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Extremsport Big-Wave-Surfen: Die Monsterjägerin: Justine Dupont ist das Anti-Klischee des sexy Surfergirls

Big-Wave-Surfer reiten Wellen, die so groß sind wie Hochhäuser. Ein Sport für die ganz wilden Kerle. Und für Justine Dupont. Sie ist tougher als die meisten Typen und das Anti-Klischee des sexy Surfgirls. Wir haben uns an ihr Board geheftet.

Von Nele Justus

Du musst die Welle kontrollieren, sonst kontrolliert sie dich"

Du musst die Welle kontrollieren, sonst kontrolliert sie dich"

Der Wind steht gut. Er kommt aus Südost. Justine Dupont, 26, braun gebrannt, verfilzte Locken, sitzt auf den Klippen vor dem Leuchtturm im portugiesischen Nazaré, um die Wellen auszuchecken. "Könnte ganz gut werden heute", ruft sie über den Wind. "Nicht ganz so hoch, aber schöne Tunnel zum Surfen." Nicht ganz so hoch, das heißt bei ihr so um die zehn Meter, vielleicht auch zwölf. Kein normaler Mensch würde sich bei solchen Bedingungen aufs Wasser wagen. Aber in Nazaré überwintern jedes Jahr ein Dutzend Verrückte, die genau auf solche Brecher aus sind. Hier gibt es ein Naturphänomen, das auf der Welt einzig­artig ist. Vor der Küste liegt ein Tiefseegraben, der die Wassermassen zu riesigen Monsterwellen auftürmt, 20, 30, 35 Meter hoch. Manche sagen, es seien die höchsten Wellen der Welt.

Wellen im 15-Sekunden-Abstand

Mit Justines Van heizen wir durch die engen Kurven des Fischerdörfchens in Richtung Hafen. Die Konkurrenz wartet nicht. Hier liegt der Red-Bull-Hangar. Surfbretter in verschiedenen Größen hängen von den Wänden. "Drei habe ich diese Saison gecrasht", sagt Justine. Im Laufschritt bereiten sie und ihr Verlobter alles vor. Sie checken die Walkie-Talkies, stecken Gaskartuschen in die Rettungswesten, zwängen sich in die engen Neos und ziehen den Jetski ins Hafenbecken. Ohne den geht gar nichts. Werden die Wellen zu groß, kann man sie nicht mehr aus eigener Kraft erpaddeln. Deswegen haben die Surfer einen Tow-in-Partner, der sie mit dem Jetski an einem Seil mit 60 km/h auf die Spitze der Wasserberge zieht und sie nach dem Ritt aus der Gefahrenzone holt. Das muss schnell gehen. Im 15-Sekunden-Abstand rollen die Brecher heran. "Für den Notfall", sagt Fred und drückt mir ein Walkie-Talkie in die Hand, bevor er sich mit Justine in die Brandungszone aufmacht. Da hätte ich nicht gedacht, dass ich es benutzen würde.

Die Monsterjägerin: Big-Wave-Surferin Justine Dupont
"Du musst immer im Moment sein, an dich glauben, deine Angst kennen. Dann kommst du weiter."

"Du musst immer im Moment sein, an dich glauben, deine Angst kennen. Dann kommst du weiter."

"Es sind immer die kleinen Tage, an denen so ein Scheiß passiert"

"Er ist hier!", brülle ich eine Stunde später in das gelbe Ding. "Er ist safe!" Fred und zwei andere -Fahrer brettern wie wild über das Weißwasser auf der Suche nach dem Australier Ross Clarke-Jones, 51. Sie werden von den Ausläufern der Wellen von ihren Jetskis gerissen, ziehen sich wieder hoch, rasen weiter. Der Australier hat einen Fehler gemacht, seine Welle in die falsche Richtung genommen, hin zu den Felsen, die den Leuchtturm einrahmen. Sie hat ihn umgehauen, ihn 30 Sekunden unter Wasser gedrückt. Als er wieder hochkommt, direkt zwischen den Steinen, wird er vom abfließenden Wasser wieder rausgezogen und gegen die Felsen geschmettert. Mit einer Gehirnerschütterung und einem lädierten Bein hangelt er sich die Klippen hoch. "Es sind immer die kleinen Tage, an denen so ein Scheiß passiert", sagt er, als er oben ankommt.

