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Nur über meine Leiche: Den Tod nimmt hier niemand ernst: Wieso ein Rentner-Club seine eigenen Särge baut

In Neuseeland baut eine Gruppe Rentner ihre eigenen Särge. Das hat Vorteile:  die Ewigkeit mit Elvis in der Kiste zum Beispiel. Aber da liegt noch mehr begraben.

Von Nele Justus

Verrückte Hühner: Bei ihrer Beerdigung lässt Pearl alle den "Chicken Dance" tanzen.

Verrückte Hühner: Bei ihrer Beerdigung lässt Pearl alle den "Chicken Dance" tanzen.

Den nimmt hier niemand ernst. Er ist wie ein guter Freund. Einer, über den man Witze reißt, weil man sich schon lange kennt. Einer, der sich auf der Couch breitmacht und nicht mehr abhaut. Einer, der jeden Tag unangemeldet zur Tür hereinplatzen kann. Der Tod, das weiß hier jeder, ist unausweichlich. So why shouldn’t it be fun?

Im Kiwi Coffin Club in der Kleinstadt Rotorua auf der Nordinsel Neuseelands bauen Rentner ihre Särge selbst. Wie man auf so eine makabre Idee kommt? "Beerdigungen sind ja oft sehr trist", sagt Deidre, 76, eines der Gründungsmitglieder. "Sie sind unpersönlich und unglaublich teuer. Wenn du erst mal in unserem Alter bist, musst du zu einer Reihe dieser Veranstaltungen gehen. Aber was sagt so ein 08/15-Sarg schon über einen aus? Oder eine Rede von einem Pfarrer, der den Verstorbenen kaum kannte? Nichts! Das ist doch unwürdig. Deswegen haben wir das Ganze lieber mal selbst in die Hand genommen."

Jeden Mittwoch, ab acht Uhr morgens, treffen sich die Senioren in einem weißen, unscheinbaren Bungalow an der Old Quarry Road. Dann füllt sich der Parkplatz vorm Haus mit Autos und die Luft mit dem Kreischen der Sägen, mit monotonem Gehämmer – und mit viel Gelächter. Ron ist immer einer der Ersten. "Der kommt meistens schon um sechs", sagt Deidre. "Stimmt doch, oder Ron? Hast du dich wieder eingenässt und bist davon wach geworden?" – "Das ist doch normal für einen alten Sack wie mich", ruft er zurück und lacht, bis seine dicke Wampe wackelt.

"Es gibt diesen einen Moment, in dem dich die Realität trifft wie ein Schlag"

Was das für ein Gefühl ist, seinen Sarg selbst zu bauen, will ich von Deidre wissen, als wir durch ein Fotoalbum mit den fertigen Meisterwerken blättern: Särge, die aussehen wie eine Straßenbahn, ein Gokart oder ein Segelschiff auf offener See. "Es nimmt dem Tod seine Schwere. Er wird normal", sagt sie. "Es gibt diesen einen Moment, in dem dich die Realität trifft wie ein Schlag. Boom. Aber der geht vorbei. So schnell wie er gekommen ist. Und dann ist der Tod nur der Tod." Deidre hat in den vergangenen Jahren zwei Särge gebaut. Einen für sich, dekoriert mit den Fotos ihrer Haustiere und Enkelkinder. Und einen für ihren Mann Collin. "Den haben wir rundherum mit Zeitungen verkleidet, weil Collin sie jeden Tag von der ersten bis zur letzten Seite durchgelesen hat. Das war eine Höllenarbeit, sag ich dir. Die Zeitungsausschnitte sind ständig gerissen und haben Falten geworfen." Am Ende hat Deidre zum Bügeleisen gegriffen. Das hat funktioniert. Collin starb vor einem halben Jahr. "Das war ein Fest, sag ich dir. Wir haben ihm eines dieser knallbunten Hawaiihemden angezogen, das er immer zum Golfspielen trug. In der Kapelle haben wir 'I Did it My Way' gespielt. Collin hatte immer seinen eigenen Kopf. Ein sturer Bock. Da sind wir uns sehr ähnlich. Was haben wir uns manchmal gezofft. Anyway. Für seinen letzten Weg haben wir ihm sein Lieblingsbier und seine Golfschläger mitgegeben. An diesen Tag werde ich mich noch lange erinnern."

