzstift die Laufwege von Christiano Ronaldo in die portugiesische Mannschaftsaufstellung kritzeln. Nun sagt Kloppo auch immer nur so Dinge wie "Es kommt aufs Team an" – doch versteht er selbst die übelste Floskel noch derart charmant zu verkaufen, dass sie durchdachter klingt als alles, was uns Günter Netzer in den nächsten drei Wochen mitteilen wird.

Kommentatoren waren bemerkenswert unaufgeregt

Erstmals bei einem Großturnier dabei ist Sportstudio-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein, die gemeinsam mit Norbert König aus den Stadien berichtet. Das ZDF setzt bei der "Mission Sommermärchen" vorwiegend auf bewährte Kräfte: Im Quartier der deutschen Mannschaft ist Michael Steinbrecher unterwegs, die Kommentatorenplätze teilt sich ZDF-Urgestein Wolf-Dieter Poschmann mit Béla Réthy und Thomas Wark. Die waren bereits am Samstag im Einsatz und führten bemerkenswert unaufgeregt und kundig durch ihre Spiele. Réthy dachte sogar daran, dass bei Welt- und Europameisterschaften viele Fußball-Laien vor dem Fernseher sitzen und erklärte brav, warum der tschechische Torwart Peter Czech beim Spielen so eine seltsame Maske trägt. "Jetzt liegt alle Traditionen der Schweiz offen da – bis auf das Bankgeheimnis" – kommentierte er trocken, als die Schweizer ihre Vorzüge bei der ein wenig biederen Eröffnungsfeier präsentierten.

Fazit des ersten Tages: Zwei ansehnliche Spiele gesehen, eine solide Berichterstattung, aber noch keine Spur von Fußballfieber, auch wenn Christina Stürmer dies in ihrem EM-Song leidenschaftlich fordert. Es wird also langsam Zeit, dass sich was dreht! Andererseits hat die Euro aber grad erst angefangen. Und wenn die deutsche Mannschaft ihr erstes Spiel gewinnt, wird die Euphorie im Land der weltweit besten Fußballfestveranstalter von ganz allein kommen. Und durch die rosarote Brille betrachtet, sieht das große Auge auf der ZDF-Bühne bestimmt auch nicht mehr ganz so schaurig aus.

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