Für so einen Scheiß trainiert Justine täglich. Denn irgendwann erwischt es jeden einmal. Das gehört zu dem Extremsport. Genauso wie die Euphorie nach einem richtig guten Ritt. "Du musst das Wasser zu deinem Element machen", sagt sie. Deswegen geht sie immer surfen, egal, ob die Sonne scheint oder es in ­Strömen schifft. Sie lässt sich vom Jetski übers Wasser ziehen und stürzt sich die Wellen runter, bis ihr die Oberschenkel und Arme brennen. "Keiner der anderen steckt so viel Arbeit rein wie sie", sagt Rafael Riancho, einer der Fotografen, die mit ihren langen Objektiven immer am Rand der Klippen stehen, um spektakuläre Bilder zu schießen. "Justine ist die erste auf dem Wasser und die, die noch weitermacht, wenn die anderen schon längst wieder abgedreht haben." Auch heute bleibt Justine länger als andere. Sie wechselt ihr kleines Board gegen ein größeres, mit dem sie in die Wellen paddeln kann – und wartet. Auch das gehört dazu. In Nazaré kann man nie genau sagen, wo die Wellen brechen. Man braucht ein gutes Auge und viel ­Geduld. Dann kommt ein Riesending angerauscht, und Justine weiß, das könnte die größte Welle sein, die sie je erpaddelt hat. Sie stürzt sich runter, reitet sie bis zum Ende.

Das Adrenalin dampft aus allen Poren

Schreit, jubelt, als Fred sie wieder rauszieht. Auf so eine Welle hat sie den ganzen Winter gewartet. Dafür hat sie monatelang trainiert. Trotzdem hört sie nicht auf. Sie lässt sich ­wieder rausziehen. Nimmt noch eine. Aber als Fred durch die schäumende Brandung auf sie zurast, wird er selbst mit dem Jetski umgeworfen. Der knallt ihm gegen die Wade und kentert. Jetski und Fahrer werden an den Strand getrieben. Das war’s für heute. Macht aber nichts. Das Adrenalin dampft den beiden noch Stunden später aus allen Poren.

Weltweit gibt es nur ein Dutzend Frauen, die Riesenwellen reiten. Seit zwei Jahren surft Justine ganz vorn mit. Vorher hat sie sich als Profisurferin auf den kleineren Wellen rumgetrieben. Die Französin ist Vizeweltmeisterin im Longboard und SUP, mehrfacher nationaler Surfchampion und zählte zu der Elite der besten Surferinnen der Welt. Das ist ihr Vorteil. Technisch ist sie fast perfekt. Das macht sie besser als andere, auch als viele , und das sehen die nicht gern. Sie haben keinen Bock, dass aus­gerechnet eine Frau an ihnen vorbeizieht.

Frauen wurden lange gezielt ausgeschlossen

Es gab da diesen Tag im Januar, einen Wettkampftag, da waren die Wellen so hoch wie seit Jahren nicht mehr. Sie ­brachen gegen die Mauern des Leuchtturms, dass die Gischt die Zuschauer nass spritzte. "Ich wollte mich gerade eine Riesenwelle runterstürzen, als einer der anderen Surfer mit seinem Jetski ­direkt auf mich zu kachelte." Ihr blieb nur noch eines: abbrechen und die Welle ­ziehen lassen, sonst wären sie ineinander geknallt. Es hätte ihr Tag werden können. Ihr Erfolg. Und damit die Möglichkeit auf ein fettes Preisgeld. Den Ruhm hat dann aber ein anderer kassiert: Hugo Vau. Er hat die "Big Mama" erwischt. Ein Riesenmonster, um die 35 Meter hoch. "So läuft der Sport", sagt Justine. "An Wettkampftagen schenkt sich keiner was."