Nur über meine Leiche: Die makabre Idee mit den eigenen Särgen
Wenn Raewynne geht, dann nur mit Elvis. Der King ist ihr Idol. Und ihm hat sie ihren Sarg und ein Extrazimmer gewidmet.

Wenn Raewynne geht, dann nur mit Elvis. Der King ist ihr Idol. Und ihm hat sie ihren Sarg und ein Extrazimmer gewidmet.

Vor dem Tod dient der Sarg auch gerne mal als Fernsehtisch

Freunde, Verwandte, Ehepartner: Jeder hier hat jemanden verloren. Der Tod ist also ein guter Bekannter, dem sie mit reichlich Humor und einem gewissen Pragmatismus begegnen. Mehr als tausend Dollar für einen Kasten aus Holz auszugeben, den man am Ende nur verbrennt, halten alle für vollkommen sinnlos. "Es sind doch nur ein paar Bretter!", sagen sie. Ihr Do-it-yourself-Modell kostet im Schnitt 300 neuseeländische Dollar, also rund 185 Euro. Und die zahlen sich noch zu Lebzeiten aus. Weil der Platz im Coffin Club begrenzt ist, nehmen alle Mitglieder ihren fertigen Sarg mit nach Hause. Sie nutzen ihn als Fernsehtisch, Sitzbank oder ­Bücherregal. "Aber, äh, ist das nicht ein seltsames Gefühl, immer auf den eigenen Sarg zu starren, den Tod ständig im Blick?", frage ich sie. "Na, solange noch keiner drinnen liegt, ist es ja nur eine leere Kiste."

"Weißt du, an den Tod gewöhnt man sich nie"

Der Kiwi Coffin Club ist viel mehr als nur ein Ort, an dem sich unerschrockene Rentner dem Tod stellen. Er ist eine Gemeinschaft. Ein Ort, an dem sich jeder um den anderen kümmert. Ein Miteinander, das einem einen Grund liefert, morgens aufzustehen, und das die Einsamkeit verscheucht. Zurückgezogen, im hintersten Raum bei verschlossener Tür, schmirgelt Jeanette, 78, an einem Kindersarg. Die spendet der Club regelmäßig dem örtlichen Krankenhaus. "Warum bist du hier allein?", frage ich. "Ich mag die Ruhe", antwortet sie. "Kann ich dir helfen?", will ich wissen. Da drückt mir Jeanette ein Stück Schmirgelpapier in die Hand, und schon arbeiten wir still nebeneinander her. Nur das kratzende Geräusch unserer Bewegungen klingt im Raum. "Und? Warum bist du hier?", breche ich irgendwann das Schweigen. "Ach, ich mag da gar nicht drüber reden", sagt sie erst, mit etwas wackeliger Stimme. Und setzt dann doch zu einer Erklärung an. "Ich habe meine beiden Ehemänner verloren. Schlaganfall und Krebs. Und meine Tochter auch. Das hier ist mein Versuch zu heilen. Weißt du, an den Tod gewöhnt man sich nie. Aber man kann lernen, damit umzugehen. Sein Kind sterben zu sehen, das ist kaum auszuhalten. Aber meine Tochter mochte die Idee des Coffin Clubs. Deshalb haben wir bei der Beerdigung alle etwas auf ihren Sarg geschrieben. Das war ein schöner Weg, sie ziehen zu lassen." – "Teatime", ruft einer von draußen. Da ringt sich Jeanette ein Lächeln ab. "Na, dann lass uns mal gehen, bevor die Guys alles wegfuttern."

Die Guys, das sind die Männer aus der Werkstatt. Sie sägen die Särge zu, schrauben sie zusammen, befestigen die Tragegriffe und tackern die Plastikfolie für den Innenraum fest. Die Frauen schmirgeln, grundieren, streichen, dekorieren. Da gibt es eine ganz klare Geschlechtertrennung. Die wird auch bei der Teatime nicht aufgegeben. Die Männer sitzen an einem Tisch, die Frauen am anderen. Ein bisschen wie in den 50ern. Aber ich will diese Grundordnung nicht ins Wanken bringen und setze mich zu den Ladys. Bei einer heißen Tasse English Breakfast und Keksen mit Schokoüberzug reden wir über den letzten Tag. Ihr großes Finale, das sie bis ins kleinste Detail geplant haben. "When I go ..." – damit beginnen viele ihrer Sätze. Und ich denke, es sind wohl diese Pläne, die den Tod fast freundlich erscheinen lassen. Selbst entscheiden, wie man geht. Sich auf seine Weise verabschieden. Nur so gewinnt man die Kontrolle über etwas, das sich nicht kontrollieren lässt. Da wäre zum Beispiel Pearl, 78, die "Chicken Lady". Sie züchtet Hühner und verkauft Eier, um sich die Rente aufzubessern. Wenn sie ins Jenseits geht, drückt ein Freund auf einen Knopf, dann hüpft ein Huhn vom Deckel ihres Sarges aus einer Box, und der "Chicken Dance" ertönt, bei uns als Ententanz bekannt. "Auf meiner Beerdigung sollen die Leute tanzen!", sagt sie. "Ich hatte doch ein volles Leben! Ist viel besser, das zu feiern als um mich zu trauern." Vor Jahren schon hat sie all ihre Papiere sortiert und abgeheftet, "damit  mein Sohn keine Arbeit hat mit diesem ganzen bürokratischen Krams. Alles ist organisiert, wie du siehst – nur mein Ticket habe ich noch nicht."

Zur Beerdigung singt Elvis, ihr Idol

Auch Raewynne schmeißt eine Party vor ihrer letzten Reise. "May the journey continue" steht auf der Plakette für ihren Grabstein, die sie mir entgegenhält. "Schön geworden, oder? Heute gekommen." Zu ihrer Beerdigung wird Elvis singen, ihr Idol. "Ich habe da diese DVD gekauft. Die wird die ganze Zeit laufen. Da müssen die Gäste durch. Das ist das Gute am letzten Willen, den kann einem keiner abschlagen." Wer die 73-Jährige kennt, der weiß, wie verrückt sie nach dem King ist. Er tanzt in ihrem Auto unterm Rückspiegel, sie trägt ihn als Uhr am Handgelenk, und sie hat sich sein Lebensmotto – TCB, taking care of business – tätowieren lassen. "Wo? Zeig her!", sage ich zu ihr. "Willst du das wirklich sehen? Ist doch nur olle, trockene Schrumpelhaut", gibt sie zurück und krempelt dann doch ihr Hosenbein hoch, sodass ich den Schriftzug auf ihrer Wade lesen kann. Raewynne hat sogar die Innenseite ihres Sargdeckels mit einem mannsgroßen Elvis-Abbild beklebt. "Stell dir vor: Elvis über mir, bis in alle Ewigkeit. Das ist nicht zu toppen!"