Beim Big-Wave-Surfen ist alles extrem: die Konkurrenz, die Gefahr, die Wellen, die Kosten. Allein für den Jetski muss man um die 10.000 Euro hinblättern. Dazu die Ersatzteile, die Boards, die Ausrüstung, da kommt ein Batzen Geld zusammen. "Um ein ganzes Jahr lang surfen zu können, bräuchten wir etwa 120.000 Euro." Das geht nur, wenn man Sponsoren im Rücken hat und Preisgelder gewinnt. Und das war bisher eines der größten Probleme. Jahrzehntelang wurden nur Männer zu den großen Wettkämpfen eingeladen und Frauen gezielt ausgeschlossen. Bei den "Titans of Mavericks" etwa, einem der renommiertesten Wettbewerbe der Welt, befand die männliche Jury von Jahr zu Jahr keine einzige Frau für fähig genug, die Giganten zu bezwingen. Also organisierten sich die amerikanischen Big-Wave-Surferinnen und setzten Behörden, Veranstalter und die Kalifornische Küstenkommission unter Druck. Mit Erfolg. 2017 wur­den erstmals sechs Frauen zugelassen. Eine von ihnen war Justine Dupont. Jetzt ziehen auch andere Veranstalter nach, weil sie feststellen, dass es den Zuschauern egal ist, wer da auf der Welle steht – krass ist es allemal.

Der Surfsport ist sexistisch. Spon­soringverträge ergattern meist nur Frauen, die in knappen Bikinis ihre Boards am Strand spazieren tragen. Auf Werbetafeln sieht man die Surferinnen fast immer von hinten in kurzen Höschen. Wer braucht schon ein Gesicht dazu? Knackpo verkauft sich gut. Genauso wie das Image des sexy Surfgirls. "Aber das ist nicht mein Ding", sagt Justine. "Manchmal kann einen das ganz schön frusten." Postet sie ein Bild bei Instagram, auf dem sie einen Riesenritt zeigt, den sie gerade gemeistert hat, bekommt sie 2000 Likes. Wenn’s gut läuft. Postet eine Kollegin ein Bild von sich im Bikini am Strand, bäm, 10.000 Likes. "Jeder muss seinen eigenen Weg finden. Meiner dauert vielleicht etwas länger." Dafür gibt sie alles.

"Wenn das Wasser einen unterdrückt, darf man nicht in Panik geraten"

An Tagen, an denen der Wind flau ist, geht sie ins Gym oder den Pool, um ihre Grenzen zu pushen. Viereinhalb Minuten kann sie die Luft anhalten. So wie jetzt. Da sitzt sie im Schwimmbecken im Schneidersitz neben mir und streckt mir unter die Wasser die Zunge raus. 32 Sekunden halte ich aus, dann giert mein Körper so sehr nach Luft, dass ich auftauchen muss.

Sie sitzt. Und sitzt. Und sitzt. Unter Wasser. Viereinhalb Minuten lang.

Sie sitzt. Und sitzt. Und sitzt. Unter Wasser. Viereinhalb Minuten lang.

Oben keuche ich wie ein Kettenraucher nach einem Sprint. Justine bleibt unten sitzen. Sie weiß, wie es sich anfühlt, keine Luft mehr in der Lunge zu haben. Wenn das Zwerchfell sich verkrampft und die ­Finger vor Sauerstoffmangel anfangen zu kribbeln. Sie weiß auch: Selbst dann geht noch was. "Wenn das Wasser einen unterdrückt und hin und her schmeißt wie eine Puppe im Schleudergang, darf man nicht in Panik geraten. Sonst verbraucht man wichtigen Sauerstoff. Du musst entspannt bleiben, deine Angst kennen, dann haut sie dich nicht um."

Jetzt aber erst mal Zwangspause. Fred und der Jetski müssen wieder hergestellt werden, bevor die nächste Welle kommen kann. Schwächen kann man sich nicht leisten. "Du musst die Welle kontrollieren, sonst kontrolliert sie dich." Fehler werden übel bestraft. Und Justine hat noch zu viel vor. Den Sommer wird sie in Mexiko surfen, da ist es billig, und die Wellen sind fast so schön wie in Portugal. Ab Oktober findet man sie wieder in Nazaré, zusammen mit einem Dutzend Verrückter: Monster jagen.

Diese Geschichte stammt aus der zweiten Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu finden auch hier.

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