Der Tod wird immer normaler – selbst für die Kleinsten

Aus dem einen Coffin Club in Rotorua ist eine weltweite Bewegung geworden. Mittlerweile wurden mehr als 15 solcher Vereine in Neuseeland gegründet, dazu einer in Großbritannien und einer in Australien. Der Umgang mit dem Tod verändert sich – und zwar überall. Es gibt  "Death Cafés", selbst in Deutschland, in denen man über den Tod reden kann, und "Living Wakes", bei denen der Noch-nicht-Verstorbene seine Beerdigung vorfeiert. Der Tod wird immer normaler. Selbst für die Kleinsten. "Als wir meinen Sarg dekoriert haben, halfen mir meine Enkel", erzählt Deidre. "Die wachsen gleich mit der Idee auf, dass Sterben nichts Schreckliches ist. Und da vorn, siehst du die Frau mit den roten Locken? Das ist Jane, sie streicht gerade den Sarg für ihre Mutter." Auch so kann das also gehen: Särgebauen als Familienevent. Ist doch viel einleuchtender, als den Tod totzuschweigen. Ihn zu verdrängen macht ihn nicht weniger real. Im Gegenteil. Es verleiht ihm mehr Macht. Und die sollten wir ihm nicht zugestehen.

Das Leben feiern und den Tod gleich mit – die Mitglieder des Coffin Club zeigen der Welt, wie das geht. Im vergangenen Jahr haben sie sogar einen Musical-Clip gedreht, in dem sie den Tod schwindelig tanzen. In goldenen Paillettenkostümen legten sie eine broadwayreife Performance hin und sangen: "We never knew how awesome death could be." Das Musical wurde ein Hit, im Netz ging der Film viral:

"Auf einmal bekamen wir Mails aus der ganzen Welt. Viele wollten wissen, wie man Särge selber baut. Oder haben gefragt, ob sie wohl einen bei uns kaufen könnten." Ein personalisierter Sarg zu erschwinglichen Preisen: Das muss doch ein Verkaufsschlager sein. "Grabt ihr langsam den Bestattern das Wasser ab?", frage ich Ron, den Schatzmeister. "Noch sind die ganz gut auf uns zu sprechen", sagt Ron. "Aber die Bestellungen werden immer mehr. Letztes Jahr haben wir genau 132 Särge abgeliefert. Das war unser Peak. Etwa drei pro Woche bekommen wir fertig. Ziemlich guter Schnitt für eine Handvoll Freiwilliger."

"Wir haben einen silbernen Tsunami losgetreten, der nicht mehr aufzuhalten ist"

Die steigende Nachfrage bedeutete aber auch, dass sie das Ganze professioneller aufstellen mussten. Die Kunden erwarten eine gewisses Qualität, wenn sie Geld bezahlen. Deswegen gibt es nun eine Auswahl an Farben, Griffen, Stoffen für den Innenraum – und die sechs goldenen Regeln, die in der Werkstatt an der Wand hängen. Da steht etwa: "Alle Särge werden gestrichen – die Unterseite ist ein Muss." Oder: "Erst, wenn die Farbe trocken ist, dürfen die Griffe montiert werden." Später treffe ich noch die Gründerin des Kiwi Coffin Club, Katie, 78. Sie hat die Bewegung überhaupt erst ins Rollen gebracht, weil "meinen Sarg selbst bauen" auf ihrer Bucket List stand, genauso wie ein Fallschirmsprung. Und weil sie als Palliativkrankenschwester viele Menschen hat sterben sehen, auf viel zu unspektakuläre und unpersönliche Art und Weise. Deswegen setzt sie heute alles daran, anderen zu helfen, Coffin Clubs aufzubauen. Dafür ist sie ständig unterwegs. Sie redet vor Senioren, Bestattern und auch "vor euch jungen Leuten". Diesen Monat hält sie einen TED-Talk. "Jedes Mal, wenn ich das meinen Freunden erzähle, fragen die: Wer ist eigentlich dieser Ted?"  "Hättest du jemals gedacht, dass der Coffin Club so einen Hype auslösen würde?", frage ich sie. "Nie im Leben! Aber ist das nicht schön? Wir haben einen silbernen Tsunami losgetreten, der nicht mehr aufzuhalten ist." Vielleicht überrollt der ja auch bald Deutschland. Schön wär’s. Wir arbeiten dran.

Motoball: Fußball mit Motorrädern: Da springt schon mal die Kniescheibe raus

Diese Geschichte stammt aus der siebten Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu kaufen auch hier.

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